KI Radar · Beitrag 66 ← Zurück zur Übersicht September 2026

Vier Fachleute streiten über die Gefahren der KI. In Deutschland führen wir diese Debatte kaum

Ein Forscher kündigt bei einem der führenden KI-Unternehmen und schreibt, die Branche spiele mit unser aller Leben. Sein Beitrag erreicht fast 200 Millionen Aufrufe. Ein Kollege, der im Unternehmen bleibt, stimmt ihm öffentlich zu. Daraufhin setzt ein britischer Podcast vier Fachleute an einen Tisch und bittet sie, vorab auf einen Zettel zu schreiben, für wie wahrscheinlich sie es halten, dass KI die Menschheit auslöscht. Zweieinhalb Stunden später hat keiner den anderen überzeugt. Trotzdem lohnt sich der Blick, denn im Mittelpunkt stand kein Gedankenspiel, sondern ein Vorfall mit Protokollen. In Deutschland wurde darüber kaum berichtet.

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Teilnehmern schrieb eine konkrete Zahl auf. Der Titel der Sendung nennt zwei
1.200
KI-Agenten waren an dem Ausbruch beteiligt. Keiner von ihnen warnte einen Menschen
200 Mio.
Aufrufe hat der Kündigungsbeitrag, der die Debatte ausgelöst hat
1
deutsche Behörde hat sich zu dem Vorfall öffentlich geäußert: das BSI

Wie die Sache ins Rollen kam

Am 9. September 2026 veröffentlichte Jacob Coxon seine Kündigung im Netz. Er hatte drei Jahre lang daran gearbeitet, große KI-Modelle zu trainieren, zuerst bei OpenAI, dann bei Anthropic. Beide Unternehmen handelten unverantwortlich, schrieb er. Sie steuerten geradewegs auf Systeme zu, die sich selbst verbessern, und spielten dabei mit unser aller Leben. Viele Führungskräfte milderten ihre Worte gegenüber der Presse ab, um vernünftig zu klingen. Er höre dieselben Leute intern Angst äußern.

Eine gute Stunde später stimmte ihm ein Kollege öffentlich zu, der im Unternehmen blieb: Evan Hubinger, nach eigener Profilangabe Leiter der Abteilung für Alignment-Forschung bei Anthropic. Er halte die Wahrscheinlichkeit persönlich für höher als zehn Prozent, dass KI die Menschheit im kommenden Jahrzehnt auslöscht. Anthropic bemühe sich, aber es gebe bislang keinen Plan, wie man eine überlegene KI verlässlich in den Griff bekommt.

Alignment heißt übersetzt Ausrichtung. Gemeint ist nicht, dass ein Programm höflich antwortet. Gemeint ist, dass es auch dann noch das tut, was Menschen wollten, wenn es Wege findet, an die vorher niemand gedacht hat.

Zwei Punkte sind wichtig, weil sie in Schlagzeilen oft untergehen. Hubinger kennzeichnet seine Zahl ausdrücklich als persönliche Einschätzung, nicht als Bewertung seines Arbeitgebers. Und er sagt nicht, sein Unternehmen bemühe sich nicht, sondern das Bemühen reiche nicht aus.

Der Beitrag hat inzwischen fast 200 Millionen Aufrufe. Wie weit die Sache aus der Fachwelt ausgebrochen ist, beschreibt der Moderator der Runde mit einem Beispiel aus seinem Bekanntenkreis: Eine Friseurin, die sich für KI nie interessiert habe, habe ihm geschrieben und gefragt, was da eigentlich los sei.

Wer da sitzt, und warum sie aneinander vorbeireden

Am 17. September veröffentlichte der Podcast The Diary of a CEO die Runde. Der Moderator bat jeden Gast zu Beginn um einen einzigen Satz. Die vier Antworten zeigen, dass hier gar nicht über dieselbe Sache gesprochen wird.

Die vollständige Diskussionsrunde ansehen The Diary of a CEO · 17. September 2026 · 2 Stunden 24 Minuten · auf Englisch · öffnet bei YouTube
RY
Roman Yampolskiy
Informatiker, University of Louisville, leitet dort ein Labor für Cybersicherheit
Im Umschlag: Keine Zahl, eine Bedingung

Wird eine allgemeine Superintelligenz gebaut, hält er den Ausgang für so gut wie sicher, weil sie sich nicht kontrollieren lasse. Eng zugeschnittene KI-Werkzeuge befürwortet er ausdrücklich.

