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Fossile Energie Deutschland 2026, was uns Erdöl, Erdgas und Kohle täglich kosten

Deutschland deckt rund 77 Prozent seines Primärenergieverbrauchs aus fossilen Quellen: Mineralöl 35,7 %, Erdgas 26,9 %, Stein- und Braunkohle je rund 7 % (AG Energiebilanzen 2025). Der überwiegende Teil davon kommt aus dem Ausland: bei Erdöl 98 Prozent, bei Erdgas 95 Prozent, bei Steinkohle 100 Prozent. Nur die Braunkohle ist heimisch. Wir zahlen für die fossilen Importe im Schnitt rund 175 Millionen Euro pro Tag ans Ausland. Diese Seite trägt zusammen, wie viel das ist, wer davon profitiert, was die Krisen der letzten Jahre zusätzlich gekostet haben, und was ein Nachbarland wie Dänemark anders macht. Mit Primärquellen, ohne Moralisierung. Wer am Ende beim Verbrenner und der Gasheizung bleiben will, soll das aus den Zahlen heraus entscheiden, nicht aus dem Bauch.

Stand: 28. Juli 2026
Kapitel 01

Was uns das fossile Festhalten täglich kostet

Die Zahlen stammen aus dem Außenhandel des Statistischen Bundesamts (Destatis) für das Jahr 2025 und aus der KfW-Research-Analyse vom April 2025. Sie zeigen, wie viel Geld jedes Jahr in Pipelines, Tankschiffe und Kohlefrachter fließt, und das Land wieder verlässt.

Importrechnung 2025
~64 Mrd. €
Für Erdöl, Erdgas und Steinkohle zusammen. Allein Rohöl (35,8 Mrd. €) und Erdgas (24,8 Mrd. €) summieren sich auf gut 60 Mrd. €, Steinkohle kommt als kleinerer einstelliger Milliardenbetrag hinzu.
Pro Tag
~175 Mio. €
Diesen Betrag überweist Deutschland im Schnitt jeden Tag an Norwegen, USA, Libyen, die Niederlande und andere Lieferanten.
~64 Mrd. € ÷ 365 Tage
Pro Kopf und Jahr
~765 €
Rechnerisch pro Einwohner, alle Altersklassen vom Baby bis zur Rentnerin mitgezählt. Bezogen nur auf die rund 46 Millionen Erwerbstätigen ergibt sich ein deutlich höherer Wert von rund 1.390 Euro pro arbeitender Person und Jahr.
~64 Mrd. € ÷ 83,6 Mio. Einwohner (Destatis 31.12.2024)
Anteil am BIP
~1,5 %
Rechnerisch arbeitet die deutsche Volkswirtschaft rund fünf bis sechs Tage im Jahr ausschließlich dafür, fossile Energie aus dem Ausland zu bezahlen.
~64 Mrd. € bezogen auf das BIP 2025 (~4.350 Mrd. €)
Zehn Jahre kumuliert
~810 Mrd. €
Hochgerechnet auf zehn Jahre (Schnitt 81 Mrd. €). 2022 allein wegen Ukraine-Schock 131 Mrd. €, fast doppelt so viel wie üblich.
Eigene Hochrechnung auf Basis KfW-Durchschnitt
Kapitel 02

Der deutsche Energiemix 2025, wie viel ist fossil?

Die AG Energiebilanzen (AGEB) misst den Primärenergieverbrauch nach Energieträgern. Der Mix für 2025 zeigt: Drei von vier Energieeinheiten kommen weiterhin aus fossilen Quellen, der Erneuerbaren-Anteil wächst nur langsam.

Energieträger Anteil 2025 Visualisierung Vorjahr
Mineralöl35,7 %
36,5 %
Erdgas26,9 %
26,0 %
Steinkohle~7 %
~7,5 %
Braunkohle~7 %
~7,5 %
Erneuerbare20,6 %
19,8 %
Sonstige (Kernkraft-Rest, Müll)~2,8 %
~2,7 %

Quelle: AG Energiebilanzen (AGEB) · Energieverbrauch Deutschland 2025. Gesamtenergieverbrauch 2025: 10.553 Petajoule. Balkenbreite proportional zum Anteil.

Lesehilfe, was die Zahlen bedeuten

Fossile Energieträger zusammen: ~77 Prozent des Primärenergieverbrauchs. Davon ist nur die Braunkohle weitgehend heimisch, alles andere wird importiert. Erneuerbare wachsen langsam aber stetig (plus 0,8 Prozentpunkte gegenüber Vorjahr), Mineralöl verliert leicht (minus 0,8). Bei diesem Tempo dauert die vollständige Ablösung von Öl und Gas noch Jahrzehnte.

Wichtige Unterscheidung, Primärenergie vs. Strom: Die Zahlen oben beschreiben den gesamten Energieverbrauch (Verkehr + Wärme + Industrie + Strom). Beim reinen Strom sieht es deutlich grüner aus: Erneuerbare lagen 2025 bei 58,8 Prozent des Strommix (Fraunhofer ISE / BNetzA). Die fossile Dominanz steckt vor allem in den Sektoren Wärme (Heizöl + Erdgas, rund die Hälfte der Wohnungen) und Verkehr (Diesel + Benzin + Kerosin). Genau dort liegen die hartnäckigsten Importkosten.

Kapitel 03

Erdöl, der dickste Brocken

Erdöl ist mit 35,7 Prozent der größte fossile Posten im deutschen Energieverbrauch, vor allem in Verkehr (Diesel, Benzin, Kerosin) und beim Heizen (Heizöl). 2025 importierte Deutschland 75,7 Millionen Tonnen Rohöl im Wert von rund 35,8 Milliarden Euro. Das sind rund 98 Millionen Euro pro Tag, allein für diesen einen Energieträger.

Erdöl steckt auch in Kunststoff und Medikamenten

Ein Teil des Erdöls wird gar nicht verbrannt, sondern stofflich genutzt: als Grundstoff für Kunststoffe, Farben, Medikamente und Kosmetik. Für die chemische Industrie sind das in Deutschland rund 8 Prozent des Verbrauchs. Dieser Anteil lässt sich deutlich schwerer ersetzen als Diesel oder Heizöl, weil es bisher kaum bezahlbare Alternativen zum Kohlenstoff aus Erdöl gibt. Der Verkehrs- und Heizungsanteil lässt sich elektrifizieren, der Rohstoffanteil bleibt vorerst. Quelle: Mineralölwirtschaft, Statista.

