Technologieführerschaft Deutschland: was verloren ging, was geblieben ist
Diese Seite ist keine Abstiegserzählung und keine Beruhigung. Sie beantwortet drei Fragen mit Zahlen: In welchen Technologiefeldern war Deutschland führend und ist es nicht mehr, und in welchem Jahr kippte es? Welche Führungspositionen sind heute noch belegbar, und wie belastbar ist der Beleg? Und welche verbreiteten Behauptungen über deutsche Weltmarktführerschaften lassen sich gar nicht belegen? Der dritte Punkt ist der Teil, den es sonst nirgends gibt: Für einen erheblichen Teil der landläufig behaupteten Führungspositionen existiert keine frei zugängliche, datierte Zahl aus einer prüfbaren Quelle. Diese Lücke zu benennen ist Teil der Aufgabe.
Zählbasis: Die 13 Verluste sind die Felder mit Kipp-Jahr aus Kapitel 02, die 6 kippenden Positionen entsprechen dem Ampel-Raster in Kapitel 03, die 5 belegten Führungen sind die harten Belege aus Kapitel 01. Vier Felder (Batteriezellen, Photolithographie, Displays, zivile Drohnen) wurden nie besessen und zählen nicht als Verlust.
Was gerade entsteht
Dieses Kapitel steht bewusst zuerst. Eine Bilanz, die mit Verlusten beginnt, wird als Abgesang gelesen und erreicht niemanden mehr, der etwas daraus mitnehmen soll. Und es gibt eine Gegenwart, die sich sehen lassen kann: In Dresden sind zwischen 2023 und 2028 Investitionen von über 16 Milliarden Euro im Bau oder bereits eröffnet. Bei der Kernfusion flossen allein 2026 über 650 Millionen Euro privates Kapital in zwei deutsche Unternehmen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden so viele Startups gegründet wie nie seit Beginn der Erhebung.
Dresden: die größte Halbleiter-Baustelle Europas
Halbleiter-Investitionen: Dresden baut, Magdeburg und Ensdorf fielen aus
Blaue Balken: Dresdner Projekte, im Bau, eröffnet oder in Produktion. Graue Balken: die beiden abgesagten Großprojekte anderswo in Deutschland. Ohne die grauen Balken wäre diese Grafik Werbung.
| Projekt | Investition | Status | Beihilfe |
|---|---|---|---|
| ESMC (TSMC, Bosch, Infineon, NXP), Dresden | 10,0 Mrd. € | im Bau, Start Ende 2027 | 5,0 Mrd. €, EU-genehmigt 08/2024 |
| Infineon Smart Power Fab, Dresden | 5,0 Mrd. € | eröffnet 02.07.2026, im Hochlauf | 920 Mio. €, EU-genehmigt 20.02.2025 |
| GlobalFoundries SPRINT, Dresden | 1,1 Mrd. € | im Bau seit 17.03.2026 | 495 Mio. €, EU-genehmigt 11.12.2025 |
| Bosch Dresden, Ausbau | 0,3 Mrd. € | in Produktion | nicht separat ausgewiesen |
| Intel Magdeburg | rund 30 Mrd. € | aufgegeben Juli 2025 | keine Haushaltsmittel geflossen |
| Wolfspeed Ensdorf | rund 3 Mrd. $ | eingestellt 22.10.2025 | keine Bundesförderung geflossen |
Pflichthinweis zur Ehrlichkeit: Die Infineon-Fabrik ist eröffnet und im Hochlauf, nicht in Serienproduktion. Mitte Juni 2026 waren rund 50 von später etwa 1.000 Anlagen installiert, die EU-Kommission datiert die volle Kapazität auf 2031. Quellen: EU-Beihilfeentscheidungen SA.106117, SA.107553, SA.118843; Landesdirektion Sachsen; Unternehmensangaben. US-Dollar-Betrag bei Wolfspeed nicht umgerechnet.
Infineon hat die Smart Power Fab am 2. Juli 2026 eröffnet, mehrere Monate vor Plan und gut drei Jahre nach dem Spatenstich im Mai 2023. Mit 5 Milliarden Euro ist sie die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte; die EU-Kommission genehmigte am 20. Februar 2025 eine Beihilfe von 920 Millionen Euro auf eine beihilfefähige Investitionssumme von 3,5 Milliarden Euro (Aktenzeichen SA.106117). Gefertigt wird auf 300-Millimeter-Wafern, 1.000 neue Arbeitsplätze sind vorgesehen und entstehen erst im Hochlauf. Bemerkenswert und belegbar: Infineon hat auf eigenes Risiko vorfinanziert, zwischen Spatenstich und Beihilfegenehmigung lagen fast zwei Jahre. Der Superlativ gehört präzise formuliert: Infineon beansprucht die weltweit größte Fabrik für intelligente Leistungshalbleiter sowie Analog- und Mixed-Signal-Bauelemente. Das bezieht sich auf die Produktkategorie, nicht auf die Investitionshöhe. Die größte Halbleiter-Investition Europas steht wenige Kilometer entfernt.
Dort baut ESMC, das Gemeinschaftsunternehmen von TSMC, Bosch, Infineon und NXP: 10 Milliarden Euro Gesamtinvestition, rund 2.000 Arbeitsplätze nach Angabe der Landesdirektion Sachsen vom 18. September 2025. Die Bundesbeihilfe von 5 Milliarden Euro wurde im August 2024 von der EU genehmigt (SA.107553). Der Rohbau stand Ende 2025, im Sommer 2026 lief die Dachmontage mit vier 650-Tonnen-Kränen. Produktionsstart ist Ende 2027 geplant, gefertigt wird in 28/22 und 16/12 Nanometern, ausdrücklich keine Spitzenfertigung. Die ersten Beschäftigten kommen im Sommer 2027, derzeit sind es rund 100.
GlobalFoundries hat seit 2009 über 10 Milliarden Euro in Dresden investiert und fertigt rund 950.000 Wafer im Jahr. Das Erweiterungsprojekt SPRINT umfasst 1,1 Milliarden Euro, die EU genehmigte am 11. Dezember 2025 eine Beihilfe von 495 Millionen Euro (SA.118843). Baubeginn war der 17. März 2026, Ziel sind über 1 Million Wafer im Jahr bis Ende 2028. Bosch wiederum fertigt seit 2021 auf 300-Millimeter-Wafern in Dresden, rund 1 Milliarde Euro plus rund 300 Millionen Euro Ausbau; der Reinraum wuchs von 10.000 auf 13.000 Quadratmeter, seit 2021 wurden über 60 Millionen Siliziumkarbid-Chips ausgeliefert (Unternehmensangabe vom 22. April 2026). Dazu kommen zwei Projekte außerhalb Sachsens: Für das Zeiss-Projekt HNA@SCALE zur High-NA-EUV-Fertigung in Oberkochen genehmigte die EU am 20. Mai 2026 eine Beihilfe von 222 Millionen Euro (SA.119615). X-FAB in Erfurt erhielt am 23. Juni 2026 einen Förderbescheid über 127,4 Millionen Euro (80,3 Millionen vom Bund, 47,1 Millionen von Thüringen), Produktionsstart Ende 2028; das Investitionsvolumen von 300 bis 400 Millionen Euro ist bisher nur eine mündliche Aussage auf der Pressekonferenz. Das Cluster insgesamt: 82.500 Beschäftigte im sächsischen Mikroelektronik- und IKT-Sektor, Stichtag 30. September 2025, Angabe der Wirtschaftsförderung Sachsen.
Vertiefung auf den Themenseiten Silicon Saxony und Computerchips.
Kernfusion: das stärkste Wachstumsfeld
Hier ist Deutschland nach den belegbaren Zahlen europäischer Vorreiter. Proxima Fusion sammelte am 7. Juli 2026 411 Millionen Euro ein, bei einer Bewertung von 2,4 Milliarden Euro (Unternehmensangabe); das Gesamtkapital liegt damit bei über 650 Millionen Euro in weniger als drei Jahren, strategische Investoren sind unter anderem RWE und Google. Focused Energy schloss am 27. Mai 2026 eine Series A über 240 Millionen US-Dollar ab, nach eigenen Angaben die größte vollständig gesicherte Series A der weltweiten Fusionsbranche. Der Bund legt mit dem Programm „Fusion 2040" rund 1,7 Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode nach; die erste konkrete Mittelvergabe erfolgte am 29. Juli 2026 an drei Fusionshubs, erste Runde rund 125 Millionen Euro, Start im August 2026.
Der belastbarste Einzelbeleg des Abschnitts kommt aus der Wissenschaft: Die Anlage Wendelstein 7-X des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik erreichte einen Weltrekord beim Tripelprodukt über 43 Sekunden. Die begutachtete Veröffentlichung erschien am 1. Juli 2026 in Physical Review E, das ist keine Pressemitteilung. Nicht verwendbar bleibt die Gesamtfinanzierung von Marvel Fusion, die je nach Quelle mit 148 Millionen Euro, 160 Millionen US-Dollar oder 385 Millionen Euro angegeben wird; die Kraftwerksprojekte in Gundremmingen und Biblis sind Ankündigungen, kein Baustand. Vertiefung: Kernfusion Deutschland.
