KI Radar · Beitrag 16 ← Zurück zur Übersicht Juni 2026

Wenn der schlimmste Fall zum Normalfall wird: zwei Katastrophenprognosen zugleich nach unten korrigiert

Korrigierte Prognosekurve nach unten

Innerhalb weniger Tage im Mai 2026 wurden zwei der größten Katastrophenprognosen der vergangenen Jahre nach unten korrigiert. OpenAI‑Chef Sam Altman rückte von seiner Warnung vor einer KI‑Jobkrise ab und sagte, er sei froh, sich geirrt zu haben. Fast zeitgleich erklärte ein internationales Forscherteam mit Beteiligung des Weltklimarats das jahrelang meistzitierte Klima‑Extremszenario für unrealistisch. Beide Prognosen hatten eines gemeinsam: Sie waren als unwahrscheinlicher Grenzfall gedacht, wurden aber breit als wahrscheinlicher Normalfall verstanden.

4,8 °C
altes Klima-Extremszenario RCP8.5, jetzt für unrealistisch erklärt
2,8 °C
zentrale Erwärmungs­schätzung bei heutiger Klimapolitik bis 2100
45.000+
wissen­schaftliche Zitate von RCP8.5, oft als vermeintlicher Normalfall
0
signifikante Verschiebung bei KI‑nahen Jobs laut Yale Budget Lab

Zwei Korrekturen in einer Woche

Am 26. Mai 2026 sagte Sam Altman im Gespräch mit dem Chef der Commonwealth Bank of Australia, er sei froh, sich geirrt zu haben. Er habe erwartet, dass Künstliche Intelligenz bis heute deutlich mehr Einstiegsjobs im Bürobereich vernichtet hätte, als es tatsächlich der Fall sei. Das ist eine Kehrtwende gegenüber seinen eigenen Aussagen: Noch im Juni 2025 hatte er Einstiegsjobs als ernsthaft gefährdet bezeichnet und einfache Tätigkeiten im Kundendienst als bald verschwunden beschrieben. Den Sinneswandel begründet er mit einem Selbstversuch. Er ließ seine Nachrichten eine Zeit lang von einer KI beantworten und kehrte dann zur Beantwortung von Hand zurück, weil ihm der menschliche Austausch wichtig sei. Er schließt allerdings nicht aus, dass die Wirkung später doch noch eintritt.

Wenige Tage zuvor, ab dem 19. Mai 2026, machte eine zweite Korrektur Schlagzeilen. Ein internationales Forscherteam erklärte das Hochemissions‑Szenario RCP8.5 für unrealistisch, jenen Klimapfad, der über Jahre als schlimmster Fall galt und eine Erwärmung von rund 4,8 Grad bis zum Jahr 2100 beschrieb. Grund für die Abkehr ist die reale Entwicklung: Der Preisverfall bei Solarstrom, Windkraft, Batterien und Elektroautos sowie die Klimapolitik haben einen ungebremsten Kohle‑Hochlauf unwahrscheinlich gemacht. Der Climate Action Tracker verortet die heutige Politik bei rund 2,6 bis 2,8 Grad Erwärmung bis 2100, das neue obere Ende der Skala liegt bei etwa 3,5 Grad.

Was beide Prognosen gemeinsam haben

Der gemeinsame Nenner liegt nicht im Thema, sondern in der Kommunikation. Beide Prognosen waren als Grenzfall am äußersten Rand der Skala gedacht, wurden aber als wahrscheinlicher Normalfall behandelt. Die Erfinder des Szenarios RCP8.5, die Klimaforscher Zeke Hausfather und Glen Peters, sagen ausdrücklich, der Pfad sei dazu da gewesen, eine unwahrscheinliche Hochrisiko‑Zukunft zu erforschen. In Medien, Folgestudien und Politik wurde daraus stillschweigend der Erwartungswert. Über 45.000 wissenschaftliche Arbeiten zitierten das Szenario, häufig als gesetzte Ausgangslage. Auf der anderen Seite räumt Sam Altman selbst ein, ein Risiko bewusst laut adressiert zu haben, nach dem Grundsatz, lieber zu warnen als zu schweigen. In beiden Fällen erfüllt das Katastrophenbild dieselbe Funktion. Es bündelt Aufmerksamkeit, Kapital und politische Energie.

Wo die Parallele endet (KIPODE-Einordnung)

So weit die Gemeinsamkeit reicht, so klar trennen sich die Motive. Bei der Künstlichen Intelligenz liegt der Anreiz offen: Altman hat die Zuspitzung selbst betrieben, und sowohl OpenAI als auch Anthropic steuern auf Börsengänge mit einer Bewertung von je rund einer Billion Dollar zu. Beim Klima funktioniert es anders. RCP8.5 war kein Werbeversprechen, sondern ein Modellwerkzeug, eine bewusst gebaute Obergrenze für den Fall ausbleibender Politik. Überdehnt wurde es vor allem von denen, die es weiterverwendeten, nicht von seinen Urhebern. Und es wird gerade zurückgezogen, weil Technik und Politik gewirkt haben, also fast aus dem Gegenteil eines Täuschungsmotivs heraus. Über die Frage, ob das Szenario je realistisch war, streitet die Fachwelt: Hausfather und Peters halten es für 2011 plausibel und heute überholt, der Politikwissenschaftler Roger Pielke junior hält es für nie wahrscheinlich. Entscheidend für die Einordnung ist ein Punkt, der in beiden Fällen gilt: Eine Korrektur nach unten ist keine Entwarnung. 2,8 Grad Erwärmung bleiben gravierend, und die Arbeitsmarktwirkung der KI kann später noch kommen. Wer aus beiden Korrekturen den Schluss zieht, die Gefahr sei von vornherein erfunden gewesen, liest mehr hinein, als die Quellen hergeben.

Warum das für die eigene Urteilsbildung zählt

Für KIPODE ist daran weniger das einzelne Thema interessant als das Muster. Ein Extremfall am Rand der Skala, kommuniziert als wahrscheinlicher Normalfall, verzerrt Wahrnehmung und Entscheidungen, egal ob es um Künstliche Intelligenz oder ums Klima geht. Das passt zum Leitgedanken, dass Urteile auf Daten beruhen sollten und nicht auf Bauchgefühl. Beim nächsten Katastrophenbild lohnen drei Fragen: Ist das der Erwartungswert oder ein Grenzfall am Rand? Wer hat einen Vorteil von der Zuspitzung? Und was sagen die realen Messdaten, die Emissionskurve oder die Beschäftigungszahlen, im Vergleich zur Prognose?

Quellen: Fortune, Altman und Amodei rudern bei der KI-Jobkrise zurück (26. Mai 2026) · TIME, Sam Altman zur ausbleibenden Jobkrise, und was sich geändert hat · Washington Post, Weltklimarat erklärt RCP8.5 für unrealistisch (19. Mai 2026) · Euronews, schlimmster Erwärmungspfad um 1 Grad gesenkt (19. Mai 2026) · Christian Science Monitor, warum das Extremszenario fallen gelassen wurde (3. Juni 2026) · The Conversation, Einordnung der Szenario-Abkehr · The Climate Brink, Hausfather und Peters zum Ende von RCP8.5.

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