Kernfusion Deutschland 2026, Stand, Startups, Programm Fusion 2040, Wendelstein 7-X
Kernfusion ist nicht mehr Science-Fiction, sondern Policy. Im Oktober 2025 verabschiedete die Bundesregierung das Programm „Fusion 2040" mit dem Ziel: das erste kommerzielle Fusionskraftwerk weltweit bis 2040, und es soll in Deutschland sein. Über 2 Milliarden Euro öffentliche Mittel in der laufenden Legislaturperiode, seit Ende Juli 2026 ergänzt um drei Fusionshubs. Drei deutsche Startups, Proxima Fusion, Marvel Fusion, Focused Energy, haben zusammen deutlich über 1,2 Milliarden Euro aus privaten und öffentlichen Quellen eingesammelt, allein Proxima Fusion im Juli 2026 411 Millionen Euro. Dazu kommt ein Weltrekord: Der Wendelstein 7-X Reaktor am Max-Planck-Institut Greifswald erzielte im Mai 2025 einen neuen Rekord beim „Triple Product" für lange Entladungen. Diese Seite zeigt: Warum Kernfusion jetzt plötzlich dringend ist. Wie die deutsche Technologie aussieht. Und, ehrlich gerechnet, wo Deutschland wirklich steht.
Warum Kernfusion jetzt?, Die Strombedarfs-Rechnung
Der Strombedarf wächst schneller als die gesicherte Leistung. Die Rechnung dahinter:
Das zentrale Problem: Bei längeren Dunkelflauten sinkt die Einspeisung aus Wind und Sonne weit unter den Bedarf. Dann braucht das Stromsystem gesicherte Leistung, Speicher, Netze, flexible Verbraucher oder steuerbare Kraftwerke. Kernfusion wäre eine solche steuerbare und CO₂-freie Quelle, sie steht aber frühestens in den 2040er Jahren zur Verfügung. Bis dahin muss die Lücke anders geschlossen werden.
Was ist Kernfusion?, Die Physik in 300 Worten
Kernfusion ist das Gegenteil von Kernspaltung (die bei traditionellen AKW stattfindet):
- Spaltung: Ein schwerer Atomkern (Uran-235) wird aufgespalten → radioaktive Bruchstücke → radioaktiver Müll, den man 10.000 Jahre sichern muss.
- Fusion: Zwei leichte Atomkerne (Deuterium + Tritium, beide Wasserstoff-Isotope) fusionieren und verschmelzen zu Helium → enorme Energie frei → das ist wie die Sonne.
Die Reaktion: Deuterium + Tritium → Helium + Neutron + 17,6 MeV Energie
Vorteil: keine Kettenreaktion. Eine Fusionsreaktion erlischt sofort, sobald die Bedingungen gestört werden, eine Kernschmelze ist physikalisch ausgeschlossen. Kein langlebiger Brennstoffabfall wie bei der Spaltung.
Aber kein Nullproblem beim Abfall. Die Neutronen aktivieren die Reaktorwände. Dieses Material ist radioaktiv, muss behandelt, zwischengelagert und teilweise entsorgt oder wiederverwertet werden. Wie schnell die Aktivität abklingt, hängt von den verwendeten Werkstoffen ab, angestrebt wird eine Größenordnung von rund 100 Jahren statt der Zehntausende Jahre bei abgebranntem Kernbrennstoff.
Und beim Brennstoff nur die halbe Wahrheit. Deuterium ist aus Meerwasser praktisch unerschöpflich. Tritium dagegen ist auf der Erde extrem selten, der weltweite Vorrat liegt in der Größenordnung weniger Kilogramm. Ein Kraftwerk müsste sein Tritium selbst aus Lithium erbrüten, und zwar mehr, als es verbraucht. Dieses Brutverfahren ist bis heute in keiner Anlage im Kraftwerksmaßstab nachgewiesen. Es gilt als eine der Schlüsseltechnologien, an denen die kommerzielle Fusion scheitern oder gelingen wird.
