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Leuchtturm Ostdeutschland · Freistaat Sachsen
Themenseite · Stand April 2026

Silicon Saxony — Europas größter Mikroelektronik-Verbund in Dresden

Zwischen Elbe und Heidesand, dort wo vor 36 Jahren noch Robotron-Großrechner und 1-Megabit-Speicherchips der DDR gebaut wurden, steht heute der größte Mikroelektronik-Standort Europas. Rund 80.000 Menschen arbeiten in und um Dresden in der Halbleiterindustrie, über 2.500 Unternehmen bilden den Verbund, und ab 2027 produziert hier das erste europäische TSMC-Werk. Jeder dritte in Europa gefertigte Chip kommt aus Sachsen. Silicon Saxony ist keine leere Überschrift — es ist die stillste und zugleich eindrucksvollste Erfolgsgeschichte, die Deutschland nach der Wiedervereinigung geschrieben hat. Diese Seite erzählt, wie es dazu kam, wer dort heute wirklich arbeitet und was noch kommt.

1. Silicon Saxony in Zahlen — der Stand 2026

Die Zahlen sind der harte Kern, und sie sind beeindruckend. Wenn man sie zum ersten Mal liest, will man sie eigentlich nicht glauben — weil sie so gar nicht zum bundesweiten Bild vom abgehängten Osten passen. Sie stammen aber nicht aus Pressemitteilungen, sondern aus der Jahresbilanz des Branchenverbands Silicon Saxony e.V., aus Eurostat und aus den Geschäftsberichten der Konzerne selbst.

Direkt Beschäftigte
≈80.000
Menschen arbeiten in Sachsen direkt in Mikroelektronik, IT und Software — rund 25.000 davon in der Halbleiterfertigung.
Quelle: Silicon Saxony e.V., Jahreszahlen 2025
Unternehmen im Verbund
≈2.500
Chiphersteller, Ausrüster, Zulieferer, Softwarehäuser, Forschungs- und Prüfinstitute — der größte Mikroelektronik-Verbund Europas.
Quelle: Silicon Saxony e.V.
Chips aus Europa
≈33 %
Jeder dritte in der EU gefertigte Halbleiter kommt aus Dresden — bei Leistungshalbleitern für die Automobilindustrie sogar mehr als die Hälfte.
Quelle: Silicon Saxony e.V., ESIA
Investitionsvolumen
>20 Mrd €
Neue Werke in Bau oder beschlossen: ESMC/TSMC (~10 Mrd €), Infineon-Großfabrik (~5 Mrd €), Bosch-Erweiterungen, GlobalFoundries.
Quelle: Europäisches Chip-Gesetz, Unternehmensangaben 2024–2026

Zum Vergleich: Der zweitgrößte europäische Halbleiter-Verbund, das französische Grenoble, hat rund 38.000 Beschäftigte — also etwa die Hälfte. Und während die klassische deutsche Industrie in vielen Regionen Stellen abbaut, ist Dresden einer der wenigen Orte, an denen die Halbleiterbranche wächst. Die Stellenanzeigen der Halbleiterwerke laufen seit Jahren quasi dauerhaft, die Mieten ziehen an, und die Stadt Dresden plant erstmals seit Jahrzehnten wieder Wohnungsneubau in größerem Maßstab.

≈33 %
Anteil der in der EU produzierten Halbleiter, die aus Dresden kommen. Für Leistungselektronik im Automobilbereich ist der Anteil sogar noch höher. Quelle: Silicon Saxony e.V.

2. Von Robotron zu TSMC — die Geschichte in einer Zeitleiste

Dass heute TSMC ausgerechnet nach Dresden kommt und nicht nach Paris, München oder Eindhoven, ist kein Zufall. Der Standort hat eine Halbleitergeschichte, die nahtlos bis in die 1960er Jahre zurückreicht — über zwei politische Systeme hinweg. Die Wiedervereinigung war dabei fast kein Bruch, sondern eher ein Wechsel der Eigentümer und Maschinen: Das Wissen, die Fachkräfte und die Zulieferstrukturen blieben in der Stadt.