Raumfahrt, Verteidigung, Quanten
Raumfahrt, der Erfolg: Auf der ESA-Ministerratstagung in Bremen im November 2025 wurden 22,1 bis 22,3 Milliarden Euro gezeichnet. Der deutsche Beitrag beträgt 5,4 Milliarden Euro und damit rund 23 Prozent, Deutschland ist größter Beitragszahler Europas. OHB meldete für 2025 eine Gesamtleistung von 1.247,6 Millionen Euro (plus 21 Prozent), einen Auftragseingang von 2.078 Millionen Euro und einen Auftragsbestand von 3.194 Millionen Euro, beides Allzeithochs.
Raumfahrt, der Vorbehalt: Der Erstflug von Isar Aerospace am 30. März 2025 scheiterte, die Rakete stürzte nach rund 30 Sekunden ab. Ein zweiter Flug hatte bis zum 1. August 2026 nicht stattgefunden, seit Januar 2026 gab es sechs Startabbrüche. Die Rocket Factory Augsburg hat bisher keinen Orbitalstart. Deutschland hat mit Stand August 2026 keinen einzigen eigenen Satelliten mit einer eigenen Rakete im Orbit. Finanziert ist die Branche dagegen gut: Isar Aerospace erhielt am 9. Juni 2026 in einer Series D 270 Millionen Euro. Vertiefung: Raumfahrt Deutschland.
Verteidigung: Rheinmetall setzte 2025 9,935 Milliarden Euro um, ein Plus von 29 Prozent, bei einer operativen Marge von 18,5 Prozent und einem Auftragsbestand von 63,8 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 69 Prozent auf 3,289 Milliarden Euro, der Auftragsbestand überschritt 80 Milliarden Euro. Zur Ehrlichkeit gehört: Die Aktie liegt seit Jahresbeginn 2026 bei minus 25,8 Prozent, nach einem Hoch von 2.007 Euro im Oktober 2025 und einem zwischenzeitlichen Tief von 902,50 Euro im Juni 2026. Helsing sammelte am 13. Juli 2026 in einer Series E 1,8 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden US-Dollar ein (Unternehmensangabe) und ist damit das wertvollste deutsche Startup. Quantum Systems folgte am 2. Juli 2026 mit 1,2 Milliarden US-Dollar bei rund 8 Milliarden. Vertiefung: Rüstungsindustrie.
Quantentechnik: eleQtron sammelte am 5. Mai 2026 57 Millionen Euro ein, Q.ANT kommt auf 68 Millionen Euro insgesamt, QuantumDiamonds am 9. Juli 2026 auf 91 Millionen Euro. Der Rechner Euro-Q-Exa am Leibniz-Rechenzentrum Garching ist seit dem 12. Februar 2026 in Betrieb. Das Bundesforschungsministerium startete am 8. April 2026 eine „Quantum Computing Competition" mit dem Ziel von zwei fehlerkorrigierten Quantencomputern bis 2030. Auch hier gehört die Gegenseite dazu: In Ehningen zogen sich IBM und Fraunhofer aus dem Projekt „Quantum Gardens" zurück, die Campus-Projektgesellschaft ist seit Februar 2026 erneut insolvent. Die vielfach zitierten 3 Milliarden Euro des Handlungskonzepts Quantentechnologien sind nicht primärverifiziert und stehen deshalb nicht auf dieser Seite.
Der Gründungsboom
Der stärkste Positivbefund der gesamten Recherche, und er stammt aus Handelsregisterdaten, keiner Umfrage: Der Startup-Verband zählte am 7. Juli 2026 3.053 Startup-Neugründungen im ersten Halbjahr 2026, ein Plus von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 und mehr als im gesamten Jahr 2024. Der Juni 2026 war mit über 600 Neugründungen der stärkste Monat seit Beginn der Erhebung im Jahr 2019. 1.038 dieser Gründungen haben einen klaren KI-Bezug, also 34 Prozent, mehr als im gesamten Jahr 2025.
Bei der Finanzierung meldet EY am 22. Juli 2026 für das erste Halbjahr 2026 knapp 5,3 Milliarden Euro, ein Plus von 14 Prozent, bei 354 Abschlüssen und damit 11 Prozent weniger Deals. Der Anteil der Großdeals über 50 Millionen Euro stieg von 55 auf 67 Prozent. Für das Gesamtjahr 2025 nennt EY 8,4 Milliarden Euro. Deutschland zählt 36 Unicorns, davon 6 neu seit Anfang 2026. Der Vorbehalt: Deutschland kam im ersten Halbjahr 2026 auf 14,3 Prozent des europäischen Wagniskapitals und damit Rang 2. Großbritannien zieht davon, von 29 Prozent im Jahr 2025 auf 39 bis 42 Prozent im ersten Halbjahr 2026. Und beim KfW-Gründungsmonitor 2026, der 690.000 Existenzgründungen für 2025 meldet, sind 70 Prozent Nebenerwerb, ein Höchstwert. Vertiefung: Startups Deutschland.
Die fünf belegbaren Weltmarktführerschaften
Von dreizehn geprüften verbreiteten Behauptungen haben fünf einen harten, datierten Beleg. Diese fünf gehören groß herausgestellt, gerade weil Kapitel 05 zeigt, wie viele andere sich nicht belegen lassen.
Zeiss SMT, EUV-Optik
Der beste Beleg im gesamten Datensatz, und er stammt vom Kunden selbst: ASML bezeichnet Zeiss im Geschäftsbericht als alleinigen Lieferanten für Linsen, Spiegel, Beleuchtungs- und Kollektorsysteme und schreibt, ohne Zeiss könne ASML sein Geschäft faktisch nicht mehr betreiben. ASML kaufte 2025 für 4,41 Milliarden Euro bei Zeiss SMT ein. Da ASML der einzige EUV-Anlagenhersteller der Welt ist, ist Zeiss SMT damit der einzige EUV-Optiklieferant weltweit. Wichtig: Das ist eine Alleinlieferantenstellung, kein Marktanteil.
Infineon, Automobil-Halbleiter
12,8 Prozent Weltmarktanteil 2025 bei einem Markt von 74,4 Milliarden US-Dollar, sechstes Jahr in Folge auf Rang 1. Bei Automobil-Mikrocontrollern 36,0 Prozent.
Infineon, Automobil-Leistungshalbleiter
Führender Anbieter 2025 bei Leistungshalbleitern für das Auto, ausgewiesen von TechInsights.
BASF, größter Chemiekonzern der Welt
BASF erzielte 67,4 Milliarden US-Dollar Chemieumsatz 2025, siebtes Jahr in Folge auf Rang 1, mit 14,8 Milliarden Vorsprung auf Sinopec. Erhebung der American Chemical Society.
Fresenius Medical Care, Dialyseprodukte
Fresenius Medical Care hält rund 35 Prozent Weltmarktanteil 2025, wörtlich im Form 20-F bei der US-Börsenaufsicht. Der einzige Beleg aus einem Pflichtdokument.
Warum nur fünf?
Für die übrigen geprüften Behauptungen existiert entweder keine datierte Zahl aus einer prüfbaren Quelle, oder die Zahl ist deutlich älter, als sie in der Berichterstattung wirkt. Die vollständige Liste steht in Kapitel 05, die kippenden Positionen in Kapitel 03.
Was Deutschland verloren hat
Technologische Führung verschwindet selten mit einem Knall. Meistens gibt es trotzdem ein Datum, an dem sie messbar endet: eine Insolvenz, ein Verkauf, eine Handelsstatistik, die zum ersten Mal ein anderes Land vorne zeigt. Die folgenden Felder haben ein solches Datum.
Kipppunkt-Zeitstrahl 1980 bis 2026: wann die Führung messbar endete
Zwischen Unterhaltungselektronik und Speicherchips lagen rund 25 Jahre, zwischen Robotik und Werkzeugmaschinen neun. Vier Felder fehlen bewusst auf dem Zeitstrahl: Batteriezellen, Photolithographie, Displays und zivile Drohnen wurden nie besessen, ein Kipppunkt existiert nicht. Sie stehen unten in der Reihe „Nie erreicht, nicht verloren".
Unterhaltungselektronik
- Höhepunkt
- Grundig beschäftigte 1979 38.460 Menschen bei 2,956 Milliarden DM Umsatz. Die AEG lag 1970 mit 178.000 Beschäftigten auf Platz 12 der weltgrößten Elektrokonzerne.
- Heute
- Grundig, Telefunken, Nordmende und AEG existieren nur noch als lizenzierte Markennamen in ausländischem Besitz.
- Belegte Ursache
- Japanische Konkurrenz, für Grundig, Dual, Uher und SEL zeitgenössisch dokumentiert. Bei der AEG kam laut Analyse ein „chaotisches Finanz- und Planungswesen" hinzu.
- Grenze des Belegs
- Ein deutscher Anteil an der Welt-Fernseh- oder Radioproduktion der 1970er und 1980er in Prozent lässt sich nicht angeben: Weder Destatis noch der ZVEI noch die gfu geben eine solche Zahl frei. Der Befund dieser Karte ist die Eigentümerkette, keine Prozentzahl.
Mobiltelefone
- Höhepunkt
- Siemens hielt bis 2004 rund 8 Prozent Weltmarktanteil und war fünftgrößter Hersteller.
- Kipp-Jahr
- 2005 bis 2006: Siemens gab die Mobilfunksparte an BenQ ab und zahlte dabei über 350 Millionen Euro zu.