Deutschlands Programm Fusion 2040, Oktober 2025
Was die Bundesregierung beschlossen hat:
- Ziel: Erstes kommerzielles Fusionskraftwerk weltweit bis 2040, in Deutschland.
- Investition: Über 2 Milliarden Euro bis 2029:
- 755 Millionen Euro aus Sonderfonds
- 370 Millionen Euro aus dem damaligen BMBF-Paket von 2023
- Rest aus laufenden Mitteln des Forschungs- und des Wirtschaftsressorts (bis Mai 2025 BMBF und BMWK, seither BMFTR und BMWE)
- EUROfusion: Deutschland ist größter öffentlicher Beitragszahler im europäischen Fusionskonsortium, vor Frankreich, Italien und Spanien. Großbritannien gehört seit seiner Entscheidung von 2023, sich nicht an Euratom Research and Training zu assoziieren, nicht mehr dazu.
- Nationale Ebene: Unterstützung von Proxima Fusion, Marvel Fusion, Focused Energy mit Förderprogrammen und Co-Investments.
- Technologie-Transfers: Max-Planck-Institute, Universitäten, Industrie arbeiten zusammen. Ziel: Nicht nur Wissenschaft, sondern industrielle Reife bis 2035 bis 2040.
Dies ist ein Programm in der Kategorie der Mondlandung oder des Atomprogramms der 1960er, aber diesmal mit klarem wirtschaftlichen Nutzen.
Drei Fusionshubs, der nächste Schritt seit Juli 2026
Am 29. Juli 2026 hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bekanntgegeben, welche Fusionshubs gefördert werden. Sie bündeln Forschung und Industrie an drei Schwerpunkten und sind Teil der Hightech-Agenda. Für die erste Förderphase stehen rund 125 Millionen Euro bereit, Start ist der August 2026, der Ausbau läuft schrittweise bis 2029.
- Magnetfusion rund um das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München, also dort, wo auch der Demonstrator Alpha entstehen soll.
- Laserfusion auf Basis des Röntgenlasers European XFEL in Hamburg und des Standorts Biblis in Hessen, wo Focused Energy sein Kraftwerk plant.
- Brennstoffkreislauf und Materialentwicklung rund um das Karlsruher Institut für Technologie. Das ist der Hub für genau die beiden Fragen, an denen die kommerzielle Fusion technisch hängt: das Erbrüten von Tritium und Werkstoffe, die dauerhaftem Neutronenbeschuss standhalten.
Wie wird ein Fusionskraftwerk in Deutschland genehmigt?
Ein Fusionskraftwerk fällt nicht unter das Atomgesetz. Technik und Gefährdungslage unterscheiden sich zu deutlich von der Kernspaltung: keine Kettenreaktion, kein spaltbares Material, kein abgebrannter Brennstoff. Das Programm „Fusion 2040" sieht die Regulierung stattdessen im Strahlenschutzgesetz vor, Fusionsanlagen sollen dort als Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlung geführt werden. Das Gesetzgebungsverfahren läuft 2026.
Regelungsbedarf besteht bei der Handhabung von Tritium, bei neutronenaktivierten Bauteilen, bei der Standortgenehmigung und bei den Umwelt- und Sicherheitsprüfungen. Es gibt eine ernstzunehmende Gegenposition: Greifen die Haftungsregeln des Atomgesetzes nicht, fehlt für mögliche Schadensfälle eine klare Grundlage. Kritiker halten den Strahlenschutz allein deshalb für zu dünn. Der Punkt ist offen und wird im laufenden Verfahren entschieden.
Drei deutsche Fusion-Startups, Das Rückgrat
Deutschland hat nicht nur Forschung (Wendelstein 7-X, ITER). Es hat auch eine Unternehmensschicht, die international mithält. Die drei bekanntesten Namen wurden in München oder Darmstadt gegründet und legen Technologie und Zeitplan offen. Daneben gehören Gauss Fusion und Kyoto Fusioneering Europe zum deutschen Fusionsstandort:
Proxima Fusion
Gegründet: 2023 als erstes Spin-out des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (Garching).