JahrEreignis
1961Gründung des VEB Kombinat Robotron in Dresden — zeitweise größter Computerhersteller des Ostblocks mit bis zu 68.000 Beschäftigten.
1986Die DDR präsentiert mit dem U61000 den ersten in Dresden entwickelten 1-Megabit-DRAM-Chip — technologisch hinter dem Westen, aber der Fachwissen-Grundstock ist gelegt.
1990Wiedervereinigung. Robotron wird zerlegt, Zehntausende verlieren ihre Arbeit. Das Wissen bleibt in der Stadt — viele ehemalige Robotron-Ingenieurinnen und -Ingenieure gründen später Unternehmen des Verbunds.
1994Siemens beschließt den Bau eines 300-Millimeter-Wafer-Werks in Dresden-Klotzsche. Spatenstich 1996, Produktionsbeginn 1999. Das ist der eigentliche Startschuss für Silicon Saxony.
1996AMD kündigt den Bau der Fab 30 in Dresden an — später Fab 1 von GlobalFoundries. Sachsen wird binnen weniger Jahre zum Halbleiter-Schwerpunkt Europas.
1999Gründung von Silicon Saxony e.V. als Branchenverband und Verbund-Koordinator. Heute über 600 Mitglieder.
2009Die Siemens-Tochter wird zu Infineon Technologies, das AMD-Werk zu GlobalFoundries. Beide Werke gehören seither zu den größten Europas.
2021Bosch eröffnet in Dresden-Hellerau sein modernstes Halbleiterwerk weltweit — 300-Millimeter-Wafer für Leistungselektronik. Investition: rund 1 Milliarde Euro.
2023Infineon beginnt den Bau der „Smart Power Fab" (dt. Werk für Leistungs-Halbleiter) in Dresden — 5 Milliarden Euro, die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte.
2024TSMC gibt gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP die Gründung von ESMC bekannt. Spatenstich in Dresden im August 2024 im Beisein von Bundeskanzler und EU-Kommissionspräsidentin.
Jan. 2026Richtfest bei ESMC Dresden-Klotzsche. Die Hauptstruktur der Fabrik einschließlich des zentralen Reinraumgebäudes steht. Zeitplan bis zum Produktionsstart hält — eine Seltenheit unter deutschen Großprojekten.
2026Infineon Smart Power Fab geht in die Hochlaufphase. Erste Wafer produziert. Dresden ist damit endgültig das europäische Zentrum der Leistungselektronik.
H2 2026Equipment-Einzug bei ESMC. Beginn der Installation der Lithografie-, Beschichtungs- und Prüfanlagen — der technologisch sensibelste Abschnitt des Projekts.
Ende 2027Geplanter Produktionsstart von ESMC/TSMC Dresden. Zuerst eine kleine Pilot-Linie, anschließend Hochlauf auf 40.000 Wafer pro Monat (300 mm) bis 2028/2029, 2.000 neue Arbeitsplätze.

Wer sich klarmacht, dass zwischen Robotron-Abwicklung 1990 und TSMC-Spatenstich 2024 nur 34 Jahre liegen, versteht die eigentliche Leistung dieser Region. In diesem Zeitraum wurden nicht nur Fabriken gebaut, sondern ein komplettes industrielles Ökosystem wiedererfunden — mit Maschinenbauern, Zulieferern, Forschungsinstituten und einer jungen Generation von Halbleiteringenieurinnen, die heute weltweit gefragt sind.

Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.
— Bundeskanzler Helmut Kohl, Fernsehansprache zur Währungsunion, 1. Juli 1990

Der Satz galt jahrzehntelang als Symbol für gebrochene Versprechen — zu Recht, denn gesamtdeutsch ist die Ost-West-Angleichung bis heute unvollendet. In den Löhnen, in den Renten, in den Erbschaften, in der Zahl börsennotierter Firmen-Hauptsitze. Aber an einem Ort ist die Landschaft tatsächlich aufgeblüht, und dieser Ort liegt in Sachsen. Wer heute durch Dresden-Klotzsche fährt, wo früher eine halbverlassene Industriebrache lag, sieht TSMC-Baukräne, Infineon-Werkstore, den ICE zum Werksbeginn. Kohls Versprechen hatte eine Weitsicht, die man ihm damals nicht geglaubt hat. Dass dieser eine Ort die Rechnung einlöst, heilt nicht den Groll über die nicht eingelösten Versprechen anderswo — aber er verdient es, erzählt zu werden.

3. Die Unternehmen — wer in Dresden wirklich Chips baut

Wenn man von Silicon Saxony spricht, meint man vor allem vier große Halbleiterwerke und mehrere hundert kleinere, aber strategisch wichtige Unternehmen drumherum. Hier die vier Großen und ihre wichtigsten Begleiter:

Seit 1999 · Chiphersteller

Infineon Technologies

Hervorgegangen aus der Siemens-Halbleitersparte. Weltmarktführer bei Leistungshalbleitern und Automobilchips. Dresden ist der größte Standort — 3.200 Beschäftigte, seit 2023 im Bau die „Smart Power Fab" für 5 Milliarden Euro, Hochlauf ab 2026.