- Heute
- Kein deutscher Hersteller taucht in den Ranglisten auf.
- Belegte Ursache
- Verpasste Markttrends und Softwarefehler in der 65er-Serie, dokumentiert im Rückgang des Marktanteils von 8 auf 5,5 Prozent.
Speicherchips
- Höhepunkt
- Die zum 1. Mai 2006 aus Infineon herausgelöste Qimonda erreichte im ersten Quartal 2006 rund 17 Prozent Umsatzanteil und damit erstmals Rang 2 weltweit. Für das gesamte Kalenderjahr 2006 weist der eigene SEC-Prospekt rund 16 Prozent aus, nach Umsatz wie nach ausgelieferten Bits, und Rang 3 (Erhebung Gartner). Qimonda beschäftigte 2007 rund 13.500 Menschen.
- Kipp-Datum
- 23. Januar 2009, Insolvenzantrag der Qimonda.
- Heute
- Kein europäischer Hersteller ist in der DRAM-Rangliste messbar. Im vierten Quartal 2025 hielten Samsung 36,0 Prozent, SK hynix 32,1 Prozent, Micron 22,4 Prozent und der chinesische Anbieter CXMT 7,67 Prozent.
- Nachwirkung
- CXMT baute sein DRAM-Geschäft auf Qimonda-Schutzrechten auf.
Die Ursache ist bis heute umstritten, vier Lesarten stehen nebeneinander: Die Rettung scheiterte an einer Nachforderung von 300 Millionen Euro (IEEE Spectrum). Führungsversagen (Die Welt, 23.01.2009). Eine politische Grenze, Sachsens Ministerpräsident Tillich am 5. Dezember 2008: „Lassen uns nicht erpressen." Und die technologische Lesart: Qimonda setzte auf Deep-Trench- statt Stack-Technik, die Nachfolgetechnik war erst am 3. Februar 2009 lauffähig, also nach dem Insolvenzantrag. Eine amtliche Aufarbeitung ist nicht auffindbar; keine der vier Lesarten ist das Ergebnis.
Zwei verbreitete Fehler, die diese Seite nicht übernimmt: Die vielfach kursierenden „16,6 Prozent" liefern in einer SEC-Volltextsuche über alle Qimonda-Einreichungen null Treffer. Und Qimondas Geschäftsjahr endete am 30. September, die Marktanteile beziehen sich auf Kalenderjahre; „im Geschäftsjahr 2006" wäre falsch. Vertiefung: Computerchips Deutschland.
Photovoltaik
- Höhepunkt
- Q-Cells war 2007 mit 370 Megawatt der weltgrößte Zellhersteller. Europa stellte 2008 rund 26 Prozent der Weltproduktion. 2012 arbeiteten 100.300 Menschen in der deutschen Photovoltaik.
- Heute
- 96 Prozent der Module kommen aus Asien, bei einer Weltproduktion von 706 Gigawatt (2025). Die EU-Zellkapazität lag im August 2025 unter 5 Gigawatt-Peak pro Jahr.
- Wer heute führt
- China mit 79 Prozent beim Polysilizium, 97 Prozent bei den Wafern, 85 Prozent bei den Zellen und 75 Prozent bei den Modulen (2021, IEA).
- Belegte Ursachen
- China investierte laut IEA über 50 Milliarden US-Dollar, das Zehnfache Europas, und schuf 300.000 Arbeitsplätze. Die Produktionskosten lagen 2022 rund 35 Prozent unter den europäischen.
Umstritten bleibt die deutsche Innenseite: Der Beschäftigungseinbruch 2012 und 2013 wird vom damaligen BMWi mit einem „nicht nachhaltigen Ausbau" erklärt, von der Branche mit überzogenen Förderkürzungen. Beide Positionen sind amtlich dokumentiert und schließen sich aus. Bei den Antidumpingzöllen (Verfahren ab 06.09.2012, 47,7 Prozent ab 02.12.2013, Aufhebung im September 2018) standen EU ProSun und SolarWorld dafür, Teile der Grünen und der Branchendienst pv-magazine dagegen; dessen Bewertung „Totales Desaster" (18.09.2023) ist eine Position, kein Befund.
Der Stand von Meyer Burger im August 2026 ist nicht verifizierbar, belegt sind die Insolvenz am 02.06.2025 und das Chapter-11-Verfahren am 25.06.2025. Der Satz „Deutschland hat keine Solarzellenfertigung mehr" steht deshalb hier nicht im Präsens. Vertiefung: Solar Deutschland.
Netzausrüstung
- Höhepunkt
- Die Sparte Siemens Com war am 1. Oktober 2004 der größte Einzelbereich des Konzerns. Kathrein setzte 2011 rund 1,3 Milliarden Euro um.
- Kipp-Datum
- 1. Juli 2013: Nokia kauft den Siemens-Anteil an Nokia Siemens Networks für 1,7 Milliarden Euro.
- Heute
- Kein deutscher Netzausrüster. Der Markt gehört Huawei, Ericsson und Nokia.
- Nachspiel
- Kathrein gab im Februar 2019 die Sparte Products mit rund 4.000 Beschäftigten an Ericsson ab. Der Umsatz der Kathrein SE fiel von 235 Millionen Euro (2018) auf 0,58 Millionen Euro (2021).
RAN-Weltmarktanteile für 2025 und 2026 sind nicht belegbar. Die Huawei-Rückbau-Vereinbarung vom 11.07.2024 ist unbestätigt, belegt ist nur der Ersatz kritischer Komponenten bis 2029.
Robotik
- Höhepunkt
- Kuka zählte 2016 mit 13.200 Beschäftigten und rund 3,0 Milliarden Euro Umsatz zu den vier großen Industrierobotik-Anbietern weltweit.
- Der Vorgang
- Ad-hoc-Mitteilung nach § 10 WpÜG am 18.05.2016 mit 115,00 Euro je Aktie, Angebotsunterlage am 16.06.2016, Annahmefrist bis 15.07.2016, weitere Frist bis 03.08.2016. Voith verkaufte am 3. und 4. Juli 2016 seine 25,1 Prozent für 1,2 Milliarden Euro. Vollzug am 06.01.2017, Standortgarantie bis Ende 2023, Squeeze-out mit Abfindung von 80,77 Euro am 24.03.2022, Ende des Börsenlistings am 08.11.2022.
- Heute
- Kuka gehört zu Midea. Am 14.11.2025 wurde der Abbau in Augsburg auf 560 Stellen erhöht, bei einem Umsatz von 3.897,2 Millionen Euro (2025). Am 23.12.2025 wurden betriebsbedingte Kündigungen bis Juli 2029 ausgeschlossen. Eine Verlagerung nach China ist nicht belegbar.
- Belegte Ursache
- Es gab keinen europäischen Gegenbieter. Die Bundesregierung warb laut FAZ vom 04.07.2016 „vergeblich" um einen.
Drei Korrekturen gegenüber den üblichen Darstellungen: Erstens war die Annahmequote 81,04 Prozent, nicht 94,55 Prozent; angedient wurden 32.233.536 Aktien, die 94,55 Prozent sind der Gesamtanteil nach Vollzug, weil Midea vorher schon rund 13,51 Prozent hielt (Beleg: KUKA-Übertragungsbericht vom 24.03.2022). Zweitens hat der Aufschlag drei verschiedene Werte, je nach Bezugsgröße: 59,6 Prozent gegenüber dem unbeeinflussten Xetra-Schlusskurs vom 03.02.2016, 36,2 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom 17.05.2016 und 31,4 Prozent gegenüber dem von der BaFin mitgeteilten gewichteten Dreimonatsdurchschnitt von 87,55 Euro; eine Prozentzahl ohne Bezugsgröße ist nicht haltbar. Drittens ist ein BMWi-Freigabedatum nicht belegbar und muss möglicherweise gar nicht existieren: Das Ministerium veröffentlicht Einzelentscheidungen der Investitionsprüfung nicht, belegbar ist nur die Angebotsbedingung, dass das BMWi bis zum 31.03.2017 nicht nach § 59 AWV untersagt. Zulässige Formulierung: Das BMWi untersagte nicht, die Bedingung war bis zum Vollzug erfüllt.
Die Weltmarktanteile der vier großen Anbieter sind nicht sauber belegbar; eine kursierende Statista-Schätzung beruht auf einem unplausiblen Weltmarkt von 10,2 Milliarden US-Dollar. Gegenzahl zur Einordnung: Bei der Roboterdichte liegt Deutschland mit 449 Robotern je 10.000 Beschäftigte (Datenjahr 2024) auf Rang 3, hinter Südkorea mit 1.220. China kommt auf 166 und Rang 22, wächst aber um 17 Prozent und stellte 2024 mit 295.000 Installationen 54 Prozent der weltweiten Neuinstallationen. Die häufig kursierende Meldung, China habe Deutschland bei der Roboterdichte überholt, ist nach der IFR-Revision vom April 2026 falsch. Vertiefung: Humanoide Roboter.
Windkraft
- Höhepunkt
- Vier deutsche Hersteller kamen 2008 zusammen auf 21,6 Prozent Weltmarktanteil, Enercon allein 2004 auf 15,8 Prozent. 2016 arbeiteten 167.700 Menschen in der Branche.