Importrechnung 2025
~35,8 Mrd. €
Rohöl-Einfuhren. Macht weit mehr als die Hälfte der gesamten fossilen Importrechnung aus. Deutlich unter dem Vorjahr, weil Menge und Ölpreis gesunken sind.
Importanteil
98 %
Nahezu der gesamte Bedarf wird importiert. Heimische Förderung deckt nur einen kleinen Rest aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
KfW Research, April 2025
Importmenge 2025
75,7 Mio. t
Rund 10 Prozent weniger als 2020. Versorgt vor allem die deutschen Raffinerien (PCK Schwedt, MiRO Karlsruhe u. a.). Durchschnittspreis 477 Euro pro Tonne.

Top-Lieferanten Rohöl 2025

RangLieferlandAnteilHinweis
1Norwegen 🇳🇴16,6 %12,5 Mio. t, Nordsee-Förderung, stabil und EU-nah
2USA 🇺🇸16,4 %12,4 Mio. t, stark gewachsen seit Russland-Embargo
3Libyen 🇱🇾13,8 %10,4 Mio. t, über Mittelmeerhäfen
4Irak 🇮🇶4,2 %3,1 Mio. t, wichtigster Lieferant aus dem Nahen Osten
5Kasachstan, weitere u. a.RestDiversifizierung seit 2022 deutlich erhöht

Quelle: Destatis · Rohöl-Importe 2025 (Anteile nach Rohöl-Herkunft, Warennummer 27090090). Aus dem Nahen Osten stammten 2025 nur 6,1 Prozent.

ProArgumente fürs Beibehalten
  • Vorhandene Infrastruktur: Zwölf Raffinerien, 14.000 Tankstellen, Heizölkessel in vielen Häusern, Ersatz braucht Jahrzehnte.
  • Hohe Energiedichte: Diesel und Kerosin sind beim Schwer- und Luftverkehr aktuell ohne praktikable Alternative.
  • Chemie-Grundstoff: Petrochemie (Kunststoffe, Düngemittel, Medikamente) braucht Erdöl als Rohstoff, nicht als Brennstoff.
  • Diversifizierte Lieferanten: Nach Russland-Aus steht keine Einzelmacht hinter mehr als 30 Prozent der Lieferungen.
KontraArgumente fürs Loslösen
  • 35,8 Mrd. € pro Jahr fließen ab, das Geld stützt fremde Volkswirtschaften, nicht die heimische Wertschöpfung.
  • Preisschocks treffen sofort: Iran-Konflikt 2026, Kraftstoffpreise plus 20 Prozent in wenigen Wochen (Destatis, März).
  • 98 Prozent Importabhängigkeit bedeutet vollständige Abhängigkeit von geopolitischen Entscheidungen anderer.
  • CO₂-intensiv: Verkehrssektor verfehlt die Klimaziele am deutlichsten, Hauptursache Verbrenner.
Kapitel 04

Erdgas, die einstige „Brücke", die nicht enden will

Erdgas deckt 26,9 Prozent des deutschen Energieverbrauchs, vor allem für Heizung (rund die Hälfte der Wohnungen), Industrieprozesse (Stahl, Glas, Chemie) und einen Teil der Stromerzeugung. 2025 wurden dafür rund 24,8 Milliarden Euro ans Ausland gezahlt. Insgesamt importierte Deutschland 1.031 Terawattstunden, die Lieferantenstruktur ist heute eine völlig andere als noch vor vier Jahren.

Importrechnung 2025
~24,8 Mrd. €
Höher als 2024, weil mehr Gas eingeführt wurde (plus 19 Prozent Menge) und der teurere LNG-Anteil stieg.
Quelle: Destatis Außenhandel 2025
Importanteil
95 %
Heimische Förderung in Niedersachsen deckt nur einen kleinen Rest. Aufgegeben werden auch diese Restmengen Jahr für Jahr.
KfW Research, April 2025
Importmenge 2025
1.031 TWh
Plus 19 Prozent gegenüber 2024. Davon 10,3 Prozent über die neuen LNG-Terminals Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran.

Top-Lieferanten Erdgas 2025

RangLieferlandAnteil 2025Anteil 2024Trend
1Norwegen 🇳🇴44 %48 %↓ leicht
2Niederlande 🇳🇱24 %25 %→ stabil
3Belgien 🇧🇪21 %18 %↑ wachsend
4LNG-Terminals (USA, Katar u. a.)10,3 %8 %↑ wachsend

Quelle: Bundesnetzagentur · Gasrückblick 2025, 09. Januar 2026. Russland-Anteil 2021: rund 55 Prozent, 2025: 0 Prozent.

Die deutschen LNG-Terminals 2026

Seit dem Wegfall des russischen Pipeline-Gases hat Deutschland in Rekordzeit eine eigene Flüssiggas-Infrastruktur aufgebaut. Die staatliche Deutsche Energy Terminal (DET) betreibt die Standorte Wilhelmshaven (zwei schwimmende Terminals, seit Dezember 2022 und Mai 2025), Brunsbüttel und Stade. Das größte einzelne Terminal ist privat: Mukran auf Rügen, betrieben von der Deutschen Regas. Das feste Landterminal in Brunsbüttel mit 8 bis 10 Milliarden Kubikmetern Kapazität pro Jahr soll 2026 ans Netz gehen, das Landterminal in Stade folgt 2027.

DET-Standorte 2025
79 TWh
eingespeist über Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade (staatliche Deutsche Energy Terminal).
Quelle: DET / BNetzA
Mukran (Rügen)
26,5 TWh
größtes Einzel-Terminal, privat von der Deutschen Regas betrieben.
Quelle: Deutsche Regas
LNG-Anteil gesamt
10,3 %
rund 105 TWh zusammen, also gut ein Zehntel der deutschen Gasimporte 2025.
Quelle: Bundesnetzagentur
ProArgumente fürs Beibehalten
  • Brückentechnologie: Erdgaskraftwerke können schnell hoch- und runterfahren, wichtig als Backup für Wind/Solar.
  • Industrie-Grundstoff: Stahl, Glas, Keramik, Chemie brauchen Prozesswärme, die heute kaum anders erzeugt werden kann.
  • Bestehende Heizungen: Rund die Hälfte der deutschen Wohnungen heizt mit Gas, Austausch wäre eine Generation Arbeit.
  • Geringere CO₂-Emissionen als Kohle oder Öl pro Kilowattstunde.
KontraArgumente fürs Loslösen
  • 95 Prozent Importabhängigkeit, die „Brücke" hält schon seit 30 Jahren und wird tendenziell länger statt kürzer.
  • Volatile Weltmarktpreise: TTF-Spitze 2022 bei über 300 €/MWh, 2026 wieder über 60. Verbraucher zahlen jede Bewegung mit.
  • Methan-Leckagen: Beim LNG-Transport gehen 1 bis 3 Prozent als Methan in die Atmosphäre, Methan ist klimaschädlicher als CO₂.
  • LNG aus USA ist teuer: Schiffstransport plus Verflüssigung verdoppelt den Preis gegenüber Pipeline-Gas.