Marvel Fusion
Gegründet: 2019 von Physikern aus LMU München und Max-Planck-Institut.
Focused Energy
Gegründet: 2021 als Spin-off der TU Darmstadt.
Gemeinsame Forderung (September 2025): Die drei Startups forderten gemeinsam 3 Milliarden Euro öffentliche Anschubfinanzierung für die industrielle Fusionsentwicklung in Deutschland. Dies war Teil des politischen Dialogs, der zum Programm „Fusion 2040" führte.
Zum deutschen Fusionsstandort gehören zwei weitere Akteure. Gauss Fusion hat 2025 einen Conceptual Design Report für das Stellarator-Kraftwerk „GIGA" vorgelegt, über 1.000 Seiten, nach eigenen Angaben der erste vollständige Entwurf eines kommerziellen Fusionskraftwerks in Europa. Ein internationales Fachgremium unter Vorsitz von Hartmut Zohm vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hat den Entwurf im Januar 2026 geprüft. Der Report beziffert ein erstes kommerzielles Kraftwerk auf 15 bis 18 Milliarden Euro und nennt als Zeithorizont die Mitte der 2040er Jahre. Kyoto Fusioneering Europe ist die deutsche Gesellschaft eines japanischen Konzerns und arbeitet an Komponenten für den Brennstoffkreislauf.
Proxima Fusion hat 2026 zusätzlich einen Finanzchef und ein Industrie-Gremium aufgebaut, um den Schritt von der Forschung zur industriellen Umsetzung zu organisieren.
Projekt Alpha, Deutschlands Fusionsdemonstrator wird real
Am 26. Februar 2026 wurde in München ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das den Bau des ersten deutschen Fusionsdemonstrators besiegelt. Vier Partner, ein Ziel: den Stellarator vom Laborexperiment zum Kraftwerks-Maßstab bringen.
Was wurde vereinbart?
Die Bayerische Staatsregierung, Proxima Fusion, RWE und das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) haben ihre Zusammenarbeit bei Design, Bau und Betrieb des Fusionsdemonstrators „Alpha" sowie eines späteren Pilotkraftwerks „Stellaris" besiegelt.
- Alpha wird nach dem Stellarator-Konzept in Garching gebaut, in unmittelbarer Nähe zum IPP. Die räumliche Nähe ermöglicht eine enge Verzahnung von Forschung und industrieller Umsetzung.
- IPP übernimmt die wissenschaftliche Führung und definiert die wissenschaftliche Mission. Die Erkenntnisse aus Wendelstein 7-X in Greifswald fließen direkt ein.
- Proxima Fusion trägt die Verantwortung für Engineering, Ausschreibungen und den Bau der Anlage. 20 % der Kosten werden privat eingeworben.
- RWE prüft eine finanzielle Beteiligung und stellt langfristig den ehemaligen AKW-Standort Gundremmingen (Bayern) für das Pilotkraftwerk Stellaris bereit.
- Bayern stellt unter Haushaltsvorbehalt bis zu 400 Millionen Euro Kofinanzierung in Aussicht.
- Die Hauptförderung soll über das BMFTR (Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt) im Rahmen eines Magnetfusions-Hubs aus der Hightech-Agenda erfolgen.
Alpha vs. Wendelstein 7-X, komplementär, nicht konkurrierend
Wendelstein 7-X in Greifswald soll beweisen, dass Stellaratoren im Dauerbetrieb laufen können. Alpha in Garching verfolgt ein anderes Ziel: es wird nur für kurze Plasmapulse ausgerüstet, soll aber den Wärmeeinschluss auf Kraftwerks-Skala skalieren, eine Fähigkeit, die Wendelstein 7-X konstruktionsbedingt nicht hat. Zusammen decken beide Projekte die zwei entscheidenden Fragen für ein kommerzielles Fusionskraftwerk ab.