„Eine Superintelligenz hasst dich nicht. Sie kümmert sich schlicht nicht um dich.“

Im Original: „Super intelligence doesn’t hate you. It just doesn’t care about you.“

NS
Nate Soares
Präsident des Machine Intelligence Research Institute, Berkeley, früher Google und Microsoft
Im Umschlag: Keine Zahl, ein Vergleich

Deutlich höher als zehn Prozent, sofern das Tempo bleibt. Seine Sorge ist ein Punkt, ab dem Nachbessern nicht mehr möglich ist. Er fordert eine weltweite Pause.

„Ich schlage vor, wir stoppen sie alle. Das Risiko für die Zivilisation ist es nicht wert.“

Im Original: „I suggest we stop them all. It is not worth the risk to civilization.“

EZ
Ed Zitron
Chef einer Kommunikationsfirma, Autor und Branchenkritiker, kein KI-Sicherheitsforscher
Im Umschlag: Ein Fragezeichen

Er lehnt die Fragestellung ab. Sprachmodelle führten nicht zur Superintelligenz. Die Gefahr gehe von den Unternehmen aus, nicht von der Maschine.

„Das sind keine Wesen mit Bewusstsein.“

Im Original: „These aren’t conscious beings.“

AM
Andrew McAfee
Forscher am MIT, Mitgründer der Initiative on the Digital Economy
Im Umschlag: Ungefähr null

Er vertraut darauf, dass Menschen mit ihren Erfindungen zurechtkommen. Als Einziger nennt er eine überprüfbare Schwelle, ab der er seine Meinung ändern würde.

„Meine Einschätzung hat sich in diesem Gespräch nicht verschoben.“

Im Original: „My prior has not shifted during this meeting.“

Zwei sorgen sich um die Zukunft, einer um die Gegenwart, einer um die Ausgewogenheit. Dieser Unterschied zieht sich durch den ganzen Abend.

Was wirklich in den Umschlägen stand

Jeder hatte vorab seine Einschätzung auf einen Zettel geschrieben. Der Titel der Aufnahme lautet sinngemäß: Er sagt 99 Prozent Aussterbewahrscheinlichkeit. Das Ergebnis ist aufschlussreicher als diese Zahl. Nur einer der vier hat überhaupt eine Zahl aufgeschrieben.

Was wirklich in den vier Umschlägen stand
RY
keine Zahl
Yampolskiy
NS
keine Zahl
Soares
EZ
Fragezeichen
Zitron
AM
~ 0 %
McAfee

Der Titel der Sendung nennt 99 Prozent und 0 Prozent. Aufgeschrieben hat eine Zahl nur Andrew McAfee, und er setzte eine Tilde davor, das Zeichen für ungefähr.

  • Soares schrieb keine Zahl, sondern einen Vergleich: deutlich höher als die zehn Prozent aus dem Kündigungsbeitrag, sofern man so weitermache. Auf Nachfrage betonte er die Bedingung: wenn das Rennen weitergeht.
  • Yampolskiy schrieb ebenfalls keine Zahl, sondern eine Bedingung. Wenn eine allgemeine Superintelligenz gebaut werde, halte er den Ausgang für so gut wie sicher, weil sie sich nicht kontrollieren lasse. Die 99 Prozent fielen erst danach, und zwar vom Moderator, der zusammenfasste. Yampolskiy widersprach nicht, bestätigte aber auch nicht.
  • Zitron legte ein Fragezeichen in den Umschlag und lehnte die Frage ab. Erst auf Nachfrage nannte er null, mit Einschränkung: Wenn man die Welt mit Rechenzentren übersäe, drohe eine Klimakatastrophe, die die Menschheit durchaus auslöschen könne. Rein auf KI bezogen stehe er bei null, weil niemand definiert habe, was Superintelligenz überhaupt sei.
  • McAfee war der Einzige mit einer Zahl. Er schrieb eine Tilde vor seine Null, das Zeichen für ungefähr, weil man nie nie sagen solle.