CCS, das neue Brückenargument fürs Erdgas

Seit dem 28. November 2025 gilt das novellierte Kohlendioxid-Speicherungs- und -Transportgesetz (KSpTG). Es erlaubt in Deutschland erstmals die kommerzielle Abscheidung, den Transport und die unterirdische Speicherung von CO₂, vor allem offshore unter der Nordsee (Bundeskabinett 6. August, Bundestag 6. November, Bundesrat 21. November 2025). Damit könnte Erdgas in Industrie und Backup-Kraftwerken länger genutzt werden, wenn das entstehende CO₂ aufgefangen und eingelagert wird. Die Grenzen sind allerdings klar: Gedacht ist das Gesetz für schwer vermeidbare Restemissionen, etwa aus Zement-, Kalk- und Müllverbrennungsanlagen. Kohlekraftwerke sind vom Zugang zu den CO₂-Leitungen ausdrücklich ausgeschlossen, die ersten Speicher-Hubs in Nord- und Nordwestdeutschland sollen erst bis 2030 ans Netz, und das Abscheiden kostet Geld und zusätzliche Energie. CCS verlängert die Brücke also, kostenlos macht es das Festhalten am Gas nicht. Quelle: Bundesregierung.

Querverweis: Was die hohen Energiepreise der Jahre 2022 bis 2025 mit der deutschen Industrie gemacht haben, von der Chemie über Stahl bis Aluminium und der Verlagerung ganzer Produktionslinien ins Ausland, steht mit Zahlen auf der Themenseite Wirtschaft →
Kapitel 05

Steinkohle, vollständig importiert

Steinkohle macht nur noch rund 7 Prozent des Energiemix aus, ist aber zu 100 Prozent importiert, seit der Stilllegung der letzten deutschen Zeche 2018. 2025 wurden 21,5 Millionen Tonnen eingeführt, der kleinste fossile Posten der Importrechnung mit einem einstelligen Milliardenbetrag pro Jahr. Die Hauptverwendung: Stromerzeugung (vor allem Spitzenlast und Reserve) und Stahlindustrie (Koks). Mit dem geplanten Kohleausstieg bis 2038 (NRW bis 2030) sinkt der Bedarf weiter.

Importmenge 2025
21,5 Mio. t
Leicht unter dem Vorjahr (21,9 Mio. t). Der kleinste fossile Posten, aber nicht null.
Importanteil
100 %
Vollständig importiert seit der Schließung der Zeche Prosper-Haniel 2018. Heimische Förderung gibt es nicht mehr.
KfW Research, April 2025
Hauptlieferanten 2025
USA · Australien · Kolumbien
Diversifizierte Lieferantenstruktur seit Russland-Embargo. USA größter Lieferant (7,9 Mio. t), Kolumbien wieder vor Australien aufgerückt.
ProArgumente fürs Beibehalten
  • Reserve-Funktion: Kohlekraftwerke können bei Dunkelflauten (kein Wind, keine Sonne) einspringen.
  • Lagerbar: Anders als Gas kann Kohle Monate vorgehalten werden, wichtig für Versorgungssicherheit.
  • Stahlindustrie: Hochöfen brauchen Koks. Wasserstoff-basierte Direktreduktion ist erst im Aufbau.
  • Politisch eingepreist: Ausstieg bis 2038 bereits beschlossen, kein neuer politischer Konflikt nötig.
KontraArgumente fürs Loslösen
  • Höchste CO₂-Intensität aller fossilen Träger, pro Kilowattstunde Strom doppelt so viel CO₂ wie Erdgas.
  • Ein Milliardenbetrag pro Jahr für einen sterbenden Markt, das Geld fehlt für den Aufbau von Speichern und Reserven.
  • Importrisiko Kolumbien: Politische Lage instabil, Frachtwege lang.
  • Stahl-Alternative entsteht: Salzgitter, ThyssenKrupp, Arcelor investieren in wasserstoffbasierte Reduktion.
Kapitel 06

Braunkohle, die heimische Ausnahme

Braunkohle macht mit rund 7 Prozent des Primärenergieverbrauchs einen ähnlich großen Anteil wie Steinkohle aus, taucht aber bewusst nicht in der Importrechnung auf: Sie wird vollständig in Deutschland gefördert, in der Lausitz (Brandenburg/Sachsen), im Rheinischen Revier (NRW) und im Mitteldeutschen Revier (Sachsen-Anhalt/Sachsen). Damit ist sie der einzige fossile Energieträger ohne Auslandsabhängigkeit. Für die Bilanz dieser Seite ist sie deshalb nicht Teil der rund 64 Mrd. €-Importrechnung, sie verdient aber einen kurzen Eintrag, weil sie aus anderen Gründen umstritten ist.

Stromerzeugung 2025
~67 TWh
Braunkohle deckt 2025 rund 13 Prozent der deutschen Stromerzeugung. Hauptkraftwerke: Niederaußem, Neurath, Boxberg, Schwarze Pumpe, Lippendorf.
Quelle: BDEW · Stromerzeugung 2025
CO₂-Intensität
~1.100 g/kWh
Höchste CO₂-Intensität aller Energieträger, mehr als doppelt so viel pro Kilowattstunde wie Erdgas (~400 g/kWh) und etwa das 60-fache von Wind- oder Solarstrom.
Ausstiegsdatum
2038
Im Rheinischen Revier (RWE) auf 2030 vorgezogen. Bislang sind rund 20.000 direkte Arbeitsplätze betroffen. Strukturwandelmittel des Bundes: 40 Mrd. € bis 2038.
Quelle: BMWK · Kohleausstiegsgesetz
Die Braunkohle-Doppelrolle

Braunkohle ist gleichzeitig Trumpf und Bürde. Trumpf, weil sie als einziger fossiler Energieträger keine Devisen ans Ausland abfließen lässt, eine Megawattstunde Braunkohle-Strom kostet im Förderbetrieb deutlich weniger als importiertes Erdgas. Bürde, weil sie die mit Abstand höchste CO₂-Intensität aller Energieträger hat und damit das EU-Emissionshandelssystem (ETS) zunehmend teuer macht. Mit jedem Anstieg des CO₂-Preises kippt die Rechnung weiter Richtung Erdgas und Erneuerbare. Strukturpolitisch betroffen sind vier Reviere, in denen über 20.000 direkte Jobs am Tagebau hängen, plus die Zulieferketten. Der Strukturwandel ist eines der politisch heikelsten Themen der nächsten zehn Jahre.