Der Weg zum Kraftwerk Stellaris
Nach erfolgreicher Demonstration an Alpha streben RWE, Proxima Fusion und der Freistaat Bayern den Bau des kommerziellen Fusionskraftwerks Stellaris am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen an. Der Standort ist auch für Magnetfertigung sowie zusätzliche Forschungs- und Entwicklungskapazitäten bereits parallel zum Aufbau von Alpha eine Option.
Unterzeichnet haben die Absichtserklärung Ministerpräsident Markus Söder, Wissenschaftsminister Markus Blume und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger für den Freistaat Bayern, Francesco Sciortino als Geschäftsführer von Proxima Fusion, Sibylle Günter für das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und Markus Krebber als Vorstandsvorsitzender von RWE. Die Runde zeigt, worauf das Vorhaben ruht: Landespolitik, Grundlagenforschung, ein junges Unternehmen und ein Energiekonzern an einem Tisch.
Quelle: Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, Memorandum of Understanding, 26. Februar 2026
Wendelstein 7-X Weltrekord, Mai 2025
Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald (Vorpommern) betreibt den weltgrößten Stellarator-Fusionsreaktor: Wendelstein 7-X (W7-X). Im Mai 2025 erzielte er einen neuen Weltrekord.
- Rekord: Neuer Weltrekord im „Triple Product" (Dichte × Temperatur × Einschlusszeit).
- Leistung: 43 Sekunden stabiles Plasma bei hohem Fusionsprodukt. Für lange Entladungen übertrifft das die bisherigen Tokamak-Bestwerte. Bei sehr kurzen Pulsen liegen Tokamaks weiterhin höher.
- Energieumsatz: In derselben Kampagne erreichte W7-X 1,8 Gigajoule über rund sechs Minuten, gegenüber 1,3 Gigajoule im Februar 2023. Wichtig zur Einordnung: Das ist umgesetzte Heizenergie, kein Netto-Stromertrag. W7-X erzeugt keinen Strom.
- Bedeutung: Der Rekord stärkt die Evidenz, dass Stellaratoren die langen, stabilen Plasmen liefern können, die ein Kraftwerk braucht. Das IPP spricht von der Validierung der Eignung, nicht von einem Beweis. Proxima Fusion baut auf den W7-X-Daten auf.
- Status 2026: Wendelstein 7-X befindet sich seit Juni 2025 in einer Umbau- und Wartungsphase, die im August 2026 endet. Die nächste Experimentierkampagne OP 2.4 läuft von September bis Dezember 2026. Der Rekord vom Mai 2025 ist damit weiterhin der aktuellste Stand. Dabei wurde erstmals im gesamten Plasmavolumen ein Verhältnis von Plasma- zu Magnetdruck von 3 Prozent erreicht; ein Kraftwerk bräuchte 4 bis 5 Prozent. Das langfristige Ziel sind stabile Entladungen von bis zu 30 Minuten.
Wendelstein 7-X ist ein Forschungsexperiment, kein Kraftwerk. Für die Technologie, auf die Proxima Fusion ihr Geschäftsmodell aufbaut, ist die Anlage jedoch der wichtigste Beweisträger, den es weltweit gibt.
Internationale Lage, Wer führt?