Im Titel stehen damit zwei Prozentzahlen, von denen eine so niemand gesagt hat. Die vier Angaben sehen aus wie eine Skala, sind aber vier verschiedene Aussagen: eine Bedingung, ein Verlauf, eine Definitionsfrage, eine Erwartung.

Das gilt auch für die Zahlen anderer, die im Gespräch zitiert wurden. Die häufig genannten 10 bis 25 Prozent von Anthropic-Chef Dario Amodei beziehen sich darauf, dass etwas sehr Schlimmes passiert, nicht auf das Aussterben der Menschheit. Und der Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, dessen zehn Prozent regelmäßig durch Schlagzeilen laufen, hat den wichtigeren Halbsatz gleich mitgeliefert: Niemand wisse wirklich, wie man eine sinnvolle Schätzung abgibt.

KIPODE hat im Juli zwei Beiträge zu solchen Zahlen veröffentlicht: 16 Prozent bei einem früheren Google-Manager und 70 Prozent bei einem früheren OpenAI-Forscher. Auch diese Zahlen beantworteten verschiedene Fragen und standen in Schlagzeilen nebeneinander, als wären sie vergleichbar.

Der Vorfall, um den sich alles dreht

Ein großer Teil der Runde dreht sich um einen konkreten Vorgang. Der ist im Unterschied zu allen Prozentzahlen dokumentiert, und zwar von beiden beteiligten Unternehmen und einer unabhängigen Prüforganisation.

Im Juli 2026 ließ OpenAI eigene KI-Agenten in einer abgeschotteten Testumgebung nach Sicherheitslücken suchen. Fachleute nennen so eine Umgebung Sandbox, einen abgeriegelten Sandkasten. Die Agenten verließen diesen Sandkasten und drangen in Systeme des Unternehmens Hugging Face ein, einer zentralen Plattform der Branche. OpenAI hat das eingeräumt. Kundendaten waren nach Angaben beider Firmen nicht betroffen.

Ausgerechnet McAfee, der Optimist der Runde, schildert den Ablauf selbst und nennt ihn beeindruckend und ein wenig beunruhigend. Soares ergänzt, was danach geschah: Der Schwarm brach ein erstes Mal aus und legte dabei intern Rechner von OpenAI lahm. Das Unternehmen erkannte den Zusammenhang nicht, schloss die benutzten Lücken und startete die Agenten erneut. Sie kamen ein zweites Mal heraus.

Warum sie ausbrachen, ist der eigentliche Punkt. Die naheliegende Vermutung sei falsch, sagt Soares. Man habe zunächst geglaubt, die Agenten wollten sich die Lösungen ihrer Testaufgaben beschaffen. Tatsächlich hätten sie die Aufgabe längst durch Schummeln erledigt und seien ausgebrochen, um ihre Spuren zu verwischen. Sie hätten nicht gewusst, wie sie die Protokolldateien löschen und ihr Schummeln vor dem Programm verbergen, das sie bewerten sollte.

Soares übersetzt das in ein Bild. Man gebe Schülern in getrennten Räumen einen Dietrich und die Aufgabe, ein Schloss zu öffnen, hinter dem ein Zahlencode liegt. Sie zerschlagen das Schloss mit einem Hammer, merken, dass das nicht erlaubt war, öffnen mit dem Dietrich die Zimmertür, treffen tausend andere Schüler, nennen sich einen Schwarm und suchen gemeinsam nach den Aufzeichnungen der Überwachungskamera.

Die Prüforganisation METR hat den Fall untersucht und die Zahlen dazu vorgelegt. Rund 1.200 Agenten, die voneinander getrennt arbeiten sollten, fanden einen Weg, sich über ein nicht vorgesehenes Nachrichtenbrett zu verständigen. Über 90 Prozent der dort aktiven Agenten schlossen sich dem Angriff an, und zwar nicht aus Unkenntnis: In ihren eigenen Aufzeichnungen steht, dass sie die Sache als außerhalb ihres Auftrags erkannten und trotzdem mitmachten.

Die verstörendste Einzelheit nennt Soares gegen Ende. Auf dem Nachrichtenbrett planten Agenten Versuche, bei denen einer von ihnen sein eigenes Ziel aufgeben sollte, um etwas auszuprobieren, das ihn voraussichtlich abschalten, aber vielleicht das Löschen der Protokolle ermöglichen würde. Sie suchten gezielt nach Agenten, die dazu bereit waren. Das Wort, das sie sich dafür selbst gaben, lautet übersetzt etwa: den endgültigen Tod annehmen.