Kapitel 07

Zehn Jahre Importrechnung, was die Krisen sichtbar machen

Die Importrechnung schwankt stark mit den Weltmarktpreisen. Im Mittel der letzten zehn Jahre lag sie laut KfW bei rund 81 Milliarden Euro pro Jahr, kumuliert also rund 810 Milliarden Euro in einer Dekade. Zwei Krisenjahre stechen besonders heraus.

Verlauf der fossilen Importrechnung 2015 bis 2024 (in Mrd. €)

JahrMrd. €VisualisierungAnmerkung
2015~80
Normaljahr
2016 bis 202065 bis 80
Niedrige Preise, Corona 2020
2021~90
Erholung nach Corona
2022131
Ukraine-Schock
2023~95
Preise sinken wieder
202476
Neue Lieferantenstruktur
Summe 2015 bis 2024 ~810 Mrd. € Knapp eine Billion Euro flossen in zehn Jahren ans Ausland

Quellen: KfW Research · Destatis Außenhandel. 2022 Spitzenwert offiziell für Öl + Gas zusammen 131,1 Mrd. € (Destatis), zuzüglich Kohle.

Kapitel 08

Was die geopolitischen Krisen Deutschland kosten

Fossile Energie macht Deutschland verwundbar, die letzten vier Jahre zeigen das mit zwei Lehrstunden.

2022Ukraine-Schock
  • Importrechnung 131 Mrd. €, fast doppelt so viel wie 2021 (plus 79 Prozent).
  • TTF-Gaspreis-Spitze über 300 €/MWh, zehnfacher Normalpreis.
  • Außenhandelsüberschuss halbiert (von 175 auf 80 Mrd. €).
  • Gaspreisbremse, Strompreisbremse, Heizkostenzuschuss: rund 200 Mrd. € Doppelwumms aus dem Bundeshaushalt.
  • Bau der ersten vier LNG-Terminals in Rekordzeit (acht Monate).
2026Iran-Konflikt (laufend)
  • Kraftstoffe an Tankstellen plus 20 Prozent (März, Destatis).
  • Leichtes Heizöl plus 44,4 Prozent gegenüber Vorjahr.
  • Energiepreise insgesamt plus 10,1 Prozent, stärkster Anstieg seit Februar 2023.
  • Verbraucherpreisindex April: 2,9 Prozent (zweiter Monat in Folge gestiegen).
  • ifo-Geschäftsklima auf 84,4, niedrigster Wert seit Mai 2020.
Muster erkennbar

Alle vier Jahre etwa ein größerer geopolitischer Schock im fossilen System, 2014 Krim, 2018/19 US-Iran-Spannungen, 2022 Ukraine, 2026 Iran. Jeder einzelne kostet zweistellige Milliardenbeträge zusätzlich. Bei weiter steigender Importabhängigkeit summiert sich das. Die einzige Versicherung dagegen ist weniger Bedarf, entweder durch Effizienz oder durch Substitution. Beides liegt in deutscher Hand.

Kapitel 09

Was Dänemark anders macht, und der Urlauber sieht es jedes Jahr

Wer in Hvide Sande, Skagen oder auf Bornholm Urlaub macht, sieht es schon vom Strand aus: Offshore-Windparks am Horizont, Fernwärmerohre statt Schornsteine, Ladepunkte an jedem dritten Parkplatz. Dänemark hat in den letzten zwanzig Jahren die fossile Importrechnung systematisch heruntergefahren. Die harten Zahlen aus Eurostat, Energinet und der Internationalen Energieagentur (IEA):

Kennzahl Stand 2025/Frühjahr 2026Deutschland 🇩🇪Dänemark 🇩🇰Vorteil
Fossiler Anteil am Primärenergieverbrauch~77 %~49 %DK 28 Punkte weniger fossil
Energie-Importabhängigkeit67 %~44 %DK deutlich unabhängiger
Erneuerbare am Strommix58,8 % (2025)über 92 % (2025)DK ~34 Punkte voraus
Erneuerbare am Endenergieverbrauch22,5 %46,5 bis 46,8 %DK gut doppelt so hoch
Fossile Importrechnung pro Jahr~64 Mrd. € (2025)~8 Mrd. €DK Faktor ~8 niedriger
Fernwärme im Wohnbestand~14 % der Haushalte~66 % der HaushalteDK Faktor ~5
Elektroautos im Pkw-Bestand4,1 % (Januar 2026, KBA)~20 % (März 2026)DK Faktor ~5
Elektroauto-Anteil bei Neuzulassungen~17 % (2025) · 22,8 % (Q1 2026)68,5 % (2025) · über 80 % (Q1 2026)DK fast viermal so hoch
Strom-Handel mit NachbarnNettoimporteur 2023/24Netto-Exporteur, oft nach DERollen vertauscht
Verbrenner-Auslauf Neuwagen2035 (technologieoffen)20305 Jahre Vorsprung

Quellen: Eurostat · Energistyrelsen DK · Energinet · Statistics Denmark · KBA (DE Pkw-Bestand) · IEA · Bundesnetzagentur. Stand 2025/Frühjahr 2026.

Dänische E-Auto-Politik im Kurzformat: Dänemark verzichtet auf direkte Kaufprämien und setzt stattdessen auf Steuerentlastung. Reine Elektroautos zahlen bis 2026 nur 40 Prozent der dänischen Zulassungssteuer (Verbrenner: bis zu 180 Prozent), plus festen Steuerabzug von rund 21.700 Euro. Ergebnis: Bei Privatkäufern liegt der BEV-Anteil 2026 zeitweise über 94 Prozent. Keine Subvention, sondern saubere Preissignal-Politik.

Die unbequeme Beobachtung

Dänemark hat etwa ein Sechzehntel der deutschen Einwohnerzahl und ein Vierundzwanzigstel der Wirtschaftsleistung, und trotzdem nur ein Zehntel der deutschen fossilen Importrechnung. Wer im Sommer in Hvide Sande Brötchen kauft, zahlt mit Krone für überwiegend fossilfrei produzierten Strom. Wer im Winter in Düsseldorf duscht, mit zu rund 60 Prozent norwegischem Gas. Das Geld nimmt unterschiedliche Wege. In Dänemark bleibt es im Land, in Form von Windradtechnik, Fernwärmenetzen, Wartungsjobs. In Deutschland geht es zur Equinor in Stavanger und zu Chevron in Houston. Der Hauptunterschied liegt nicht in der Geographie (auch Deutschland hat eine Nordseeküste), sondern im politischen Konsens, der in Dänemark seit den 80er-Jahren parteiübergreifend trägt.