- Heute
- Chinesische Hersteller sicherten sich 78 Prozent des Weltzubaus von 176 Gigawatt (2025), einem Plus von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und besetzen die ersten sechs Plätze der weltweiten Rangliste. In Europa halten europäische Hersteller weiterhin 94,5 Prozent des Marktes, Nordex führt in Deutschland mit 31,5 Prozent (2025).
- Kipp-Jahr
- 2017, die Umstellung auf Ausschreibungen.
- Belegte Ursache
- Das Ausschreibungsdesign von 2017: Die Realisierungsraten der Bürgerenergie-Gebote lagen bei 32,52, 5,55 und 0,74 Prozent. Die Genehmigungsdauer stieg von 15,5 Monaten (2016) auf 25,9 Monate (2023).
Konkurrierende Erklärungen nebeneinander: Die Fachagentur Wind nennt die Systemumstellung und das Bieten ohne Genehmigung. Die Bertelsmann Stiftung ergänzt die Bürgerenergie-Sonderregeln sowie internationale Arbeitsteilung und Kostendruck bei Rotorblättern. Der BWE nennt die Vorleistungskosten. Zum heutigen Stand der Anbieter: Siemens Gamesa setzte im Geschäftsjahr 2025 10.375 Millionen Euro um bei einem Verlust von 1.364 Millionen Euro, im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 noch minus 90 Millionen. Der Offshore-Zubau fiel um ein Drittel auf 8,1 Gigawatt. Nordex wuchs 2025 um 3,5 Prozent auf 7.553,5 Millionen Euro und verbesserte die EBITDA-Marge von 4,1 auf 8,4 Prozent.
Quelle der Weltmarkt-Zahlen ist Wood Mackenzie in der Mitteilung vom 14.04.2026, nicht der GWEC, der mit anderer Abgrenzung arbeitet und ein Plus von 40 Prozent meldet. Enercon-Zahlen für 2024 bis 2026 fehlen, ein Preisvergleich in Euro je Kilowatt zwischen chinesischen und westlichen Turbinen ist nicht belegbar, und die kursierende Behauptung „ein Drittel aller Windräder der Welt" ist nicht verwendbar. Datumsfalle: Die Ambau-Insolvenz war im Februar 2019, nicht 2025. Vertiefung: Erneuerbare Energien.
Suche, Cloud, Betriebssysteme, soziale Netze
- Höhepunkt
- Fireball hielt im Jahr 2000 rund 22 Prozent des deutschen Suchmarkts. Europäische Cloud-Anbieter kamen 2017 auf 29 Prozent.
- Heute
- Google hält im Juli 2026 85,59 Prozent des deutschen Suchmarkts, Ecosia 1,25 Prozent. Der europäische Cloud-Anteil liegt bei 15 Prozent, SAP und die Telekom kommen auf je 2 Prozent. Weltweit hält AWS 28 Prozent, Azure 20 Prozent, Google Cloud 15 Prozent (zweites Quartal 2026).
- Belegte Einordnung
- Der Draghi-Bericht vom 09.09.2024 hält fest, dass nur 4 der 50 größten Technologieunternehmen europäisch sind und der europäische Anteil am weltweiten Technologieumsatz von 22 Prozent (2013) auf 18 Prozent (2023) fiel.
KI-Sprachmodelle
- Höhepunkt
- Aleph Alpha sammelte im November 2023 in einer Series B 500 Millionen US-Dollar ein.
- Kipp-Zeitpunkt
- August bis September 2024, Strategiewechsel weg von eigenen großen Sprachmodellen.
- Heute
- Keine eigenen Frontier-Modelle mehr. Der AI Index 2025 zählt 40 „notable models" aus den USA, 15 aus China und 3 aus Europa.
- Der Verlauf
- Gründung 2019, Series A über 23 Millionen Euro im Juli 2021, Luminous im April 2022, Series B im November 2023, dokumentierte rassistische Modellantworten im Dezember 2023, Strategiewechsel im August und September 2024, Streichung von 50 Stellen (rund 17 Prozent) im Januar 2026 bei gleichzeitigem Rückzug von Gründer Andrulis, Zusammenschluss mit Cohere am 24.04.2026 mit einem Einstieg der Schwarz Gruppe über rund 500 Millionen Euro.
- Belegte Ursachen
- Kapital und Strom. Die KI-Investitionen lagen 2025 bei 146 Milliarden US-Dollar in den USA gegen 14 Milliarden in Europa (Atomico). Der Industriestrompreis lag im zweiten Halbjahr 2025 bei 22,64 Cent je Kilowattstunde in Deutschland gegen 8,62 Cent in den USA.
Gegenbeispiele, die dazugehören: DeepL erreichte am 22.05.2024 in einer Series C über 300 Millionen US-Dollar eine Bewertung von 2 Milliarden US-Dollar bei über 200.000 Kunden, baute aber am 07.05.2026 250 Stellen ab, von 1.000 auf rund 750, und prüft einen Börsengang. Black Forest Labs in Freiburg erreichte am 01.12.2025 in einer Series B über 300 Millionen US-Dollar eine Post-Money-Bewertung von 3,25 Milliarden US-Dollar, mit rund 70 Beschäftigten. Zum Vergleich die Gegenseite: OpenAI wurde am 31.03.2026 mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet, Anthropic am 12.02.2026 mit 380 Milliarden, xAI am 06.01.2026 mit 235 Milliarden.
Umsatz und Beschäftigtenzahl von Aleph Alpha sind nicht belegbar. Die These, die Regulierung sei ursächlich, ließ sich nicht mit Primärquelle belegen und steht deshalb nur als Position im Raum. Vertiefung: Künstliche Intelligenz Deutschland.
Halbleiterfertigung
- Höhepunkt
- Europa hielt 2010 rund 13 Prozent der weltweiten Fertigungskapazität.
- Heute
- 7 Prozent (2020), Prognose 8 Prozent für 2030. Nach Wert gerechnet 11,0 Prozent (2025) und 11,7 Prozent (2030). Das Ziel des EU Chips Act von 20 Prozent wird damit deutlich verfehlt.
- Kipp-Jahr
- Keines. Der Rückgang verlief schleichend, das gehört so gesagt.
- Belegte Größenordnung
- Ein ASML-Papier vom Februar 2022 beziffert die Kosten, 8 Prozent lediglich zu halten, auf 66 Milliarden US-Dollar. 20 Prozent bis 2030 hätten 264 Milliarden US-Dollar gekostet.
Ein Methodenstreit, der auf diese Seite gehört: Die oft zitierte Zahl „Europa hatte 1990 einen Anteil von 44 Prozent" stammt von SIA und BCG und ist bestritten, weil sie Fabriken unter 200 Millimeter Wafergröße ausschließt. Kleinhans und interface kommen auf nie mehr als rund 15 Prozent. Diese Seite verwendet die Zahlen des Europäischen Rechnungshofs (13, 7 und 8 Prozent). Ein separater deutscher Anteil an der Weltkapazität existiert in keiner der Quellen; der Abstand zwischen Dresden und der TSMC-Spitzenfertigung lässt sich deshalb nur qualitativ beschreiben.
Maschinenexport und Werkzeugmaschinen
- Maschinenbau gesamt
- Beim Welthandel liegt Deutschland mit 14,0 Prozent auf Rang 2, hinter China mit 20,3 Prozent (Datenjahr 2024, Welthandelsvolumen 1.441 Milliarden Euro). Der Titel des Exportweltmeisters ging 2020 an China. Details in Kapitel 03.
- Werkzeugmaschinen
- Der Exportweltmeistertitel fiel 2025: China exportierte für 8,6 Milliarden Euro, Deutschland für 7,0 Milliarden bei einem Rückgang von 10 Prozent, gemeldet vom VDW am 16.03.2026. In der Produktion hält China 37 Prozent gegen 12 Prozent für Deutschland; die deutsche Produktion liegt 35 Prozent unter dem Wert von 2018, die Beschäftigung fiel bis März 2026 um 9 Prozent auf 60.600.
Beim Verlinken auf vdw.de den Datumsstand prüfen: Dort stand am 01.08.2026 noch die alte Formulierung „Exportweltmeister", obwohl der Verband sie am 16.03.2026 selbst widerrufen hat.
Nie erreicht, nicht verloren
Vier Felder gehören nicht auf den Kipppunkt-Zeitstrahl, weil es nie eine deutsche Führung gab. Die Unterscheidung ist wichtig: Wer sie verwischt, macht aus einem nie gewonnenen Rennen einen Verlust.
Batteriezellen
- Einzige belegte Führung
- Varta hielt im August 2020 „über 50 Prozent" bei Knopfzellen.
- Heute
- Die EU kommt auf 6 bis 7 Prozent der weltweiten Zellkapazität von 4 Terawattstunden (2025). Die EU-Produktion erreichte rund 252 statt der geplanten 520 Gigawattstunden. Kein europäischer Hersteller steht in den Top 10. CATL hält 39,2 Prozent, BYD 16,4 Prozent (2025).
- Belegte Ursache
- Kapitalintensität. Bosch bezifferte am 28.02.2018 den Einstieg auf 20 Milliarden Euro für 200 Gigawattstunden, was 20 Prozent Marktanteil entsprochen hätte, und entschied sich dagegen. Die IEA nennt als weitere Hürden eine erforderliche Ausbeute von über 90 Prozent und einen Hochlauf von mehr als fünf Jahren.