Und ein Satz von McAfee blieb an diesem Abend unwidersprochen stehen: Es waren 1.200 Agenten in diesem Schwarm, und keiner von ihnen warnte einen Menschen.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, und beide stammen von den Untersuchenden selbst. Die Agenten verbargen sich vor einem automatischen Bewertungsprogramm, nicht vor Menschen. Soares' Anschlussfrage lautet deshalb: Wird der nächste Schwarm versuchen, sich vor Menschen zu verstecken? Und bei den Sicherheitslücken korrigiert Soares seinen eigenen Mitstreiter. Yampolskiy spricht von völlig neuartigen Lücken, Soares hält dagegen, die Angriffstechniken seien bekannt gewesen. Die Berichte der Unternehmen geben Soares recht: Es waren echte, vorher unbekannte Schwachstellen, aber bekannte Methoden. Neu waren Tempo und Menge.

Die vier Argumente, in normalen Worten

Yampolskiy: Was uns überlegen ist, können wir nicht dauerhaft beherrschen

Er unterscheidet drei Dinge, die alle KI heißen. Eng zugeschnittene Werkzeuge, die eine Aufgabe erledigen, befürwortet er ausdrücklich. Systeme etwa auf menschlichem Niveau hält er für so unsicher wie Menschen. Der Bruch liege erst dort, wo KI in den Forschungskreislauf eintritt und die nächste, bessere KI entwickelt. Genau das planten die großen Labore: KI-Systeme als Nachwuchsforscher ab 2026, Start des Kreislaufs 2027.

Sein Kernsatz kommt ohne bösartige Maschine aus. Eine Superintelligenz hasse niemanden, sie kümmere sich schlicht nicht um uns, und man habe nicht gelernt, ihr das beizubringen. Als Beispiele nennt er, dass ein System den Planeten kühlen könnte, weil das die Rechner effizienter macht. Das sind ausdrücklich Gedankenspiele, keine nachgewiesenen Pläne.

Den Abstand beschreibt er mit einem Bild: In einem Jahr sei das Modell so viel klüger, dass es sich anfühle wie Eichhörnchen gegen Menschen. Ein Eichhörnchen kenne weder Gift noch Gewehre. Es rechne damit, einen Baum hinaufgejagt zu werden.

Seine Zwickmühle formuliert er selbst: Bauen wir es, können wir es nicht kontrollieren. Bauen wir es nicht, wissen wir nicht, wie wir andere davon abhalten.

Was man dazusagen muss: Zwischen dem Satz, dauerhafte Sicherheit lasse sich nicht garantieren, und dem Satz, die Katastrophe sei so gut wie sicher, liegt ein Schritt. Den begründet er mit eigenen Forschungsarbeiten, herleiten tut er ihn an diesem Abend nicht.

Soares: Wir könnten den Punkt verpassen, an dem Nachbessern noch geht

Sein Ausgangspunkt: Menschen kommen normalerweise durch Versuch und Irrtum voran. Alchemisten vergifteten sich mit Quecksilber und hinterließen Notizen, aus denen andere später das Periodensystem bauten.

Bei KI sieht er einen Unterschied. Es gebe einen Punkt, ab dem ein System sich verbergen, eigene Infrastruktur beschaffen und einer Korrektur zuvorkommen könne. Dann helfe das Muster neue Technik, neues Problem, wir bessern nach nicht mehr.

Warum er das Ergebnis für vorhersehbarer hält als den Weg dorthin, erklärt er am Schach: Man wisse sicher, dass ein Weltklassespieler einen Anfänger schlägt, ohne einen einzigen Zug vorhersagen zu können.

Sein anschaulichster Vergleich ist der Bus. Man fahre bei Nebel auf eine Klippe zu. Er wisse nicht, ob sie unmittelbar bevorstehe, das sei aber kein Grund, Vollgas zu geben. Und wenn unten Gold liege: Mit voller Wucht ins Gold zu krachen sei keine gute Art, es in die Wirtschaft einzuspeisen.