Seit 2009 (aus AMD Fab 30) · Auftragsfertiger

GlobalFoundries

Auftragsfertiger für Halbleiter, US-arabisches Unternehmen. Die Dresdner Fab 1 ist eine der größten 300-mm-Wafer-Fabriken Europas. Rund 3.500 Beschäftigte. Fertigt Chips für die Automobilindustrie, die Industrie und das Internet der Dinge.

Seit 2021 · Chiphersteller

Bosch Halbleiterwerk Dresden

Modernste Halbleiterfabrik des Bosch-Konzerns, 300-mm-Wafer, Investition rund 1 Milliarde Euro, rund 700 Beschäftigte. Schwerpunkt: Leistungselektronik für Elektromobilität, Fahrassistenzsysteme und Elektrowerkzeuge.

Ab 2027 · Gemeinschaftsunternehmen TSMC/Bosch/Infineon/NXP

ESMC Dresden

Europäische Halbleiter-Fertigungsgesellschaft (European Semiconductor Manufacturing Company, ESMC). Das erste TSMC-Werk in Europa. Investition rund 10 Milliarden Euro, davon etwa 5 Milliarden aus dem Europäischen Chip-Gesetz. Produktion ab 2027, 2.000 Arbeitsplätze, 40.000 Wafer pro Monat. Schwerpunkt: Automobil- und Industrieanwendungen.

Wafer-Zulieferer · Freiberg

Siltronic AG

Einer der fünf weltgrößten Hersteller von Silizium-Wafern. Werk in Freiberg bei Dresden. Beliefert praktisch alle großen Chiphersteller — Infineon, GlobalFoundries, Bosch und künftig auch ESMC.

Verbindungshalbleiter-Wafer · Freiberg

Freiberger Compound Materials

Weltmarktführer bei Galliumarsenid-Wafern — dem Material für Hochfrequenz- und Laserhalbleiter. In Freiberg ansässig, ein weiteres Beispiel dafür, dass Sachsen auch in Nischen Weltspitze ist.

Designhaus · Dresden

Racyics

Dresdner Halbleiter-Designhaus, aus der TU Dresden hervorgegangen. Entwickelt energieeffiziente Prozessor- und Sensorchips für internationale Kunden. Beispiel für eine ganze Schicht kleiner, hochspezialisierter Firmen rund um die Halbleiterwerke.

Ausrüster · Dresden

Carl Zeiss SMT (Standort Dresden)

Zeiss ist mit seiner Halbleiter-Sparte aus Oberkochen der Hauptlieferant für EUV-Lithografie-Optiken von ASML — und damit unverzichtbar für die Chipproduktion weltweit. In Dresden betreibt Zeiss ein Service- und Entwicklungszentrum.

Chiptest · Dresden

X-FAB Dresden

Spezialisierter Auftragsfertiger für analoge und analog-digitale Mischsignal-Chips, u.a. für Automobilanwendungen und Medizintechnik. Teil der X-FAB-Gruppe mit Hauptsitz in Erfurt — ein weiteres Puzzleteil im ostdeutschen Halbleiter-Mosaik.

4. ESMC/TSMC Dresden — das Werk, das alles verändern könnte

Die Entscheidung von TSMC, das erste europäische Werk in Dresden und nicht etwa in Irland, Frankreich oder Spanien zu bauen, war 2023 eine der großen industriepolitischen Überraschungen. TSMC ist der weltweit wichtigste Auftragshersteller von Halbleitern — das Unternehmen fertigt Chips für Apple, Nvidia, AMD, Qualcomm und fast jeden anderen großen Namen der Branche. Mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Logikchips kommen aus TSMC-Werken in Taiwan. Wenn es Taiwan irgendwann nicht mehr geben sollte — aus welchen geopolitischen Gründen auch immer — steht die halbe Weltwirtschaft still. Deshalb gibt es das Europäische Chip-Gesetz, deshalb gibt es Milliardenförderung für Dresden, deshalb ESMC.