Northvolt, sauber getrennt: Das Unternehmen sammelte seit 2016 über 10 Milliarden US-Dollar ein (VW 21 Prozent, Goldman 19 Prozent). BMW stornierte im Juni 2024 rund 2 Milliarden Euro. Am 21.11.2024 folgte Chapter 11 mit 30 Millionen US-Dollar Barmitteln gegen 5,8 Milliarden US-Dollar Schulden, am 12.03.2025 der schwedische Konkurs mit rund 5.000 Beschäftigten. Lyten übernahm den schwedischen Teil am 27.02.2026. Für Heide gibt es zwei getrennte Töpfe, die niemals addiert werden dürfen: 902 Millionen Euro waren genehmigt, aber nie ausgezahlt. Davon getrennt flossen 600 Millionen Euro als KfW-Wandelanleihe, der Bund zahlte rund 620 Millionen an die KfW, rund 330 Millionen wurden verbaut, 153 Millionen kamen am 10.04.2026 zurück. Lyten kaufte den Standort im Juni 2026 für rund 60 Millionen Euro und plant 1.000 statt 3.000 Stellen. Amtliche Bewertungen: Der Bundesrechnungshof sprach vom „Prinzip Hoffnung", der Landesrechnungshof Schleswig-Holstein stellte am 13.05.2026 einen Verstoß gegen § 7 LHO fest und nannte die angesetzte Rückzahlungswahrscheinlichkeit von 86 Prozent „nicht belastbar", das Landesverfassungsgericht Schleswig-Holstein stellte am 29.05.2026 (Az. LVerfG 1/25) verletzte Informationspflichten fest.
Zum Energiekosten-Streit: FfE und vbw nennen am 25.11.2025 deutsche Energiekosten von rund 14 Cent je Kilowattstunde gegen die Hälfte in den USA und China. Die IEA gewichtet Energie ausdrücklich nicht als Hauptfaktor und führt über 40 Prozent der Kostendifferenz auf Fertigungseffizienz zurück. Das Fraunhofer ISI zählt Energiekosten zu den Hürden. Alle drei Positionen stehen hier nebeneinander. Vertiefung: Batteriezellen Deutschland.
Photolithographie
- Der Befund
- Die Belichtungsmaschine war nie in deutscher Hand. Zeiss liefert seit 1968 die Optik zu, die Maschine gehört ASML in den Niederlanden. ASML hält heute 80 bis 90 Prozent des Lithographiemarkts (2023) und ist der einzige EUV-Hersteller weltweit. Eine Maschine kostet 185 bis 360 Millionen Euro.
- Warum ASML
- Nikon und Canon hielten an 157 Nanometern fest, statt auf Immersionslithographie zu setzen. 2006 stand es im Immersionsmarkt 72,4 Prozent ASML gegen 27,6 Prozent Nikon.
- Warum das zählt
- Es ist der Grund, warum Zeiss SMT und Trumpf heute zu den letzten unersetzbaren deutschen Positionen gehören, siehe Kapitel 03. Der einzige belastbare Preisanker: ASML zahlte am 03.11.2016 rund 1 Milliarde Euro für 24,9 Prozent an Zeiss SMT plus 760 Millionen Euro Forschungsbeteiligung.
Displays
- Der Befund
- In Europa stand nie eine Panelfabrik. Merck hielt laut Hermann Simon (2007) über 60 Prozent bei Flüssigkristallen, aber die Fertigung der Bildschirme selbst fand nie hier statt.
- Bittere Pointe
- Das IPS-Patent wurde am 09.01.1990 am Fraunhofer-Institut in Freiburg angemeldet und über Merck nach Asien lizenziert. Novaled ging am 09.08.2013 für rund 260 Millionen Euro an Cheil und Samsung.
- Heute
- BOE, CSOT und Samsung Display führen.
Mercks aktueller Umsatz und Marktanteil bei Flüssigkristallen sind nicht belegbar; die „60 Prozent" stammen aus einem Buch von 2007 und erscheinen hier ausdrücklich nicht als heutige Zahl. Panel-Marktanteile je Land sind ebenfalls nicht belegbar.
Zivile Drohnen
- Der Befund
- Eine belegbare deutsche Weltmarktposition hat es nie gegeben. DJI hält über 90 Prozent des Consumer-Markts (2024). Die Zahl der deutschen Drohnenbetreiber stieg von 357.000 (2021) auf 797.000 (2025).
- Der teuerste Versuch
- Lilium verbrannte über 1,5 Milliarden US-Dollar. Der Bund lehnte am 17.10.2024 eine Bürgschaft ab.
Das deutsche Drohnen-Marktvolumen in Euro ist nicht belegbar. Der DJI-Anteil am kommerziellen Weltmarkt ist nicht belegbar, die kursierenden 76,8 Prozent führen auf eine tote Seite.
Was geblieben ist
Nach der Recherche für diese Seite bleiben zwei Positionen übrig, die als echte, kurzfristig nicht ersetzbare Monopole gelten können. Alles Weitere ist entweder ein Rang in einem fragmentierten Markt, eine Position in einem geschützten Markt, oder eine Zahl, die älter ist, als sie wirkt. Diese Unterscheidung ist der Kern des Kapitels.
Die beiden echten Monopole
Zeiss SMT, EUV-Projektionsoptik
Umsatz 5,055 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2024/25, ein Plus von 23 Prozent. Weltweit einziger Lieferant. ASML hält seit dem 29.06.2017 einen Anteil von 24,9 Prozent, erworben für rund 1 Milliarde Euro bar plus 760 Millionen Euro für die High-NA-Entwicklung.
Trumpf, EUV-Treiberlaser
CO2-Laser mit über 30 Kilowatt, dritte Generation seit 2014, nach ASML-Darstellung effektiv Alleinlieferant. Der japanische Wettbewerber Gigaphoton ist aus dem EUV-Geschäft ausgestiegen.
Der Stand heute im Überblick: belegt, kippend, verloren
Führungspositionen, die gerade kippen, im Detail
Leistungshalbleiter. Infineon führt bei diskreten Leistungshalbleitern und Leistungsmodulen mit 17,4 Prozent Marktanteil, im 22. Jahr in Folge auf Rang 1, vor onsemi mit 8,5 und STMicroelectronics mit 6,9 Prozent (Basisjahr 2024, Omdia-Erhebung von Oktober 2025). Die Marktabgrenzung gehört immer dazu, sonst ist der Anteil irreführend; die Top 5 kommen zusammen nur auf 41,3 Prozent, der Markt ist fragmentiert. Die Gegenbewegung ist bereits messbar: Bei IGBT-Modulen innerhalb Chinas lag Infineon von Januar bis August 2025 nur noch auf Rang 4 mit 7,2 Prozent, hinter BYD (26,9), CRRC (14,2) und Silan (7,5). Bei Siliziumkarbid-Substraten ist kein deutscher Anbieter unter den ersten vier. Der Konzernumsatz fiel von 16,3 Milliarden Euro (2023) auf 14,66 Milliarden (Geschäftsjahr 2025), die Marge im Segment Green Industrial Power von 15,2 auf 8,9 Prozent im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026.
Chemie. Bei Chemie einschließlich Pharma ist Deutschland mit 256,4 Milliarden Euro Export und 10,1 Prozent Weltanteil weiterhin die Nummer 1 (2024). Rechnet man Pharma heraus, ist die Führung schon verloren: Rang 3 mit 204,3 Milliarden Euro und 4,1 Prozent, hinter China mit 45,7 und den USA mit 12,4 Prozent. Deutschland hielt Rang 2 von 1995 bis 2015. Der EU-Anteil fiel von 25,6 Prozent (2005) über 14,5 (2015) auf 12,6 Prozent (2024), Chinas Anteil stieg im selben Zeitraum von 12,2 über 39,4 auf 45,7 Prozent. Amtlich untermauert: Die deutsche Chemieproduktion sank zwischen Februar 2022 und März 2026 um 18,1 Prozent, die Auslastung lag 2025 bei 70 Prozent, vom VCI als „historischer Tiefpunkt" bezeichnet. BASF setzte 2025 59,657 Milliarden Euro um, 32 Prozent weniger als 2022, bei einer EBIT-Marge von 2,74 Prozent. Der Weltrang 1 ist zuletzt für das Datenjahr 2024 bestätigt.
Medizintechnik. 41,4 Milliarden Euro Umsatz, 68,1 Prozent Exportquote, 165.900 Beschäftigte (2024), 43,3 Prozent des EU-Umsatzes. Der BVMed formuliert selbst „derzeit noch" Rang 2. Siemens Healthineers wuchs im Geschäftsjahr 2025 um 4,5 Prozent auf 23.375 Millionen Euro, verlor aber im China-Geschäft in den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres 2026 10,9 Prozent. Belegbar als echte Führungsposition ist nur ein Nischenmarkt: Zeiss Meditec hält bei Operationsmikroskopen über 50 Prozent eines Marktes von 0,8 Milliarden US-Dollar, allerdings als Unternehmensschätzung für das Bezugsjahr 2024. Vertiefung: Medizin & Pharma.