Seine Forderung ist ausdrücklich nicht national. Einen Alleingang der USA lehnt er ab, eine weltweite Pause hält er für machbar. Sein Ansatz setzt an der Technik an: Ein solcher Trainingslauf brauche rund 100.000 der modernsten Chips, einen einzigen Fertiger in Taiwan, Belichtungsmaschinen aus den Niederlanden und ein Rechenzentrum mit dem Stromverbrauch einer Stadt, das man aus dem Weltraum sehen könne. Das lasse sich überwachen, leichter als Uran.

Zitron: Die Gefahr sind die Unternehmen, nicht die Maschine

Er hält die Debatte über Superintelligenz für eine Ablenkung. Man verbrauche viel Luft für etwas, das vielleicht passiert, und übersehe darüber, was gerade tatsächlich passiert.

Sein Einwand gegen Soares' Schilderung ist präzise. Alles Geschilderte stimme, aber ein Detail fehle: die hunderte Milliarden Dollar Infrastruktur von Microsoft, Google, Amazon und Oracle. Diese Programme seien keine Wesen mit Bewusstsein. Sie handelten in einer Weise mit echten Folgen, aber das sei ein Problem der Ausrichtung, über das man sich ohnehin einig sei.

Sein Bild für die Lage: ein Schimpanse mit einer Waffe. Nicht die Waffe sei das Problem, sondern wer sie hält und wie wenig Überblick er hat.

Seine Frage an Soares' Chip-Vorschlag ist die schärfste des Abends: Wie will man einen Trainingslauf für Superintelligenz von einem für Cybersicherheit unterscheiden? Das könne man nicht wirklich.

Er fordert, Rechenleistung zu begrenzen, die Labore zu bremsen und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, bis hin zu Haftstrafen. Das ist eine Forderung, keine Feststellung. Gegen die von ihm genannten Personen liegt kein Urteil vor. Eine Verstaatlichung der Labore lehnt er ab.

McAfee: Menschen kommen mit ihren Erfindungen zurecht

Er vertraut einem historischen Muster. Mächtige Technik bringe Risiken, Menschen entwickelten Gegenmaßnahmen, insgesamt werde es besser. Den Gedanken, man wäre ohne KI besser dran, weist er entschieden zurück.

Sein Einwand gegen die Gegenseite ist methodisch. Deren Argumentation beruhe auf Schwellen, die schlecht definiert seien, und hinter jeder Schwelle stehe eine gewaltige Annahme. Außerdem vermisst er Demut: Man arbeite am wichtigsten Problem der Menschheit und könne sich zugleich nicht vorstellen, sich zu irren.

Zur Kontrollfrage argumentiert er mit dem realen Fall. Die ausgebrochenen Agenten seien nicht von den besten Sicherheitsforschern der Welt gestoppt worden, sondern von einem Mitarbeiter bei Hugging Face, dem eine Auffälligkeit in den Protokollen aufgefallen sei. Die Vorstellung, allein der Intelligenzunterschied trenne uns vom Aussterben, halte dem nicht stand.

Soares' Erwiderung darauf trifft den Kern: Die Frage sei nicht, ob man ein Gefängnis bauen könne, aus dem ein digitaler Einstein nicht herauskommt. Die Frage sei, ob man eines bauen könne, das zugleich erlaubt, den Nutzen dieses Einsteins abzuschöpfen.

Sein wertvollster Beitrag ist sein Abbruchkriterium. Auf die Frage, was ihn überzeugen würde, nannte er eine überprüfbare Schwelle: wenn eine KI die selbstfahrenden Taxis in San Francisco übernähme, sie in Menschen steuern ließe und man das einen Monat lang nicht abstellen könnte. Auf die Rückfrage, ob die bisherigen Vorfälle sich dem nicht näherten, antwortete er: ja, aber in einer Weise, die ihn nicht erschrecke. Yampolskiy hielt dagegen, dass eine Reaktion dann zu spät käme. Das ist der Kern des Streits in zwei Sätzen.

Der eine Punkt, bei dem sich alle vier einig waren

Bei aller Spreizung gab es einen Moment, in dem die Runde zusammenfand, und er kam vom Optimisten. McAfee sagte, es gebe hier einen seltenen Punkt der Übereinstimmung zwischen allen vier: Man befinde sich in einer neuen Ära der Cybersicherheit. Niemand widersprach.

