Kurzweil sagt 2029, das Studium ändert sich jetzt: Was die KI-Welle für Deutschlands Hochschulen bedeutet
Auf der Moonshots-Konferenz am MIT hat der Zukunftsforscher Ray Kurzweil Anfang Juni seine alte Prognose wiederholt: künstliche Allgemeinintelligenz bis 2029, die technologische Singularität bis 2045. Bemerkenswert war diesmal aber ein Nebensatz über Bildung. Der eigentliche Wert von Universitäten liege künftig in der Sozialisierung, im Umgang miteinander; die Fächer selbst könne eine KI besser vermitteln. Man muss Kurzweils Zeitplan nicht teilen, um die Frage ernst zu nehmen. In Deutschland geben die Studierenden die Antwort längst selbst, während die Hochschulen hinterherkommen. KIPODE ordnet ein, was davon trägt.
Kurzweils Nebensatz: die Universität als Ort der Sozialisierung
Kurzweil hält seine Vorhersage einer menschenähnlichen KI bis 2029 seit 1999 und hat sie zuletzt 2024 ausdrücklich bestätigt. Neu war auf der Bühne der Gedanke, was das für Hochschulen heißt. Wenn eine KI Faktenwissen schneller und individueller vermittle als jede Vorlesung, verschiebe sich der Sinn der Universität hin zum Menschlichen: Austausch, Zusammenarbeit, Reifung. Sein Mitdiskutant Salim Ismail brachte den Strukturwandel auf eine Formel: Bildung war zweihundert Jahre lang angebotsorientiert, man lernt eine Fähigkeit und sucht dann die Nachfrage. Jetzt drehe sich das um. Zuerst das Problem, das man lösen will, dann die passende Technik.
Was deutsche Studierende längst tun
Die Realität an deutschen Hochschulen ist schon weiter, als die Debatte vermuten lässt. Im Wintersemester 2024/25 gaben laut dem DatenCHECK des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) 65 Prozent von über 23.000 befragten Studierenden an, KI-Werkzeuge regelmäßig zu nutzen, also mindestens wöchentlich. Ein Viertel nutzt sie täglich, nur sechs Prozent nie. Genutzt wird vor allem für Recherche und Überblick, fürs Sortieren von Ideen und als Lernpartner. Die Spannweite zwischen den Fächern ist groß: In Mechatronik sowie Elektrotechnik und Informationstechnik liegt die regelmäßige Nutzung über 75 Prozent, in der Germanistik nur bei gut der Hälfte.
Das sind keine Randgruppen, sondern fast 2,9 Millionen Menschen. Im Wintersemester 2025/26 waren laut Statistischem Bundesamt 2.876.900 Studierende eingeschrieben, ein leichtes Plus von 0,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Hochschulen kommen mit diesem Tempo nicht mit. Das Angebot zum Erwerb von KI-Kompetenz bewerten die Studierenden im Schnitt mit nur 2,7 von 5 Sternen. Sie experimentieren also flächendeckend, während viele Einrichtungen noch Leitlinien schreiben. Das ist die eigentliche Lücke, und sie ist kein Zukunftsproblem, sondern Gegenwart.
Was die 2,88 Millionen studieren
Ein Blick auf die größten Studienfächer zeigt, wo der KI-Alltag besonders schnell ankommt. Die drei am stärksten KI-nahen Fächer, Betriebswirtschaftslehre, Informatik und Wirtschaftsinformatik, stehen ganz oben oder weit vorn. Also genau dort, wo der Umgang mit KI-Werkzeugen schon heute zum Handwerk gehört. Die folgende Übersicht listet die zehn meistbelegten Studienfächer nach Zahl der eingeschriebenen Studierenden (Bezugsjahr 2024).
| Rang | Studienfach | Studierende |
|---|---|---|
| 1 | Betriebswirtschaftslehre | 232.475 |
| 2 | Informatik | 146.170 |
| 3 | Rechtswissenschaft | 114.515 |
| 4 | Psychologie | 113.832 |
| 5 | Medizin (Allgemeinmedizin) | 113.383 |
| 6 | Wirtschaftswissenschaften | 86.848 |
| 7 | Soziale Arbeit | 84.405 |
| 8 | Maschinenbau | 81.646 |
| 9 | Wirtschaftsinformatik | 67.909 |
| 10 | Germanistik / Deutsch | 63.219 |
Quelle: Profiling Institut auf Basis der Hochschulstatistik des Statistischen Bundesamts, Bezugsjahr 2024. Zahlen je nach Abgrenzung (Studienfach gegenüber Studienbereich) leicht abweichend.
Dänemark: Vorbild und Warnung zugleich
Wer auf Europa blickt, findet in Dänemark beides. Das Land war früh digital vorn, mit Geräten in jeder Klasse und Computational Thinking im Lehrplan. Genau deshalb ist der spätere Kurswechsel lehrreich. Bildungsminister Mattias Tesfaye entschuldigte sich Ende 2023 öffentlich dafür, eine Generation zu Versuchskaninchen in einem digitalen Experiment gemacht zu haben. Kein Schülerland der OECD verbrachte mehr Zeit am Bildschirm: 72 Prozent der dänischen Schüler nutzten in nahezu jeder Stunde digitale Geräte, im OECD-Schnitt waren es 16 Prozent. Anfang 2024 folgte die Empfehlung, Geräte nur noch dort einzusetzen, wo sie didaktisch sinnvoll sind. Die Lehre für Deutschland ist nicht weniger Digitalisierung, sondern bessere: Kompetenz vor Geräten, kritische Methodik vor blindem Tech-Glauben.
Was das für Deutschland heißt (KIPODE-Einordnung)
Kurzweils harte Prognosen sind belegt, einige seiner Bühnen-Aussagen dagegen zugespitzt. Dass große Sprachmodelle pauschal rund 50 Prozent besser diagnostizieren als Ärzte, wie auf der Bühne behauptet, gibt die Studienlage so nicht her. In standardisierten Testfällen schlägt KI Ärzte teils deutlich, im klinischen Alltag verschwindet der Vorteil oft wieder, sobald Ärzte die KI als Hilfsmittel einsetzen. Solche Zahlen taugen als Schlagzeile, nicht als Beleg.
Für die Bildungsfrage zählt ohnehin nicht, ob die menschenähnliche KI 2029 oder 2035 kommt. Es zählt die Gegenwart. Und da lohnt sich die ehrliche Frage, ob ein Studium überhaupt noch sinnvoll ist. Faktenbasiert ja, aber aus anderen Gründen als früher. Reines Auswendigwissen verliert an Wert, weil KI es schneller und individueller liefert. Was gewinnt, ist alles darüber hinaus: Urteilskraft, das kritische Prüfen von Quellen, Zusammenarbeit, der Umgang mit Unsicherheit. Genau Kurzweils Punkt von der Sozialisierung. Das deutsche duale System bleibt dabei ein Pfund, weil es Theorie und Praxis verbindet und KI Berufe verändert, aber selten ganz ersetzt, besonders dort, wo Verantwortung, Empathie und körperliche Realität zählen.
Die nüchterne Bilanz: Unsere Hochschulen bräuchten schon heute eine Antwort auf den KI-Alltag ihrer Studierenden, und sie bleiben sie bisher weitgehend schuldig. KIPODE bereitet dazu eine eigene Themenseite zu Bildung und Hochschulen vor.