Die Eckdaten: Gesamtinvestition rund 10 Milliarden Euro, davon etwa 5 Milliarden Euro staatliche Förderung aus dem Europäischen Chip-Gesetz. Gesellschafter: TSMC mit 70 Prozent, Bosch, Infineon und NXP mit je 10 Prozent. Standort: Dresden-Klotzsche, direkt neben den bestehenden Infineon- und GlobalFoundries-Werken. Geplante Produktion: 40.000 Wafer pro Monat, Technologieknoten 28/22 Nanometer und 16/12 Nanometer — keine absolute Spitzentechnologie, aber exakt jene Knoten, die die europäische Automobil- und Industrieelektronik braucht. Produktionsstart Ende 2027, etwa 2.000 direkte Arbeitsplätze, zusätzlich mehrere Tausend bei Zulieferern und Dienstleistern.

Kritisch ist die Bilanzierung der Subventionen. 5 Milliarden Euro öffentliches Geld pro Werk ist ein Kaufpreis, über den man streiten kann — und über den auch gestritten wird. Aber der Streit übersieht oft, was Europa ohne ein solches Werk hätte: eine fast vollständige Abhängigkeit von asiatischer Fertigung in einer Kerntechnologie, ohne die weder Autos noch Stromnetze noch Rüstung funktionieren. Die Förderung ist teuer, aber sie hat eine strategische Logik, die man beim Steuerzahler nicht weniger ernst nehmen sollte als beim Sonntagsredner.

5. Forschung & Ausbildung — das zweite Standbein

Silicon Saxony wäre ohne seine Forschungslandschaft nur eine schöne Ansiedlung. Aber in Dresden gibt es eine Dichte an Halbleiter-Forschungseinrichtungen, die in Europa einmalig ist. Sie liefern den Halbleiterwerken neue Verfahren, bilden den Nachwuchs aus und machen den Standort auch dann überlebensfähig, wenn einzelne Großprojekte mal scheitern sollten.

Fraunhofer IPMS

Photonische Mikrosysteme. Entwickelt Sensoren, Bildschirme, Lithografie-Bausteine und neuromorphe Rechenverfahren. Einer der weltweit führenden Forschungspartner für die Halbleiterausrüster.

Fraunhofer IKTS

Keramik-Materialien und Sensorik für Leistungselektronik. Kooperiert eng mit Bosch und Infineon bei der Entwicklung nächster SiC- und GaN-Generationen.

Fraunhofer IIS/EAS Dresden

Institut für Integrierte Schaltungen, Entwurfsmethodik. Entwickelt Entwurfswerkzeuge und Testverfahren, die weltweit in Halbleiter-Fabriken eingesetzt werden.

TU Dresden · Exzellenzuniversität

Deutsche Exzellenzuniversität mit starkem Elektro- und Mikroelektronik-Profil. Eigener Studiengang „Nanoelektronische Systeme", enger Industrieaustausch, eigenes Chiplabor.

Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

Helmholtz-Großforschung mit starker Materialwissenschaft und Ionenstrahlforschung. Beteiligt an Halbleiter-Substraten der nächsten Generation und Quantenmaterialien.

Cool Silicon e.V.

Spitzencluster für energieeffiziente Elektronik, öffentlich gefördert seit 2009. Bündelt Industrie und Forschung mit dem Ziel, den Stromverbrauch von Halbleitern drastisch zu senken.

Dazu kommen das Namlab (Nanoelektronik-Zentrum der TU Dresden), das BarkhausenInstitut für sichere vernetzte Systeme, das Exzellenzzentrum für Mikroelektronik cfaed (Center for Advancing Electronics Dresden) und ein Netz aus privaten Entwurfs- und Prüfhäusern. Fast 5.000 Menschen forschen in Dresden an Halbleiter-Themen — kaum eine andere europäische Stadt hat eine auch nur annähernd vergleichbare Dichte.

6. Warum ausgerechnet Dresden? — vier Gründe

Die Frage wird bei jeder neuen Ansiedlung gestellt. Die Antwort ist weder Zufall noch Heimatbonus, sondern eine Kombination aus vier harten Faktoren, die man nicht an vielen anderen Orten in Europa zusammen findet:

  1. Historische Substanz. Die DDR hatte keine Weltklasse-Halbleiter, aber sie hatte ein Zentrum für Mikroelektronik mit Tausenden Ingenieuren und Facharbeitern. Das Wissen war nach 1990 schlagartig nicht mehr gefragt, aber es war da. Ein Teil dieser Leute wurde zum Gründungsjahrgang von Silicon Saxony.
  2. Kritische Masse. Sobald Siemens und AMD Mitte der 1990er ihre Werke bauten, war eine Eigendynamik in Gang gesetzt: Wer einmal Zulieferer für ein Großwerk ist, findet innerhalb weniger Kilometer die nächsten vier Abnehmer. Neue Investoren kommen dann nicht wegen günstiger Grundstücke, sondern wegen des Ökosystems.
  3. Forschungslandschaft. Die Dichte aus TU Dresden, sechs Fraunhofer-Instituten, einem Helmholtz-Zentrum und mehreren Max-Planck-nahen Einrichtungen ist weltweit außergewöhnlich. Für einen Konzern, der forschungsnah fertigen will, ist Dresden ein Spitzenstandort.
  4. Politische Priorität. Der Freistaat Sachsen hat die Branche seit Anfang der 1990er Jahre strategisch aufgebaut — über Förderprogramme, Flächenausweisung, Infrastrukturinvestitionen und das bewusste Signal, dass Halbleiter hier politisch gewollt sind. Diese Kontinuität zahlt sich 30 Jahre später aus.

7. Die offenen Baustellen — was dem Verbund fehlt

Silicon Saxony ist eine Erfolgsgeschichte, aber keine ohne Risse. Wer ehrlich mitzählt, kennt die Stolpersteine:

Diese Baustellen sind keine Gründe, kleiner zu denken — aber sie sind Gründe, die Erfolgsgeschichte nicht zu verklären. Ein Leuchtturm strahlt nur, solange er nicht vergessen wird, regelmäßig gewartet wird und sein Fundament trägt.

8. Ausblick — was bis 2030 kommt

Die nächsten vier Jahre sind die entscheidenden für Silicon Saxony. Wenn alles läuft wie geplant, ergibt sich folgendes Bild:

9. Warum Silicon Saxony ein Leuchtturm ist — und warum das wichtig ist

Deutschland redet in den letzten Jahren viel über sich selbst, und meistens ist der Ton düster: Insolvenzen, Energiepreise, Fachkräftemangel, Streit ums Heizungsgesetz, eine müde Automobilindustrie, verlorene Jungunternehmen, verlorene Konzerne. Vieles davon stimmt. Aber wer nur diesen einen Ton hört, übersieht, dass gleichzeitig an einem Ort im Osten der Republik eine Erfolgsgeschichte geschrieben wird, die so laut nicht erzählt wird, wie sie es verdient hätte.

Es lohnt sich, das kurz zu benennen. Vor 36 Jahren ging ein Staat unter. Die größte Arbeitsstätte Dresdens — Robotron — wurde in Einzelteile zerlegt, Zehntausende verloren ihre Arbeit. Die Stadt wirkte wirtschaftlich abgehängt, und ein Bundeskanzler sprach von „blühenden Landschaften", ohne dass ihm viele glaubten. Heute, 36 Jahre später, ist genau diese Stadt das Zentrum einer Industrie, von der ganz Europa abhängt. Die Halbleiterwerke von Infineon, GlobalFoundries und Bosch laufen. TSMC baut. Die TU Dresden ist Exzellenzuniversität. Und rund 80.000 Menschen gehen jeden Tag zu Arbeitsplätzen, die es vor einer Generation nicht gab.

Das ist nicht allein das Verdienst einer Partei, einer Regierung oder eines einzelnen Konzerns. Es ist das Ergebnis aus Weitsicht (auch Kohls), aus dem Einsatz sächsischer Landesregierungen unterschiedlicher Couleur, aus der Arbeit von Zehntausenden Ingenieurinnen und Facharbeitern, aus EU-Fördergeldern, aus privatem Mut und aus einem Ökosystem, das niemand zentral geplant hat. Es ist deutsche Industriegeschichte, wie sie funktionieren kann — wenn man sie lässt und wenn man dranbleibt.

Und es ist eine Geschichte, die besonders in Ostdeutschland erzählt werden darf, auch laut. Nicht, weil sie alles heilt — die Leerstände in anderen Landstrichen, die Renten-Lücke, das Gefühl des Abgehängtseins bleiben real. Aber weil sie zeigt, dass Weitsicht, Geduld und Investition einen Unterschied machen können. Helmut Kohl wird 2017 auf dem Friedhof von Speyer beerdigt. Hätte er Silicon Saxony in seinen letzten Jahren noch gesehen — er hätte wahrscheinlich gesagt, dass er es genau so gemeint hat. Und er hätte diesmal recht behalten.

36
Jahre liegen zwischen dem Ende des VEB Robotron und dem TSMC-Spatenstich in Dresden. In dieser Zeit hat eine Region eine Industrie neu erfunden. Das ist Silicon Saxony.

10. Quellen & weiterführende Links