| Land | Jährliche öffentliche Ausgaben | Globaler Anteil | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| ◼ China | ~1,4 Mrd. €/Jahr | 34 % | Tokamak EAST, CFETR in Bau, BEST. Staatlich dominiert. Ziel: nächsten Jahrzehnten führen. |
| ◼ USA | ~730 Mio. €/Jahr (Bundes-Budget FY2025: 790 Mio. $) | ~53 % (inkl. private Investitionen) | DOE-Budget stark gestiegen seit 2021. Private Firmen dominieren: Commonwealth Fusion Systems (CFS), TAE, Helion. SPARC-Reaktor 2027 geplant in Massachusetts. |
| ◼ Deutschland/EU | Mehrere 100 Mio. €/Jahr (stark steigend) + 2 Mrd. € für Projekt Alpha | ~5 % (vor 2025, steigend) | Programm „Fusion 2040" (Okt. 2025), MoU Projekt Alpha (Feb. 2026) und drei Fusionshubs (Juli 2026, rund 125 Mio. €). Ziel: erster kommerzieller Reaktor 2040. Größter öffentlicher Beitragszahler im EUROfusion-Konsortium. |
| ◼ Großbritannien | 2,5 Mrd. Pfund über fünf Jahre (zugesagt) | in „Rest der Welt" enthalten | STEP-Programm der UK Atomic Energy Authority, Prototyp in West Burton mit dem Zieljahr 2040 und 100 MW angestrebter Nettoleistung. Direkter Wettbewerber um dasselbe Zieljahr wie Deutschland. Seit 2023 nicht mehr Teil von Euratom und EUROfusion. |
| ◼ Rest der Welt | Deutlich weniger | ~8 % (inkl. Großbritannien) | Japan und Südkorea mit eigenen Programmen. Kanada (TAE-Partner), Australien (Commonwealth Fusion Partner). |
Globale Fusionsausgaben
~4,1 Mrd. € pro Jahr weltweit (öffentlich + privat)Quellen: IEA, Fusion Industry Association 2025. USA-Anteil dominiert durch private Milliarden-Investments.
Im Ergebnis: China führt bei öffentlichen Ausgaben. USA führt bei privaten Investitionen und hat CFS weit vorne. Deutschlands Startup-Ökosystem (Proxima, Marvel, Focused Energy) ist international konkurrenzfähig, hohe Kapitaleffizienz, transparente Roadmaps, klare Meilensteine. Deutschland ist nicht die Nummer 1, aber ein ernsthafter Mitbewerber, weil das Programm „Fusion 2040" die private Kapitalseite absichert. Großbritannien verfolgt mit STEP dasselbe Zieljahr 2040.
USA: Commonwealth Fusion Systems (CFS), Der Konkurrent
Commonwealth Fusion Systems ist einer der weltweit am besten finanzierten privaten Fusionsentwickler und damit der wichtigste Maßstab für den deutschen Zeitplan.
- Gegründet: 2018 (Spin-off aus dem MIT).
- Finanzierung: Über 3 Milliarden US-Dollar, unter anderem von Breakthrough Energy Ventures, Google und Equinor.
- Technologie: Tokamak mit Hochtemperatur-Supraleitern (HTSc) für extrem starke Magnete (bis 20+ Tesla). Dies ermöglicht kleinere, günstigere Reaktoren.
- SPARC-Reaktor: Stand April 2026 zu rund 75 Prozent gebaut, der erste der 18 Hochtemperatur-Supraleiter-Magnete ist installiert. Das Unternehmen peilt das erste Plasma weiterhin für 2026 an, in der Berichterstattung wird inzwischen auch 2027 genannt. Den Nettoenergiegewinn erwartet CFS für 2027 (Standort Massachusetts).
- Erstes Kraftwerk: Geplant für frühe 2030er Jahre in Virginia in Partnerschaft mit Dominion Energy. 400 MW Leistung angestrebt.
- Risiko: CFS ist riesig finanziert, aber noch kein realer Betrieb. Die Technologie ist nicht getestet im echten Betrieb.
Timeline, Wann passiert was?
KI beschleunigt die Fusion
KI ersetzt keine Physik. Sie verkürzt aber den Weg vom Experiment zum Kraftwerk, und zwar an vier Stellen, die für Deutschland besonders zählen, weil hier die Stellarator-Forschung sitzt.
Wendelstein 7-X, KI im Kontrollraum
Greifswald ist der erste Stellarator weltweit, der KI im laufenden Forschungsbetrieb getestet hat. Ein Deep-Learning-System wertet die Infrarotkameras am Divertor in Echtzeit aus, erkennt heiße Stellen, trennt gefährliche von harmlosen Ereignissen und verfolgt die Auftreffzonen des Plasmas. Diese Positionsdaten fließen direkt in die Magnetfeld-Steuerung zurück. Das senkt Fehlalarme, erlaubt längere Experimente und schützt die Bauteile.