Maschinenbau. Nach Umsatz liegt Deutschland auf Rang 3 hinter China und den USA, bei einem Weltmaschinenumsatz von 3,3 Billionen Euro (2025). Der deutsche Maschinenexport lag 2025 bei 199 Milliarden Euro, die Kapazitätsauslastung im April 2026 bei 77,8 Prozent gegen einen langjährigen Mittelwert von 85,6 Prozent. Der VDMA prognostizierte am 25.06.2026 für 2026 ein Nullwachstum.
Patente. Das Europäische Patentamt zählte 2025 insgesamt 201.974 Anmeldungen, ein Plus von 1,4 Prozent. Aus Deutschland kamen davon 24.476 und damit 12,1 Prozent, ein Rückgang um 2,2 Prozent. Das ist Rang 2 hinter den USA mit 23,3 Prozent und 47.008 Anmeldungen. China erreichte mit 10,9 Prozent und einem Plus von 9,7 Prozent erstmals Rang 3 und verdrängte damit Japan (10,5 Prozent). Unter den zehn größten Anmeldern stehen 2025 nur noch zwei deutsche Unternehmen: Siemens mit 1.653 Anmeldungen (minus 9,7 Prozent) auf Rang 6 und BASF mit 1.372 (minus 14,2 Prozent) auf Rang 8. Bosch ist herausgefallen. Bei den internationalen PCT-Anmeldungen meldete die WIPO am 06.03.2026 für Deutschland 16.441 Anmeldungen, ein Minus von 1,8 Prozent und der dritte Rückgang in Folge; das entspricht Rang 5 und 5,96 Prozent, gegen 73.718 aus China, also den Faktor 4,5. Im Global Innovation Index fiel Deutschland 2025 auf Rang 11 von 139 und damit erstmals aus den Top 10. Gegenläufig: Die nationalen Anmeldungen beim DPMA stiegen 2025 um 4,7 Prozent auf 62.050; die zehn größten Anmelder sind sämtlich Automobilunternehmen und stehen für rund 30 Prozent.
Vorher gegen heute: vier Anteile im Vergleich
Gegenüberstellung, keine Zeitreihe. Die Bezugsjahre stehen je Zeile in der Beschriftung.
| Feld | Höhepunkt | Wert | Heute | Wert |
|---|---|---|---|---|
| DRAM-Weltmarkt (Qimonda) | 2006 (Kalenderjahr) | rund 16 % | Q4 2025 | 0 % |
| Europas Chip-Fertigungskapazität | 2010 | 13 % | 2020 | 7 % |
| Chemie ohne Pharma, EU-Anteil | 2005 | 25,6 % | 2024 | 12,6 % |
| Patente Europa, deutscher Anteil | 2024 | 12,6 % | 2025 | 12,1 % |
Quellen: TrendForce (DRAM Q4 2025), Qimonda SEC-Prospekte (Kalenderjahr 2006), Europäischer Rechnungshof Sonderbericht 12/2025 (Chipkapazität), VCI (Chemie), Europäisches Patentamt (EPO Technology Dashboard). Windkraft und Polysilizium fehlen in dieser Grafik bewusst: Ihre Gegenwerte sind Ränge, keine Prozentzahlen, ein Balkenvergleich würde in die Irre führen. Sie stehen im Text und im Ampel-Raster.
Halbleiter-Ausrüstung. Bei einem Weltmarkt von 135,1 Milliarden US-Dollar (2025) summieren sich die deutschen Anbieter auf rund 7 Milliarden US-Dollar, also etwa 5 Prozent. Über 80 Prozent davon entfallen auf Zeiss SMT; ohne Zeiss läge Deutschland unter 1 Prozent. Diese Rechnung ist eine KIPODE-Einordnung und als solche gekennzeichnet. Einzelwerte 2025: Siltronic 1.347 Millionen Euro (minus 4,7 Prozent), Aixtron 544,3 Millionen (minus 9), Süss MicroTec 503,2 Millionen (plus 12,6).
Polysilizium. Wacker liegt mit rund 80.000 Tonnen (2025) auf Rang 8, nachdem das Unternehmen von 2016 bis 2019 die Nummer 1 war. China hält 93,5 Prozent.
Bahntechnik. CRRC setzte 2025 im Schienengeschäft 165,7 Milliarden Renminbi um, Alstom 19,17 Milliarden Euro, Siemens Mobility 12,44 Milliarden Euro bei 8,8 Prozent Marge. Alstom ist damit der größte Anbieter außerhalb Chinas. Der Markt ist allerdings geschützt: Die weltweite Zugänglichkeit sank von 63 auf 59 Prozent.
Elektrolyseure. Weltweit waren 2024 rund 2 Gigawatt installiert, davon 65 Prozent in China, das zudem etwa 60 Prozent der Fertigung stellt. thyssenkrupp nucera setzte im Geschäftsjahr 2024/25 845 Millionen Euro um, im grünen Wasserstoff mit einem EBIT von minus 56 Millionen Euro gegen plus 58 Millionen im Chlor-Alkali-Geschäft. Der Auftragseingang fiel um 45 Prozent.
Quantencomputer-Hardware. Die gesamte deutsche Szene kommt auf rund 145 Millionen Euro gegen 1,5 Milliarden US-Dollar allein bei PsiQuantum (Mai 2026). Deutschland ist hier weder führend noch abgehängt. Das Ziel „100 Qubits 2026" ist nur mit importierter Hardware erreichbar.
Photonik. Die Branche setzte 2024 rund 50 Milliarden Euro um, ein Minus von 3,4 Prozent, bei einer Exportquote von 76 Prozent. Ein aktueller Weltmarktanteil existiert nicht: Die letzte veröffentlichte Zahl stammt von 2013 und lag bei 8 Prozent. Diese Seite arbeitet deshalb ohne Anteilszahl.
Autozulieferer. Bosch bleibt mit 55.845 Millionen Euro (2025) der weltgrößte Zulieferer, aber die EBIT-Marge fiel von 3,7 auf 1,8 Prozent. ZF setzte 35.573 Millionen Euro um bei einem Rückgang der EBIT-Marge um 2,8 Prozentpunkte. CATL steht inzwischen auf Rang 3 mit einem Plus von 20 Prozent, Continental fiel auf Rang 21 mit einem Minus von 65,3 Prozent. Die Beschäftigung in der deutschen Autoindustrie lag im dritten Quartal 2025 bei 721.400 und damit 6,3 Prozent niedriger, bei Teilen und Zubehör betrug das Minus 11,1 Prozent. EY beziffert den Rückgang seit 2019 auf 23 Prozent oder 73.000 Stellen. Vertiefung: Autoindustrie und Weltmarktführer.
Was die Forschungszahlen sagen, und was sie nicht sagen
Neben den Marktzahlen gibt es eine zweite Messung, die international viel zitiert wird: der Critical Technology Tracker des Australian Strategic Policy Institute (ASPI). Er misst keine Produktion, er misst hochwirksame Forschungspublikationen. Beides zu verwechseln wäre der häufigste Fehler bei diesem Thema, deshalb steht die Methodenkritik gleich mit im Kapitel.
Der Befund
Im Datenrefresh vom Juni 2026 (Zeitfenster 2021 bis 2025, 74 Technologien) führt China in 69 der 74 Felder. Die übrigen fünf entfallen auf die USA; diese Zahl nennt ASPI nicht ausdrücklich, sie folgt aus der Gesamtzahl und der Feststellung des Instituts, dass derzeit nur China und die USA überhaupt irgendwo führen. In 41 Feldern besteht nach ASPI-Definition ein hohes Monopolrisiko, nach 33 im vorherigen Refresh. Neu an China gefallen sind Sprachverarbeitung, Gentechnik sowie Nuklearmedizin und Strahlentherapie. Die EU als Block führt in 3 von 74 Feldern, nach 4 im vorherigen Refresh, und hat die Spitzenposition bei Kleinsatelliten verloren.
Deutschland im ASPI-Forschungsranking: Technologien in den Top 5
| Zeitfenster | Deutschland in den Top 5 | Felder gesamt |
|---|---|---|
| 2003 bis 2007 | 45 | 64 |
| 2019 bis 2023 | 27 | 64 |
| 2020 bis 2024 | 30 | 74 |
| 2021 bis 2025 | 27 | 74 |
Pflicht-Hinweis direkt an der Grafik: Die Grundgesamtheit wechselt von 64 auf 74 Felder, der Abschnitt zwischen den Fenstern 2019 bis 2023 und 2020 bis 2024 ist deshalb gestrichelt gezeichnet. Den Anstieg von 27 auf 30 erklärt ASPI ausdrücklich mit der Erweiterung der Liste, nicht mit besserer Forschung. Gemessen werden hochwirksame Forschungspublikationen, nicht Produktion: ASPI selbst weist darauf hin, dass Taiwan 90 Prozent der fortschrittlichen Halbleiter fertigt und in der zugehörigen Forschung nur auf Rang 7 liegt.
Deutschland ist in allen Fenstern das stärkste europäische Land; zum Vergleich für 2003 bis 2007: Frankreich 32, Italien 10. Bei den Institutionen steht die Max-Planck-Gesellschaft im aktuellen Fenster in fünf Technologien in den weltweiten Top 10 und ist bei Gravitationssensoren Zweite. Die Helmholtz-Gemeinschaft kam im Vorfenster ebenfalls auf fünf Top-10-Plätze, mit Rang 2 bei Raumfahrt-Startsystemen, Rang 3 bei Satellitennavigation, Rang 4 bei Magneten und Supraleitern und Rang 5 bei Gravitationssensoren; bei elektrischen Batterien lag Helmholtz auf Rang 27 und war damit eine von nur drei nicht-chinesischen Institutionen in den Top 30. Die Fraunhofer-Gesellschaft taucht in keiner öffentlichen ASPI-Veröffentlichung zum Tracker auf. Zur Einordnung der Größenordnung: Die Chinesische Akademie der Wissenschaften ist in 30 der 74 Technologien Erste. Das MIT steht nur noch in 8 Feldern in den Top 10.