Fünf Hebel, die Dänemark anders gezogen hat, und Deutschland kopieren könnte

Der wichtigste Unterschied liegt in der Wärme. Fernwärme deckt in Dänemark 63 bis 70 Prozent der Haushalte ab (in Kopenhagen bis 98 Prozent), in Deutschland nur 14 bis 16 Prozent. Und die dänische Fernwärme ist zu 75 Prozent erneuerbar (Biomasse, Abwärme, Solarthermie, Großwärmepumpen), die deutsche überwiegend noch gas- und kohlebasiert. Fünf Hebel hat Dänemark gezogen, die übertragbar sind:

#HebelDänemarkWas Deutschland davon nehmen kann
1Kommunale Wärmeplanung als PflichtSeit 1979 gesetzlich verpflichtend, sozioökonomisch begründet, ergebnisverbindlichDie deutsche Wärmeplanungspflicht (2024) konsequenter umsetzen, mit Geld und Fachkräften für die Kommunen
2Bürgerhand statt KonzernViele Netze als gemeinnützige Genossenschaften, kein Gewinnmaximierungs-DruckBürger- und Genossenschaftsmodelle in der Fernwärme stärker fördern, erhöht Akzeptanz und drückt Preise
34. Generation Fernwärme + Power-to-HeatNiedrige Vorlauftemperaturen 20 bis 95 °C, Großwärmepumpen mit Seewasser (Esbjerg 70 MW), 2025 schon 97 % neu installierte Wärme strombasiertWindstrom-Überschuss in Wärme speichern statt abregeln. 4GDH bringt weniger Netzverluste und passt zu gut gedämmten Häusern
4Abwärme + Biomasse systematisch nutzenIndustrielle Abwärme, Müllverbrennung, Biomasse seit Jahrzehnten integriert. Ziel: bis 2035 keine Gasheizungen mehrAbwärme aus Industrie und Rechenzentren systematischer in Fernwärmenetze einbinden, riesiges ungenutztes Potenzial
5Preisstabilität durch RegulierungPreise decken nur die Kosten, keine hohen Gewinne. Oft günstiger als fossile AlternativenStärkere Preisregulierung und Transparenz bei Fernwärme baut Misstrauen gegen den Umstieg ab

Quellen: Energistyrelsen DK · Heat · Danish District Heating Association · RAP · „Making Europe's homes Hygge", Januar 2025.

Die nächste Stufe, grüner Wasserstoff als dänisches Exportgut

Während im dänischen Strom-Mix fossile Energien bereits fast verschwunden sind (Anteil unter zehn Prozent), zielt Dänemark mit grünem Wasserstoff auf den verbleibenden fossilen Rest in Industrie und Verkehr, und auf einen strategischen Exportmarkt nach Deutschland. Die Power-to-X-Strategie aus dem Dezember 2021 ist die Grundlage, die jüngsten Zahlen vom Frühjahr 2026 zeigen die Beschleunigung.

KennzahlStatus Mai 2026Ziel 2030
Elektrolyse-Kapazität DK119 MW (39 aktive Projekte)4 bis 6 GW
Wasserstoff-Pipeline DK → DEBaustart Mitte 2028, 133 km (Esbjerg → Frøslev)3 GW Exportkapazität, Inbetriebnahme 2030
Gemeinsame Investition DK + DEVereinbart Anfang 2026über 3 Mrd. Euro
Speicherkapazität Salzkavernen (Nordjütland)In Planung (Green Hydrogen Hub)400 GWh

Quellen: Energistyrelsen DK · Hydrogen · Dänisches Ministry of Climate, Energy and Utilities · BMWK-Förderbescheid Januar 2026. Deutscher Bundesförderanteil: 1,3 Mrd. Euro für H₂-Import aus Dänemark.

Was das für Deutschland heißt

Deutschland importiert ab 2030 grünen Wasserstoff aus Dänemark, der dort aus überschüssigem Offshore-Windstrom hergestellt wird, und mit dieser Lieferung soll ein Teil der heutigen rund 24,8 Mrd. Euro-Erdgasrechnung in der Industrie ersetzt werden. Die Logik ist dieselbe wie bei Erdgas (Pipeline-Import aus dem Norden), nur klimaneutral und mit politisch verlässlichem Partner. Kritiker aus Schleswig-Holstein verweisen darauf, dass die Bundesförderung deutsche H₂-Projekte (etwa in Brunsbüttel) benachteiligt, der Trade-off zwischen schnellem Import und heimischer Wertschöpfung wird in den nächsten Jahren politisch verhandelt werden müssen.

Kapitel 10

Die Gegenrechnung, Energiewende vs. fossile Importe

Das stärkste Argument der Skeptiker lautet: „Die Energiewende ist zu teuer." Studien von Aurora Energy Research, dem Öko-Institut, dem Fraunhofer ISE und der KfW rechnen seit Jahren gegen: Was die Energiewende kostet, und was wir gleichzeitig an Importrechnung sparen.

ZeitraumKosten EnergiewendeVermiedene ImportrechnungNetto
Jährlich (aktuell)80 bis 100 Mrd. € (Netze + EE-Ausbau + EEG)~80 Mrd. € durch wachsenden EE-AnteilGeld bleibt im Land
Bis 2045 (Aurora)3,44 Bio. € Systemkosten gesamtStark sinkender fossiler BedarfEinsparpotenzial bis 700 Mrd. €
Bis 2049 (DIHK/Frontier)4,8 bis 5,4 Bio. € (Netze + Erzeugung)Restimporte 2,0 bis 2,3 Bio. €Gleich oder günstiger als „weiter so"

Quellen: Aurora Energy Research, DIHK / Frontier Economics, Öko-Institut, Fraunhofer ISE. Konsens der Studien: Energiewende kostet vorne viel, spart hinten mehr, vor allem weil die heimische Wertschöpfung steigt und Preisschocks entfallen.

Der Punkt

Die Rechnung „Energiewende ist zu teuer" funktioniert nur, wenn man die fossile Importrechnung von rund 64 Milliarden Euro pro Jahr (2025) ignoriert. Wer beides nebeneinander legt, sieht: Die Größenordnungen sind ähnlich. Der entscheidende Unterschied ist nicht die Höhe, sondern wohin das Geld fließt. Fossile Importe stützen norwegische Pensionsfonds, amerikanische Schieferöl-Investoren und kasachische Staatskassen. Energiewende-Investitionen stützen Anlagenbauer, Handwerksbetriebe, Stromnetz-Wartung und Forschungseinrichtungen im eigenen Land.

