Beim KI‑Gipfel in Kitzbühel beruhigt die Wirtschaft, doch zwei Fragen bleiben offen: die Roboter mit Händen und der Strom
Am 17. und 18. Juni 2026 moderierte Markus Lanz auf 1.700 Metern an der Hahnenkamm‑Bergstation die meistbesuchte Runde des AI Summit Kitzbühel, unter dem Titel „KI in der Realität: Wer liefert, und wem können wir vertrauen?". Auf dem Podium saßen Christine Rupp von IBM, Andreas Wagner von SAP, Stefanie Hirschmann von Borealis, Christoph Knogler, Vorstandsvorsitzender der KEBA Group, und Khaled Bagban von Metro. Die beruhigende Botschaft: Jede technologische Umwälzung habe die Arbeit bisher nur umgeschichtet, und so werde es auch diesmal sein. KIPODE hat die zweistündige Aufzeichnung ausgewertet und trennt, was am Tisch überzeugend gesagt wurde, von den zwei Fragen, die kaum verhandelt wurden: die humanoiden Roboter, die körperlich arbeiten, und der Energiehunger der Technik.
Die Runde und ihre Beruhigung
Den Ton traf Christoph Knogler, Vorstandsvorsitzender des österreichischen Automatisierungsherstellers KEBA. Er erzählte von einem Plakat, mit dem der niederländische Handwerksverband eine ganze Gebäudefassade beklebt hatte, Aufschrift sinngemäß: „Liebes ChatGPT, bau dieses Haus fertig." Man diskutiere viel über KI, sagte er, aber der Gärtner, der Klempner und der allgemeine Handwerker werde nicht morgen oder übermorgen durch einen humanoiden Roboter ersetzt. Sein Beleg war ein Blick zurück: Bei jeder großen technologischen Veränderung, ob Automobil oder Telefonie, habe es Stimmen gegeben, die die Zukunft so zeichneten, als verliere der Mensch darin seine Bedeutung. Die Geschichte lehre, dass das nicht eingetreten sei, und das lasse sich auf die KI übertragen, denn KI sei keine Magie, sondern eine verstehbare Technologie aus Mathematik und Algorithmik. Sein zweites Argument war die Demografie: In alternden Gesellschaften wie Japan oder Korea fehlten Arbeitskräfte, Maschinen füllten also eine Lücke, statt Menschen zu verdrängen.
Wo die historische Analogie diesmal wackelt
Die Analogie ist stark, aber sie hat eine verborgene Voraussetzung. Dampfmaschine, Automobil und Telefon nahmen dem Menschen einzelne Aufgaben ab, während er auf neue Aufgaben auswich. Möglich war dieses Ausweichen, weil die Maschine keinen Körper hatte: Die menschliche Hand, das Urteil vor Ort, die Beweglichkeit blieben knapp und darum wertvoll. Genau diese Voraussetzung steht in der aktuellen Welle zur Debatte. Das qualitativ Neue sind nicht nur klügere Programme, sondern humanoide Roboter, die körperliche Arbeit übernehmen. Solange ein System klug ist, aber keine Hände hat, bleibt der Handwerker sicher. In dem Moment, in dem es fähige Hände bekommt, verengt sich der klassische Fluchtweg, der Wechsel in manuelle Tätigkeit. In Kitzbühel kam der humanoide Roboter nur als Beruhigung vor, nicht übermorgen, und als demografischer Lückenfüller. Als das, was die historische Analogie außer Kraft setzen könnte, wurde er nicht verhandelt. Das ist keine KIPODE‑Erfindung, sondern die Variable, die unsere Seite Arbeitsmarkt bereits benennt: Sobald KI und Robotik in der physischen Welt verschmelzen, versagen alle historischen Modelle. Zur Ehrlichkeit gehört die Gegenseite: Ob und wann fähige, bezahlbare Roboter in der Breite ankommen, ist selbst offen und umstritten, denn Geschicklichkeit, Zuverlässigkeit und Kosten sind noch nicht gelöst. Unser Überblick Humanoide Roboter hält den Stand fest.