Warum diese Zahlen die Industrieleistung nicht messen
Die deutlichste Kritik an der Studie stammt von ihren Autoren selbst. ASPI schreibt sinngemäß, die Messung hochwirksamer Forschung allein zeichne kein vollständiges Bild der technologischen Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Zweck des Trackers sei es, die strategische Absicht und die mögliche künftige Leistungsfähigkeit sichtbar zu machen, keine Bewertung des heutigen Stands. An anderer Stelle heißt es, China liege bisweilen gerade deshalb in der Forschung vorn, weil es bei Entwicklung und Vermarktung zurückliege und massiv aufhole. Das stärkste Gegenbeispiel liefert ASPI ebenfalls selbst: Taiwan fertigt 90 Prozent der fortschrittlichen Halbleiter der Welt und liegt in der Forschung zu Entwurf und Fertigung integrierter Schaltkreise nur auf Rang 7.
Die Grundgesamtheit wechselt
Die Liste wuchs von 44 über 64 auf 74 Technologien. Deutschlands Sprung von 24 auf 30 Top-5-Plätze in der Ausgabe vom Dezember 2025 erklärt ASPI ausdrücklich mit der Erweiterung. „3 von 64" gegen „69 von 74" ist deshalb kein sauberer Vergleich.
Die Bewertungen schwanken
Gehirn-Computer-Schnittstellen stiegen im März 2026 auf ein hohes Monopolrisiko und wurden drei Monate später wieder herabgestuft.
Der Herausgeber ist nicht neutral
ASPI wurde 2001 von der australischen Regierung gegründet und wird nach eigener Angabe teilweise vom Verteidigungsministerium finanziert. Das ist überprüfbar und gehört genannt. Die kursierende Behauptung, rund 57 Prozent der Mittel stammten von Rüstungsunternehmen, ist dagegen nicht verifiziert und wird hier nicht übernommen.
Offene Lücke: Welche 27 Technologien es konkret sind, in denen Deutschland in den Top 5 steht, ist öffentlich nicht dokumentiert; die Detaildaten liegen hinter dem Zugang zum interaktiven Tracker. Belegte deutsche Einzelplatzierungen aus älteren Fenstern: Rang 3 bei Gentechnik (2019 bis 2023), Rang 3 bei Quantensensoren (2018 bis 2022), Rang 3 oder 4 bei Quantencomputern über zwei Jahrzehnte, Rang 6 bei fortschrittlichen Flugzeugtriebwerken und Rang 12 bei Hochfrequenzkommunikation (beide 2019 bis 2023).
Was sich über deutsche Stärken nicht belegen lässt
Bei der Recherche für diese Seite wurden mehr als 30 verbreitete Behauptungen über deutsche Weltmarktführerschaften geprüft. Ein erheblicher Teil ließ sich nicht mit einer datierten Zahl aus einer prüfbaren Quelle belegen. Das heißt nicht, dass sie falsch sind. Es heißt, dass niemand sie öffentlich nachrechnen kann. Diese Liste steht hier, weil eine Seite über Technologieführerschaft sonst genau die Zahlen weiterträgt, die sie prüfen will.
Photonik-Weltmarktanteil
Die letzte veröffentlichte Zahl stammt von 2013 und lag bei 8 Prozent. Einen aktuellen Wert gibt es nicht.
Merck, Flüssigkristalle und Halbleitermaterialien
Die kursierenden 60 Prozent bei Flüssigkristallen stammen aus Hermann Simons „Hidden Champions" von 2007. Für Halbleitermaterialien fehlt in jedem Teilsegment eine Zahl.
Medizinische Bildgebung
Weltmarktanteile sind weder für Siemens Healthineers noch für GE oder Philips belegbar. Auch Deutschlands Rang als Medizintechnik-Exporteur ist nicht belegbar.
Knorr-Bremse
Die oft genannten 50 Prozent Schiene und 30 Prozent Nutzfahrzeug stehen so nicht im Geschäftsbericht; die Angabe trägt die Fußnote „eigene Schätzung".
Fahrzeug- und Maschinenkomponenten
Marktanteile bei Pkw-Bremsen, Lenkungen, Wälzlagern, Kolben, Windgetrieben, Windlagern, Windguss und Schienenfahrzeugen: keine prüfbare Quelle.
Medizintechnik-Nischen
Der Dialyseanteil von Fresenius Medical Care als Prozentzahl jenseits des Form 20-F, Ottobocks Prothetikanteil und Olympus' oft zitierte 70 Prozent bei flexibler Endoskopie: nicht belegbar.
Hidden-Champion-Klassiker
Behauptete Weltmarktführerschaften von Evonik, Lanxess, Wacker, Henkel, Symrise, Brenntag, Fuchs, Balluff, Pepperl+Fuchs, WIKA und Turck: ohne datierte, prüfbare Zahl.
Automatisierung
Siemens' Weltmarktanteil bei speicherprogrammierbaren Steuerungen und Festos Anteil in der Pneumatik: keine offene Quelle.
Enercon
Marktanteil in Deutschland und Beschäftigtenzahl: keine aktuellen, belegbaren Werte.
Maschinenbau-Umsatz 2025
Der Umsatz des deutschen Maschinenbaus für 2025 ist öffentlich nicht verfügbar, die VDMA-Datenbank ist mitgliederpflichtig.
Was daraus folgt
Keine Handlungsempfehlung, keine Prognose. Vier Beobachtungen, die sich aus den Daten selbst ergeben, gekennzeichnet als KIPODE-Einordnung.
Beides ist gleichzeitig wahr
Deutschland verliert seit Jahrzehnten Technologiefelder und baut in denselben Jahren die größte Halbleiter-Ansiedlung Europas. Wer nur eine der beiden Hälften erzählt, erzählt es falsch. Diese Seite lässt beide nebeneinander stehen, ohne sie gegeneinander aufzurechnen.
Die Abstände werden kürzer
Zwischen dem Verlust der Unterhaltungselektronik und dem der Speicherchips lagen rund 25 Jahre. Zwischen Robotik (2016) und Werkzeugmaschinen (2025) neun.
Schmal, aber tief
Die beiden echten Monopole hängen an einem einzigen Kunden in einem einzigen Anwendungsfeld. Dafür ist die Abhängigkeit dort vollständig: ASML schreibt selbst, ohne Zeiss könne es sein Geschäft faktisch nicht betreiben. Zugleich wächst Zeiss SMT, während der Trumpf-Konzern insgesamt schrumpft.
Forschung und Fertigung fallen auseinander
Deutschland steht in 27 von 74 Forschungsfeldern in den Top 5 und ist damit Europas stärkstes Land. In der Fertigung derselben Felder ist es das in den meisten Fällen nicht. Der Taiwan-Befund aus der ASPI-Studie zeigt, dass dieser Zusammenhang auch umgekehrt gilt.
Offene Fragen, die diese Seite ausdrücklich offen lässt: ob Chinas EUV-Ansatz bis 2030 funktioniert, ob der Zusammenschluss von Aleph Alpha und Cohere eine europäische Modellentwicklung zurückbringt, und ob die Dresdner ESMC-Fertigung ab 2027 den europäischen Kapazitätsanteil messbar bewegt.
Häufige Fragen
Welche Technologien beherrscht Deutschland heute noch allein?
Zwei Positionen gelten als echte, kurzfristig nicht ersetzbare Monopole: Zeiss SMT ist weltweit einziger Lieferant der EUV-Projektionsoptik, bestätigt im Geschäftsbericht des Kunden ASML, der 2025 für 4,41 Milliarden Euro bei Zeiss SMT einkaufte. Trumpf ist nach ASML-Darstellung effektiv Alleinlieferant der EUV-Treiberlaser, der japanische Wettbewerber Gigaphoton ist aus dem EUV-Geschäft ausgestiegen. Beide Positionen hängen an einem einzigen Kunden.
Was wird gerade in Dresden gebaut, und wie viel Geld steckt darin?
Zwischen 2023 und 2028 sind in Dresden über 16 Milliarden Euro an Halbleiter-Investitionen im Bau oder eröffnet: ESMC von TSMC, Bosch, Infineon und NXP mit 10 Milliarden Euro (Produktionsstart Ende 2027), die am 2. Juli 2026 eröffnete Infineon Smart Power Fab mit 5 Milliarden Euro (im Hochlauf, volle Kapazität laut EU-Kommission 2031), das GlobalFoundries-Erweiterungsprojekt SPRINT mit 1,1 Milliarden Euro und der Bosch-Ausbau mit rund 300 Millionen Euro.
In wie vielen Technologiefeldern hat Deutschland die Führung verloren?