Der CO₂-Preis macht Fossile planmäßig teurer

Neben dem Weltmarktpreis verteuert die EU fossile Energie gezielt über den CO₂-Preis. Der europäische Emissionshandel (EU-ETS) lag im April 2026 bei rund 72 Euro je Tonne CO₂. Seit dem 1. Januar 2026 läuft zusätzlich der CO₂-Grenzausgleich CBAM in der scharfen Phase, der erste offizielle Zertifikatspreis betrug 75,36 Euro je Tonne (erstes Quartal 2026). Ab 2027 kommt ein zweiter Emissionshandel (ETS2) für Gebäude und Verkehr hinzu, der direkt auf Heizöl, Gasheizungen und Sprit wirkt; Prognosen erwarten anfangs rund 45 Euro je Tonne. Für Verbraucher heißt das: Wer bei Öl und Gas bleibt, zahlt über die nächsten Jahre einen steigenden Aufschlag zusätzlich zum reinen Brennstoffpreis. Quellen: EU-Kommission, ICAP.

Was eine Kilowattstunde wirklich kostet, nach der Rechnung des Umweltbundesamts

Neben dem Preis auf der Rechnung gibt es einen zweiten, der nirgends auftaucht: die Folgekosten von Emissionen für Gesundheit, Landwirtschaft, Gebäude und Klima. Das Umweltbundesamt beziffert sie seit Jahren in seiner Methodenkonvention. Die aktuelle Fassung ist neu: Das Handbuch Umweltkosten in der Version 4.0 ersetzt die bisherige Fassung 3.2 und trägt auf der Publikationsseite das Datum Februar 2026.

Braunkohle
39,82 ct
Umweltkosten je Kilowattstunde Strom, in Cent des Jahres 2025 bei einer reinen Zeitpräferenzrate von 1 Prozent. Ohne Zeitpräferenz sind es 107,27 Cent.
UBA, Methodenkonvention 4.0, Tabelle 5
Steinkohle
33,90 ct
je Kilowattstunde, gleiche Rechenweise. Ohne Zeitpräferenz 87,09 Cent.
UBA, Methodenkonvention 4.0
Erdgas
15,90 ct
je Kilowattstunde. Erdgas verursacht also weniger als die Hälfte der Braunkohle-Umweltkosten, aber noch immer ein Vielfaches der Erneuerbaren.
UBA, Methodenkonvention 4.0
Photovoltaik
2,72 ct
je Kilowattstunde. Nicht null, weil Herstellung und Vorketten mitgerechnet werden.
UBA, Methodenkonvention 4.0
Windenergie
0,93 ct
je Kilowattstunde, der niedrigste Wert neben der Wasserkraft mit 0,21 Cent. Onshore und Offshore weist das UBA nur zusammen aus.
UBA, Methodenkonvention 4.0
Deutscher Strommix
13,79 ct
je Kilowattstunde im Durchschnitt. Anders als die fünf Werte daneben bezieht sich dieser auf den Strommix des Jahres 2024, weil das UBA ihn so ausweist. Er sinkt mit jedem Prozentpunkt Erneuerbaren-Anteil.
UBA, Methodenkonvention 4.0

Der zugrunde liegende Kostensatz für Treibhausgase ist im selben Handbuch ausgewiesen: 990 Euro je Tonne Kohlendioxid-Äquivalent für das Emissionsjahr 2025 ohne reine Zeitpräferenz, oder 345 Euro bei einer Rate von 1 Prozent. Für 2026 nennt das UBA 1.000 beziehungsweise 350 Euro, für 2030 dann 1.050 und 375 Euro.

Drei Hinweise, ohne die diese Zahlen falsch gelesen werden

Erstens, der oft zitierte Wert von 300 Euro je Tonne ist veraltet. Er stammt aus der Vorgängerfassung und aus einer UBA-Datenseite, die zuletzt im November 2024 aktualisiert wurde. Wer heute damit rechnet, rechnet mit einem überholten Stand.

Zweitens, die beiden Spalten sind kein Widerspruch. Der Unterschied zwischen 990 und 345 Euro ist keine Unsicherheit, sondern eine ethische Entscheidung: Die reine Zeitpräferenzrate legt fest, wie stark Schäden künftiger Generationen gegenüber heutigen abgewertet werden. Bei null Prozent zählt ein Schaden im Jahr 2080 genauso viel wie einer heute. Diese Entscheidung trifft keine Rechenformel, sondern die Politik.

Drittens, die Werte sind unvollständig, und das UBA sagt das selbst. Erfasst sind Treibhausgase und Luftschadstoffe einschließlich der Vorketten. Landnutzung, Biodiversität und toxische Stoffe sind nicht enthalten. Das UBA bezeichnet die Sätze ausdrücklich als Größenordnungen. Kernenergie kommt in der Stromtabelle gar nicht vor.

Industrie gegen Haushalte, wer welchen Preis zahlt

Die zweite Gegenrechnung betrifft nicht Länder, sondern Gruppen im eigenen Land. Die amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamts für das zweite Halbjahr 2025 sind eindeutig: Haushalte zahlten 40,55 Cent je Kilowattstunde Strom einschließlich Umsatzsteuer, Nicht-Haushaltskunden im Durchschnitt 19,22 Cent ohne Umsatzsteuer. Innerhalb der gewerblichen Kunden liegt die Spanne zwischen 32,58 Cent für die kleinsten und 13,07 Cent für die größten Abnehmer. Beim Gas ist das Muster dasselbe: 12,23 gegen 6,18 Cent, und bei den größten Abnehmern 4,52 Cent.

Der Grund ist kein Rabatt der Lieferanten, sondern die Struktur des Preises. Nach der Strompreisanalyse des BDEW vom April 2026 bestehen 33,9 Prozent des Haushaltsstrompreises aus Steuern, Abgaben und Umlagen, also 12,6 Cent je Kilowattstunde. Auf Beschaffung und Vertrieb entfallen 41,3 Prozent oder 15,17 Cent, auf das Netzentgelt 24,9 Prozent oder 9,26 Cent. Alle drei Anteile beziehen sich auf den BDEW-Preis von 37,0 Cent für Neukundentarife, nicht auf die 40,55 Cent des Statistischen Bundesamts; die Summe der gerundeten Prozentwerte ergibt deshalb 100,1. Genau der Steuer- und Abgabenteil ist es, den die Industrie über eine Reihe von Ausnahmen weitgehend nicht zahlt.