Der Stromalarm, und die Antwort „Fit for Purpose"
Ein zweiter Strang der Runde galt der Energie. Lanz zitierte den früheren Technikchef des niederländischen Chipanlagen‑Bauers ASML, Martin van den Brink, mit einer drastischen Rechnung: Setze sich die Entwicklung fort, könnte ein einziges Training eines dann aktuellen Modells um 2035 den gesamten globalen Energieverbrauch für sich beanspruchen. Das sei inakzeptabel. Christine Rupp, Geschäftsführerin bei IBM, gab Pushback: Die Debatte werde zu verkürzt geführt. Die Antwort sei nicht ein immer größeres zentrales Modell, sondern das, was sie „Fit for Purpose" nannte, dazu Quantencomputer als längerfristige Perspektive. IBM baut selbst kein eigenes Spitzen‑Sprachmodell, sondern setzt auf kleine, offene Modelle. Weniger Energie, mehr Leistung, mehr dezentrale KI, so fasste sie die Richtung zusammen.
Was „Fit for Purpose" bedeutet, und wie es Strom spart
Hinter dem englischen Ausdruck steckt eine einfache Idee: nicht ein Riesenmodell, das alles können soll, sondern ein Modell in der richtigen Größe, trainiert für genau eine Aufgabe, etwa Kundenanfragen, Vertragsprüfung oder Maschinendiagnose. Die kleine Variante heißt im Fachjargon Small Language Model. Warum das Strom spart, zeigt sich an vier Hebeln. Erstens hängt der Energieverbrauch pro Antwort an der Zahl der aktiven Parameter: Ein Modell mit wenigen Milliarden rechnet für dieselbe Antwort einen Bruchteil dessen, was ein Modell mit mehreren Hundert Milliarden verbraucht. Zweitens fällt totes Gewicht weg. Ein Allzweckmodell trägt Wissen über Recht, Lyrik und Kochen mit sich, auch wenn nur eine Fachfrage gestellt wird, und die volle Rechenlast fällt bei jeder noch so einfachen Anfrage an. Ein zweckgenaues Modell lässt das Irrelevante weg und erreicht auf seiner engen Aufgabe dieselbe Qualität mit deutlich weniger. Drittens läuft ein kleines Modell auf kleiner, dezentraler Hardware, auf einem einzelnen Server, in der Fabrik, teils auf dem Gerät selbst, ohne den großen Rechenzentrums‑Cluster samt Kühlung. Viertens sparen moderne Modelle zur Laufzeit, indem sie pro Wort nur einen Teil ihrer Parameter aktivieren und mit gröberer Zahlengenauigkeit rechnen. Fachberichte beziffern die Ersparnis aufgabengenauer Kleinmodelle auf bis zu 90 Prozent pro Aufgabe. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Für das Training der Modelle und für die schwierigsten Allzweck‑Denkaufgaben bleiben die großen Systeme nötig, und der Spareffekt betrifft vor allem die Antwort‑Seite, die Inferenz, nicht das Training, vor dem van den Brink warnt. Fit for Purpose heißt also nicht überall klein, sondern für jede Aufgabe die passende Größe.
Was das für Deutschland heißt (KIPODE‑Einordnung)
Für Deutschland ergeben sich drei nüchterne Punkte. Erstens ist die Jobfrage politisch, nicht technisch. Ob die Roboter‑Welle Arbeit vernichtet oder nur verschiebt, entscheidet nicht die Maschine, sondern wie eine Gesellschaft mit dem Übergang umgeht, und diese Debatte läuft hier über das bedingungslose Grundeinkommen seit Jahren. Die messbare Ausgangslage steht in unserem Arbeitsmarkt. Zweitens ist „Fit for Purpose" ein realer europäischer Hebel: Deutsche Unternehmen mit sensiblen oder industriellen Daten können kleine, spezialisierte Modelle im eigenen Haus betreiben, das schont Energie, Kosten und Datenschutz zugleich. Der Zusammenhang von KI und Strombedarf ist auf unserer Seite Künstliche Intelligenz in Deutschland weiter ausgeführt. Drittens der Quellenhinweis: Eine Podiumsrunde ist eine Quelle für Positionen, kein Beweis für Prognosen. Van den Brinks Zahl ist eine Warnung unter der Annahme, dass sich nichts ändert, die 90 Prozent sind ein Bestwert für enge Aufgaben. Beide zeigen eine Richtung, keine Gewissheit.