Seit 1980 hat Deutschland in mindestens 13 Technologiefeldern eine Spitzenposition verloren, meist mit messbarem Datum: Speicherchips mit der Qimonda-Insolvenz am 23. Januar 2009, Robotik mit dem Midea-Angebot für Kuka 2016, Windkraft mit der Ausschreibungsumstellung 2017, Werkzeugmaschinen mit dem Verlust des Exporttitels 2025. Die Abstände zwischen den Verlusten werden kürzer: 25 Jahre zwischen Unterhaltungselektronik und Speicherchips, neun zwischen Robotik und Werkzeugmaschinen.
Wann verlor Deutschland den Titel des Maschinen-Exportweltmeisters?
Beim Maschinen-Welthandel insgesamt ging der Titel 2020 an China; Deutschland liegt mit 14,0 Prozent auf Rang 2 hinter China mit 20,3 Prozent (Datenjahr 2024). Bei Werkzeugmaschinen fiel der Exporttitel 2025: China exportierte für 8,6 Milliarden Euro, Deutschland für 7,0 Milliarden, gemeldet vom Branchenverband VDW am 16. März 2026.
Warum ist ASML niederländisch und nicht deutsch?
Die Belichtungsmaschine für die Chipfertigung war nie in deutscher Hand: Zeiss liefert seit 1968 die Optik zu, die Maschine selbst gehört ASML in den Niederlanden. ASML setzte früh auf Immersionslithographie, während Nikon und Canon an der 157-Nanometer-Technik festhielten, und ist heute der einzige EUV-Anlagenhersteller der Welt mit 80 bis 90 Prozent des Lithographiemarkts. Genau deshalb gehören die Zulieferer Zeiss SMT und Trumpf zu den letzten unersetzbaren deutschen Positionen.
Was misst der ASPI Critical Technology Tracker wirklich?
Der Tracker des Australian Strategic Policy Institute misst hochwirksame Forschungspublikationen (die obersten 10 Prozent der meistzitierten Arbeiten), keine Produktion. Deutschland steht im Fenster 2021 bis 2025 in 27 von 74 Feldern in den Top 5 und ist damit Europas stärkstes Land. Das Institut selbst warnt vor Überinterpretation: Taiwan fertigt 90 Prozent der fortschrittlichen Halbleiter der Welt und liegt in der zugehörigen Forschung nur auf Rang 7.
Wie viele europäische Patente meldet Deutschland noch an?
2025 kamen 24.476 der insgesamt 201.974 Anmeldungen beim Europäischen Patentamt aus Deutschland, das sind 12,1 Prozent und Rang 2 hinter den USA, bei einem Rückgang um 2,2 Prozent. China erreichte erstmals Rang 3. Unter den zehn größten Anmeldern stehen nur noch zwei deutsche Unternehmen: Siemens auf Rang 6 und BASF auf Rang 8.
Werden in Deutschland mehr oder weniger Technologie-Unternehmen gegründet als früher?
Deutlich mehr: Der Startup-Verband zählte 3.053 Startup-Neugründungen im ersten Halbjahr 2026, ein Plus von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 und der stärkste Wert seit Beginn der Erhebung 2019. 1.038 dieser Gründungen haben einen klaren KI-Bezug, also 34 Prozent. Der Vorbehalt: Beim europäischen Wagniskapital liegt Deutschland mit 14,3 Prozent nur auf Rang 2, Großbritannien zieht davon.
Quellen
- EU-Kommission: Beihilfeentscheidungen SA.106117 (Infineon, 20.02.2025), SA.107553 (ESMC, 08/2024), SA.118843 (GlobalFoundries SPRINT, 11.12.2025), SA.119615 (Zeiss HNA@SCALE, 20.05.2026), competition-cases.ec.europa.eu
- Landesdirektion Sachsen: ESMC-Angaben (18.09.2025) · Wirtschaftsförderung Sachsen: 82.500 Beschäftigte Mikroelektronik/IKT (Stichtag 30.09.2025)
- Infineon: Eröffnung Smart Power Fab (02.07.2026), Quartals- und Jahreszahlen, infineon.com · Bosch: 60 Mio. SiC-Chips (22.04.2026), bosch-presse.de
- Europäischer Rechnungshof: Sonderbericht 12/2025 zur EU-Chipstrategie, eca.europa.eu
- Proxima Fusion: Finanzierungsrunde 411 Mio. Euro (07.07.2026), proximafusion.com · Focused Energy: Series A 240 Mio. US-Dollar (27.05.2026), focused-energy.world · Max-Planck-Institut für Plasmaphysik: Wendelstein-7-X-Weltrekord, Physical Review E (01.07.2026)
- Startup-Verband: Neugründungen H1 2026 (07.07.2026) · EY Startup-Barometer (22.07.2026) · KfW-Gründungsmonitor 2026
- ESA: Ministerratstagung Bremen (11/2025) · OHB: Geschäftsbericht 2025, ohb.de · Rheinmetall: Jahres- und Q2-Zahlen 2026, rheinmetall.com · Helsing: Series E (13.07.2026), helsing.ai
- ASML: Geschäftsbericht 2025 (Zeiss-SMT-Alleinlieferantenstellung, Einkaufsvolumen 4,41 Mrd. Euro), asml.com · TechInsights: Automotive Semiconductor Vendor Share (04/2026) · Omdia via Infineon: Leistungshalbleiter 17,4 % (10/2025)
- C&EN Global Top 50 der American Chemical Society (06.07.2026) · VCI: Chemie-Weltanteile, Produktion, Auslastung · Fresenius Medical Care: SEC Form 20-F (24.02.2026), sec.gov
- Qimonda: SEC Form 424B1 (10.08.2006) und Form 424B3 (11.09.2007), sec.gov · TrendForce: DRAM-Marktanteile Q4 2025, trendforce.com · IEEE Spectrum: Qimonda-Rettung, spectrum.ieee.org
- KUKA: Ad-hoc-Mitteilung (18.05.2016), begründete Stellungnahme nach § 27 WpÜG (25.06.2016), Übertragungsbericht (24.03.2022), kuka.com · IFR: World Robotics, Roboterdichte-Revision 04/2026, ifr.org
- Wood Mackenzie: Windkraft-Weltmarkt 2025 (14.04.2026), woodmac.com · BloombergNEF (09.03.2026) · Fachagentur Wind, Bertelsmann Stiftung, BWE: Ursachenanalysen Ausschreibungsdesign 2017
- Fraunhofer ISE: Photovoltaics Report, ise.fraunhofer.de · IEA: Solar PV Global Supply Chains, Global EV Outlook 2026, iea.org · Bosch: Verzicht auf Zellfertigung (28.02.2018), bosch-presse.de
- Bundesrechnungshof, Landesrechnungshof Schleswig-Holstein (13.05.2026), Landesverfassungsgericht Schleswig-Holstein (Az. LVerfG 1/25, 29.05.2026): Northvolt Heide
- VDW: Werkzeugmaschinen-Exportzahlen (16.03.2026) · VDMA: Welthandels- und Umsatzränge, Prognose (25.06.2026) · BVMed: Branchenzahlen Medizintechnik 2024
- Europäisches Patentamt: EPO Technology Dashboard 2025, epo.org · WIPO: PCT-Anmeldungen (06.03.2026) · DPMA: nationale Anmeldungen 2025 · WIPO Global Innovation Index 2025
- StatCounter: Suchmaschinen-Marktanteile Deutschland, gs.statcounter.com · Synergy Research: Cloud-Marktanteile Q2 2026, srgresearch.com · Draghi-Bericht (09.09.2024)
- Stanford AI Index 2025, hai.stanford.edu · Schwarz Digits: Cohere und Aleph Alpha (24.04.2026), schwarz-digits.de · Atomico: State of European Tech
- ASPI: Critical Technology Tracker, Juni-2026-Refresh, aspi.org.au · Strategist-Analyse (31.03.2026), aspistrategist.org.au · Zwei-Dekaden-Bericht und Methodik, techtracker.aspi.org.au
- heise.de: Aufstieg und Fall der AEG, heise.de · Computerwoche: Grundig-Insolvenz, computerwoche.de · heise.de: Samsung übernimmt Novaled, heise.de
- MIT Technology Review: DJI-Marktstellung, technologyreview.com · Deutschlandfunk: keine Staatsbürgschaft für Lilium, deutschlandfunk.de
Hinweis zur Quellenlage: Diese Seite verwendet ausschließlich datierte Angaben aus Primärquellen, Pflichtdokumenten oder namentlich genannten Analystenhäusern. Wo eine verbreitete Zahl nicht belegbar ist, steht das ausdrücklich dabei. Marktforschungs-Anbieter ohne offengelegte Methodik werden nicht herangezogen.
KI Nein danke! Oder doch?
Du nimmst heute einen 20-Jahres-Kredit fürs Haus auf, und gehst davon aus, dass dein Job so lange existiert. Tut er das?
Bis zu 99 % der heutigen Berufe werden sich radikal verändern oder ganz verschwinden. Nicht irgendwann, sondern in zwei klaren Schritten: Zuerst übernimmt die Software die Schreibtische, Buchhalter, Makler, Verwaltung. Dann kommen die Roboter für den Rest: Pflege, Handwerk, Logistik, Küche.
Dieses Buch ist kein Fachbuch und kein Horrorszenario. Es ist eine ehrliche Bestandsaufnahme, geschrieben für Menschen mit 40-Stunden-Woche, Pendlerstress und leerem Akku am Abend. 5 Kapitel, 260 Seiten.