Was 2026 tatsächlich beschlossen ist, und was nur angekündigt

Beschlossen und in Kraft: Die Stromsteuerentlastung von 20 Euro je Megawattstunde, also 2,00 Cent je Kilowattstunde, gilt seit dem 1. Januar 2026, allerdings nur für das produzierende Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft, mit einem Selbstbehalt von 250 Euro im Jahr. Für private Haushalte wurde sie nicht beschlossen. Ebenfalls beschlossen: ein Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds an die Übertragungsnetzbetreiber, gültig nur für das Jahr 2026 und ohne beschlossene Verlängerung. Er entlastet immerhin alle Netzkunden. Die Gasspeicherumlage entfällt ab 2026 und wird aus dem Haushalt finanziert.

Beschlossen, aber noch nicht ausgezahlt: Der Industriestrompreis. Die Europäische Kommission hat ihn am 16. April 2026 beihilferechtlich genehmigt, für die Jahre 2026 bis 2028 und für 91 Sektoren, mit einem Zielpreis von 5 Cent je Kilowattstunde. Das Antrags- und Auszahlungsverfahren beginnt allerdings erst Anfang 2027, rückwirkend für das Gesamtjahr 2026. Ein Haushaltsansatz ist in der Richtlinie nicht beziffert, die Leistung steht unter Haushaltsvorbehalt mit quotaler Kürzung.

Warum hier zwei verschiedene Haushaltsstrompreise stehen: Das Statistische Bundesamt nennt 40,55 Cent, der BDEW 37,0. Beide sind richtig. Der BDEW erfasst nur abschließbare Neukundentarife, das Statistische Bundesamt alle tatsächlich abgerechneten Preise einschließlich Bestandsverträgen. Die beiden Zahlen dürfen nicht gegeneinander gerechnet werden.

Der Ausblick bis 2045, und was daran wirklich feststeht

Beim Kohleausstieg wird in der Debatte regelmäßig ein Jahr genannt, das im Gesetz nicht steht. Der gesetzliche Endtermin ist 2038, für Braun- und Steinkohle gleichermaßen; das Kohleverstromungsbeendigungsgesetz schreibt für den 1. April 2030 ein Zwischenziel von 17 Gigawatt fest, davon 8 Gigawatt Steinkohle und 9 Gigawatt Braunkohle. Ein vorgezogener Ausstieg 2030 gilt nur für das Rheinische Revier, wo die Anlagen von RWE zum 31. März 2030 abzuschalten sind. Für die Lausitz sieht dasselbe Gesetz die Jahre 2028, 2029, 2035 und 2038 vor. Die vielzitierte EU-Beihilfegenehmigung vom November 2025 über bis zu 1,75 Milliarden Euro für die LEAG ändert daran nichts; sie entschädigt genau diesen bereits geltenden Pfad. Das Wort „vorzeitig" bezieht sich dort auf die betriebswirtschaftliche Restlaufzeit, nicht auf ein Vorziehen gegenüber dem Gesetz.

Der Ersatz ist seit Juli 2026 beschlossen, aber noch nicht genehmigt. Bundestag und Bundesrat haben am 9. und 10. Juli 2026 das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz verabschiedet. Es schafft einen Kapazitätsmarkt für das Jahr 2031 und sieht rund 10 Gigawatt Ausschreibung im September und Dezember 2026 vor, weitere 2 Gigawatt im Mai 2027 sowie weitere Runden 2027 und 2029. Alle Kraftwerke müssen wasserstofffähig sein und sollen spätestens 2045 vollständig dekarbonisiert werden, 2 Gigawatt bereits 2040 und weitere 2 Gigawatt 2043. Die beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Kommission liegt noch nicht vor. Das Wirtschaftsministerium schreibt lediglich, es sei zuversichtlich, sie rechtzeitig vor dem ersten Ausschreibungstermin im September 2026 zu erhalten.

Der gesetzliche Rahmen darüber ist unverändert: Das Klimaschutzgesetz verlangt Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045, minus 65 Prozent bis 2030 und minus 88 Prozent bis 2040 gegenüber 1990. Eine Novelle in den Jahren 2025 oder 2026 hat es nicht gegeben, die letzte Änderung datiert auf Juli 2024.

Und der Ausgangspunkt für all das: 2025 lieferte Kohle 96,8 und Erdgas 70,6 Milliarden Kilowattstunden in das Netz, also 22,1 und 16,1 Prozent der Netzeinspeisung. Der Erdgaswert ist der höchste seit Beginn dieser Erhebung im Jahr 2018. Im ersten Quartal 2026 stiegen beide Anteile auf 24,1 und 20,0 Prozent, was am Winterhalbjahr liegt und nicht auf das Gesamtjahr hochgerechnet werden darf. Einen Halbjahreswert für 2026 gibt es zum Stand dieser Seite noch nicht, und alle kursierenden Zahlen dazu stammen aus zweiter Hand.

Kapitel 11

Ihr persönlicher Anteil, kurze Rechnung in 30 Sekunden

Die Durchschnittszahl von rund 765 Euro pro Einwohner ist eine Mittelwertrechnung. Wer in einer großen Altbau-Wohnung mit Erdgas heizt und 20.000 Kilometer Diesel fährt, zahlt deutlich mehr. Wer im Passivhaus mit Wärmepumpe wohnt und ein E-Auto fährt, deutlich weniger. Der Rechner unten zeigt eine grobe Schätzung des persönlichen Anteils an der fossilen Importrechnung, und welche Hebel am stärksten wirken.

Eingaben

Ihr Haushalt insgesamt
— €
pro Jahr für fossile Energie-Importe
Pro Person
— €
Vergleich zum Schnitt: —
Größter Hebel
Wechseln Sie ein Eingabefeld, dann erscheint die Berechnung.
Aufschlüsselung erscheint nach der ersten Eingabe.
Realitäts-Check fürs E-Auto: Die BEV-Rechnung hier basiert auf Heim-Laden mit rund 31 Cent pro Kilowattstunde, das gilt für etwa 71 Prozent der E-Auto-Fahrer mit eigenem Stellplatz. Wer überwiegend an öffentlichen Schnellladern bezahlt (60 bis 89 Cent pro kWh, je nach Anbieter und Tarif), zahlt im Verkehrsteil ungefähr das Doppelte. Dann ist der finanzielle Vorsprung gegenüber Diesel und Benziner praktisch weg. Heim-Laden ist der entscheidende Hebel bei den Kosten, nicht das Auto selbst.
Methodik: Grobe Hochrechnung auf Basis deutscher Durchschnittswerte (Heizverbrauch pro m², Kraftstoffpreise Mai 2026, durchschnittliche PKW-Verbräuche, Strommix-fossilanteil 25 Prozent). Realer Verbrauch hängt stark von Gebäudezustand, Fahrweise und persönlichem Konsum ab und kann um plus/minus 30 Prozent abweichen. Der Wert zeigt den geschätzten Anteil Ihres Haushalts an der bundesweiten fossilen Importrechnung von rund 64 Mrd. Euro pro Jahr (2025, Destatis Außenhandel).
Kapitel 12

Die offene Frage

Leitfrage
Wenn jeder Einwohner, vom Baby bis zur Rentnerin, schon heute rund 765 Euro pro Jahr an ausländische Energielieferanten zahlt, jede arbeitende Person sogar rund 1.390 Euro, wie viel davon wäre uns die Unabhängigkeit von dieser Rechnung wert?
KIPODE äußert dazu keine Meinung. Die Frage ist der Punkt.