Proxima rechnet das Design mit KI
Die Geometrie eines Stellarators ist extrem komplex. Proxima Fusion nutzt KI als Kernwerkzeug: schnelle Näherungsmodelle ersetzen teure Hochpräzisions-Simulationen. Mit der offenen Challenge „ConStellaration" (zusammen mit Hugging Face) lässt das Unternehmen die weltweite Forschungsgemeinde an Designproblemen mitrechnen.
Hundertfach schnellere Simulationen
Plasmaphysik vollständig zu simulieren kostet enorme Rechenzeit. KI-Näherungsmodelle liefern nahezu die gleiche Genauigkeit in einem Bruchteil davon. Google DeepMind hat dafür den schnellen Simulator TORAX gebaut und arbeitet mit Commonwealth Fusion Systems zusammen. Schon 2022 steuerte DeepMind mit der EPFL Lausanne erstmals ein Plasma per bestärkendem Lernen, 2024 folgte ein System, das Instabilitäten vorhersagt und vermeidet.
Frühwarnung und digitale Zwillinge
Am Max-Planck-Institut beschleunigt KI die Berechnung turbulenter Plasmaströmungen, erkennt den unsichtbaren Gleichgewichtszustand des Plasmas und findet Messfehler. Längerfristig sollen digitale Zwillinge ganze Kraftwerke virtuell durchspielen, bevor sie gebaut werden.
Warum das für Deutschland doppelt zählt: KI-Rechenzentren treiben den Strombedarf nach oben, und Fusion soll genau diese CO₂-freie Grundlast liefern. Beides hängt zusammen. Nach dem Wegfall des günstigen russischen Gases braucht die deutsche Industrie verlässliche, bezahlbare Energie, und genau hier hakt es derzeit. Wer beim Zugang zu den besten KI-Modellen zurückfällt, verliert auch Tempo bei der Fusion, weil Simulation und Steuerung dann langsamer vorankommen.
Deshalb baut Deutschland an eigener, souveräner KI: Aleph Alpha aus Heidelberg hat sich im April 2026 mit dem kanadischen Anbieter Cohere zusammengeschlossen, finanziell gestützt von der Schwarz-Gruppe. Ziel ist eine datensouveräne Alternative zu US-Anbietern für Industrie, Verwaltung und Forschung.
Ehrliche Bilanz, Wo steht Deutschland wirklich?
Das Prinzip „Kein Blindflug", wir müssen ehrlich sein:
- Stärke: Wendelstein 7-X ist Weltklasse. Proxima Fusion ist Weltklasse-Technologie. Die Finanzierung ist massiv angestiegen. Das Startup-Ökosystem ist transparent und gut geführt. Der politische Wille ist da.
- Schwäche: USA hat mehr absolute Finanzierung. China hat mehr öffentliche Mittel. CFS ist weiter vorne in der Timeline. Deutschland war lange kein Fusions-Schwerpunkt und muss aufholen.
- Das Rennen: Es ist nicht entschieden. Aber Deutschland hat reale Chancen, nicht wegen der Größe der Mittel, sondern wegen der Qualität der Technologie und der Fokussierung.
- Risiko: Alle drei Technologien (Proxima Stellarator, Marvel Laser, Focused Energy Laser, CFS Tokamak) sind noch nicht in kommerziellem Betrieb. Es ist keine Garantie, es ist ein Rennen.
Häufig gestellte Fragen zur Kernfusion
Warum ist Kernfusion jetzt wichtig für Deutschland?