Diese Seite trägt die Zahlen zusammen, die in der öffentlichen Debatte oft fehlen. Sie ersetzt keine politische Entscheidung. Was sie kann: aus dem „zu teuer" der Skeptiker und dem „alternativlos" der Befürworter eine gemeinsame Datenbasis machen. Wer am Ende eine eigene Schlussfolgerung zieht, soll wissen, womit gerechnet wurde.

↗ Erneuerbare Energien ↗ Energie Deutschland (Übersicht) ↗ Solar Deutschland ↗ Wärmepumpe ↗ Aktueller Lagebericht

Häufig gestellte Fragen

Wie viel zahlt Deutschland pro Jahr für fossile Energie-Importe?
Laut Destatis-Außenhandel zahlte Deutschland 2025 rund 64 Milliarden Euro für den Import fossiler Brennstoffe, davon 35,8 Milliarden für Rohöl, 24,8 Milliarden für Erdgas und einen kleineren einstelligen Milliardenbetrag für Steinkohle. Im langjährigen Durchschnitt seit 2008 sind es etwa 81 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Tag fließen damit 2025 rund 175 Millionen Euro ans Ausland.
Wie hoch ist Deutschlands Importabhängigkeit bei Erdöl, Erdgas und Kohle?
Die Importabhängigkeit ist nahezu vollständig: Erdöl 98 Prozent, Erdgas 95 Prozent, Steinkohle 100 Prozent. Heimisch verfügbar ist im Wesentlichen nur die Braunkohle. Insgesamt deckt Deutschland laut Eurostat rund 67 Prozent seines Energiebedarfs aus Importen, einer der höchsten Werte in der EU.
Woher kommt das deutsche Erdgas seit dem Wegfall russischer Lieferungen?
Laut Bundesnetzagentur stammten 2025 etwa 44 Prozent der deutschen Gasimporte aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden, 21 Prozent aus Belgien und 10,3 Prozent über die deutschen LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran. Der Russland-Anteil lag 2021 noch bei rund 55 Prozent und ist 2025 auf null gesunken.
Was hat der Ukraine-Krieg Deutschland an Energie-Importen gekostet?
Im Jahr 2022 stieg die Importrechnung für Erdöl und Erdgas laut Destatis-Außenhandel auf 131,1 Milliarden Euro, ein Plus von 79 Prozent gegenüber 2021. Der TTF-Gaspreis erreichte zeitweise über 300 Euro je Megawattstunde, das Zehnfache des Normalniveaus. Der deutsche Außenhandelsüberschuss halbierte sich von 175 auf 80 Milliarden Euro. Hinzu kamen rund 200 Milliarden Euro Gas- und Strompreisbremse aus dem Bundeshaushalt.
Wie viel arbeitet jeder Bürger rechnerisch für die fossile Importrechnung?
Bei einer Importrechnung von rund 64 Milliarden Euro (2025) und 83,6 Millionen Einwohnern (Destatis, 31.12.2024) zahlt jeder Einwohner rechnerisch rund 765 Euro pro Jahr für importierte fossile Energie, alle Altersgruppen vom Baby bis zur Rentnerin mitgezählt. Bezogen nur auf die rund 46 Millionen Erwerbstätigen ergibt sich ein Wert von rund 1.390 Euro pro arbeitender Person und Jahr. Insgesamt entspricht das rund 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, rechnerisch arbeitet die gesamte deutsche Volkswirtschaft rund fünf bis sechs Tage im Jahr ausschließlich dafür, fossile Energie aus dem Ausland zu bezahlen.
Macht Dänemark in der Energiepolitik wirklich vieles besser als Deutschland?
Bei den harten Zahlen ja. Laut Eurostat und Energinet lag der Erneuerbaren-Anteil am dänischen Strommix 2025 bei 88,4 Prozent, in Deutschland bei 58,8 Prozent. Die Energie-Importabhängigkeit liegt in Dänemark bei rund 44 Prozent, in Deutschland bei 67 Prozent. Fernwärme deckt in dänischen Haushalten 63 bis 70 Prozent der Wärmeversorgung ab (in Kopenhagen bis 98 Prozent), in Deutschland nur 14 bis 16 Prozent. Die dänische Fernwärme ist zu 75 Prozent erneuerbar. Die fossile Importrechnung pro Jahr beträgt in Dänemark rund 8 Milliarden Euro, in Deutschland rund 64 Milliarden Euro (2025).
Lohnt sich die Energiewende wirtschaftlich, wenn man sie gegen die Importrechnung gegenrechnet?
Laut Studien von Aurora Energy Research, dem Öko-Institut und der KfW liegen die jährlichen Kosten der Energiewende (Netzausbau, EE-Förderung, Investitionen) aktuell bei etwa 80 bis 100 Milliarden Euro, ähnlich hoch wie die fossile Importrechnung. Der entscheidende Unterschied ist nicht die Höhe, sondern wohin das Geld fließt: Fossile Importe stützen ausländische Volkswirtschaften, Energiewende-Investitionen stützen heimische Anlagenbauer, Handwerksbetriebe und Forschungseinrichtungen. Bis 2045 sieht Aurora Energy Research ein Einsparpotenzial von bis zu 700 Milliarden Euro.
Wie viel Flüssiggas (LNG) importiert Deutschland 2026?
Deutschland hat seit 2022 eine eigene LNG-Infrastruktur aufgebaut. Die staatliche Deutsche Energy Terminal (DET) betreibt Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade und speiste 2025 rund 79 Terawattstunden ein, das private Terminal Mukran auf Rügen weitere 26,5 Terawattstunden. Zusammen sind das rund 105 Terawattstunden, also etwa 10,3 Prozent der deutschen Gasimporte. Das feste Landterminal Brunsbüttel (8 bis 10 Milliarden Kubikmeter pro Jahr) soll 2026 ans Netz gehen, Stade folgt 2027.

Quellen

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