Der Strombedarf steigt. Deutschlands Rechenzentren verbrauchten 2025 rund 21,3 Terawattstunden, für 2030 erwarten Bitkom und Borderstep 30 bis 35 Terawattstunden. Zusammen mit Elektroautos und Wärmepumpen braucht Deutschland zusätzliche gesicherte Leistung, und zwar CO₂-frei. Kernfusion könnte diese Rolle langfristig übernehmen, neben Wasserkraft, Speichern und anderen steuerbaren Quellen. Ein kommerzielles Fusionskraftwerk gibt es bisher allerdings nirgends.
Wie funktioniert Kernfusion?
Kernfusion ist das Gegenteil von Kernspaltung: Zwei leichte Atomkerne, üblicherweise Deuterium und Tritium, beide Wasserstoff-Isotope, fusionieren und verschmelzen zu Helium. Dabei wird enorme Energie frei, die Sonne funktioniert so. Vorteil: keine Kettenreaktion, kein Risiko einer Kernschmelze und kein langlebiger hochradioaktiver Brennstoffabfall wie bei der Spaltung. Allerdings aktivieren Neutronen die Reaktorwände, dieses Material muss behandelt und entsorgt werden. Brennstoff: Deuterium ist praktisch unbegrenzt aus Meerwasser verfügbar. Tritium dagegen ist knapp und muss im Kraftwerk selbst aus Lithium erbrütet werden, das ist eine der ungelösten Schlüsseltechnologien.
Was ist Deutschlands Programm Fusion 2040?
Im Oktober 2025 verabschiedete die Bundesregierung das Programm „Fusion 2040, Forschung auf dem Weg zum Fusionskraftwerk" mit dem Ziel: das erste kommerzielle Fusionskraftwerk weltweit bis 2040, in Deutschland. Vorgesehen sind über 2 Milliarden Euro in der laufenden Legislaturperiode. Deutschland ist größter öffentlicher Beitragszahler im europäischen EUROfusion-Konsortium. Ende Juli 2026 folgte der nächste Schritt: drei Fusionshubs mit rund 125 Millionen Euro in der ersten Förderphase.
Welche deutschen Fusion-Startups gibt es?
Die drei bekanntesten sind Proxima Fusion (München, Stellarator, 411 Mio. € im Juli 2026, über 650 Mio. € Gesamtfinanzierung, Alpha-Demonstrator 2031), Marvel Fusion (München, Laserfusion, 385 Mio. € gesamt, davon 170 Mio. € privat und 215 Mio. € aus öffentlichen Kooperationsprojekten) und Focused Energy (Darmstadt, Laserfusion, Spin-off der TU Darmstadt, 240 Mio. US-Dollar Series A im Mai 2026, die größte Series-A-Finanzierung der globalen Fusionsbranche, mit RWE als strategischem Investor). Daneben arbeiten Gauss Fusion und Kyoto Fusioneering Europe in Deutschland an Fusionstechnik. Im September 2025 forderten die drei Startups gemeinsam 3 Milliarden Euro öffentliche Anschubfinanzierung.
Was ist der Wendelstein 7-X Weltrekord?
Der Wendelstein 7-X ist der weltgrößte Stellarator-Fusionsreaktor am Max-Planck-Institut Greifswald. Im Mai 2025 erzielte er einen neuen Weltrekord im sogenannten ‚Triple Product', das Produkt aus Plasmadichte, Temperatur und Einschlusszeit. 43 Sekunden stabiles Plasma bei hohem Fusionsprodukt. Für lange Entladungen übertrifft das die bisherigen Tokamak-Bestwerte. Damit wächst die Evidenz, dass Stellaratoren für den Dauerbetrieb eines Kraftwerks geeignet sein könnten. Ein Beweis, dass ein kommerzielles Fusionskraftwerk funktioniert, ist es nicht.
Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
Bei den öffentlichen Ausgaben liegt China mit rund 1,4 Milliarden Euro pro Jahr vorn. Die USA führen beim privaten Kapital, dort sitzt mit Commonwealth Fusion Systems das am besten finanzierte Fusionsunternehmen der Welt. Großbritannien hat 2,5 Milliarden Pfund über fünf Jahre zugesagt und baut mit STEP in West Burton einen Prototyp mit dem Zieljahr 2040. Deutschland hat über 2 Milliarden Euro in der laufenden Legislaturperiode zugesagt und verfolgt dasselbe Zieljahr. Deutschlands Stärke ist das Startup-Ökosystem, Proxima Fusion ist das höchstbewertete Fusionsunternehmen Europas.
Wie hilft KI bei der Kernfusion?
KI ersetzt keine Physik, beschleunigt aber die Entwicklung an vier Stellen. Echtzeit-Auswertung: Am Wendelstein 7-X in Greifswald wertet ein lernendes System die Infrarotkameras am Divertor live aus und erkennt heiße Stellen. W7-X ist der erste Stellarator weltweit, der KI im laufenden Betrieb getestet hat. Eine geschlossene, selbsttätige Anlagensteuerung ist das noch nicht. Design: Proxima Fusion optimiert die komplexe Stellarator-Geometrie mit KI-Näherungsmodellen. Simulation: Modelle wie DeepMinds TORAX rechnen Plasmaphysik um ein Vielfaches schneller. Dazu Datenanalyse und Frühwarnung am Max-Planck-Institut. Für Deutschland ist eigene, souveräne KI dabei strategisch wichtig (Aleph Alpha).
Quellen
- Bundesregierung: Programm „Fusion 2040, Forschung auf dem Weg zum Fusionskraftwerk" (Oktober 2025), Bundesbericht Forschung und Innovation 2026
- BMFTR: „Nächster Schritt zum Fusionskraftwerk, drei neue Fusionshubs bündeln Forschung und Wirtschaft" (29. Juli 2026), bmftr.bund.de
- Proxima Fusion: „Proxima Fusion Raises €411 Million" (7. Juli 2026), proximafusion.com, dazu die Meldung der Max-Planck-Gesellschaft
- Gauss Fusion: Conceptual Design Report zum Kraftwerkskonzept GIGA (2025, Fachprüfung Januar 2026), gauss-fusion.com
- Britische Regierung: STEP-Programm, West Burton, 2,5 Mrd. Pfund, gov.uk
- Bitkom und Borderstep Institut: „Rechenzentren in Deutschland, Update 2025" (November 2025), bitkom.org
- Max-Planck-Institut für Plasmaphysik Greifswald: Wendelstein 7-X, neue Bestwerte vom 22. Mai 2025, ipp.mpg.de, Einordnung bei EUROfusion
- Marvel Fusion: Unternehmenswebsite, Investitionen, marvelfusion.com
- Focused Energy: Pressemitteilung „240 Mio. US-Dollar Series A" (27. Mai 2026), focused-energy.co
- RWE: Pressemitteilung „RWE erhöht Investment in Focused Energy um 60 Mio. €" (27. Mai 2026), rwe.com
- Commonwealth Fusion Systems: SPARC-Projekt, Baufortschritt und Finanzierung, cfs.energy
- EUROfusion: „AI in the Control Room", KI-gestützte Divertor-Überwachung am Wendelstein 7-X (2025/2026), euro-fusion.org
- Google DeepMind: Lernende Plasmasteuerung und Simulator TORAX, deepmind.google
- Proxima Fusion und Hugging Face: ConStellaration-Challenge zur KI-gestützten Stellarator-Optimierung (2025), proximafusion.com
- Aleph Alpha und Cohere: Zusammenschluss zur souveränen KI mit Schwarz-Gruppe (April 2026), aleph-alpha.com
- International Energy Agency (IEA): „Energy and AI" (2025), Stromverbrauch von Rechenzentren, iea.org
- Fraunhofer ISE: Stromerzeugungskosten, Szenarioanalysen 2025
- ITER Organization: Grundlagen zu Tritium-Verfügbarkeit und Brutverfahren, iter.org
- Bloomberg NEF: Fusion Technology Report 2025 bis 2026
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