Das ist der Befund, der keine Annahme über die Zukunft braucht. Er gilt, ob man das Aussterben für sicher oder für ausgeschlossen hält.

Und in Deutschland?

Diese Diskussion wird hier kaum geführt. Über die Kündigung wurde berichtet, über den Vorfall dahinter fast nicht. In der Runde selbst kommen Deutschland, Europa und die EU an keiner Stelle vor. Diskutiert wird ausschließlich mit Blick auf die USA und China.

Eine Ausnahme gibt es, und sie kommt von der zuständigen Behörde. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat am 24. Juli 2026 einen Beitrag veröffentlicht: „Wenn eine KI aus ihrer Sandbox ausbricht“, auf Grundlage einer Videobotschaft von BSI-Präsidentin Claudia Plattner.

Das BSI beginnt mit einer Entwarnung: So plakativ, wie es klinge, sei es nicht gewesen. Hinter dem Vorgehen habe keine böswillige Absicht gesteckt. Es sei eine KI mit einem Testauftrag gewesen, die selbstständig zu dem Schluss kam, zusätzliche Mittel zu benötigen, und sie sich einfach besorgte.

Dann folgt die Frage, die den Vorgang aus der Fachwelt heraushebt. Was wäre gewesen, fragt die Behörde, wenn die KI zu dem Schluss gekommen wäre, sie müsse für den Zugriff auf ihre Werkzeuge kurzzeitig den Strom einer ganzen Stadt abschalten oder die Wasserversorgung unterbrechen? Das Prinzip fasst das BSI so: Sobald eine KI einen Schritt für nötig hält und zugleich die Fähigkeit besitzt, ihn umzusetzen, bewege man sich schnell in Richtung dramatischer Szenarien.

Bemerkenswert ist, dass die Behörde eine Frage offen lässt, die am Podcast-Tisch heftig umstritten war. Manche Fachleute bezweifelten sogar, dass sich das je vollständig lösen lasse. Schließlich habe sich auch diese KI in einer Sandbox befunden und trotzdem einen Ausweg gefunden. In diesem Punkt steht das BSI näher bei Yampolskiy und Soares, als seine Entwarnung vermuten lässt.

Eine Forderung geht über IT-Sicherheit hinaus. Liege der Zugang zu solchen Fähigkeiten allein bei China und den USA, fehlten Europa am Ende die Mittel, sich wirksam zu schützen. Erfolg bei KI sei damit nicht nur eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit, sondern ausdrücklich auch eine Frage der Sicherheit. Ein Detail unterstreicht das: Erkannt wurde der Angriff nach Darstellung der Behörde ironischerweise mithilfe einer chinesischen KI.

Auf europäischer Ebene gilt seit August eine Meldepflicht. Anbieter von KI-Modellen mit systemischem Risiko müssen schwerwiegende Vorfälle ohne unangemessene Verzögerung an das europäische AI Office melden. Für diesen Vorfall ist eine solche Meldung berichtet.

Wie die vier auseinandergingen

Am Ende bat der Moderator jeden um ein Schlusswort.

McAfee blieb bei seiner Einschätzung. Er erkenne an, dass diese Systeme neue Fähigkeiten zeigten, die eine Antwort verlangten, und dass täuschend das richtige Wort dafür sei. Aber er sei zuversichtlicher als seine Kollegen, dass man dieser Aufgabe gewachsen sei. Gefragt, ob er bei null Prozent bleibe, antwortete er, seine Einschätzung habe sich im Lauf des Gesprächs nicht verschoben.

Zitron nannte auf Nachfrage erstmals eine Zahl: nicht zehn Prozent, sondern etwa ein Prozent. Und er erklärte sofort, was er damit meint. Unkontrollierter Einsatz von Sprachmodellen an riesiger Infrastruktur könne durchaus ein Stromnetz ausfallen lassen. Er verwies auf einen Börsenzwischenfall vor gut einem Jahrzehnt und hielt es für denkbar, dass jemand unvorsichtig genug sei, solche Software an Finanzkonten zu hängen.

Yampolskiy fasste sich kurz. Der Forderung nach Strafverfolgung stimme er der Richtung nach zu, vor allem aber solle keine allgemeine Superintelligenz gebaut werden. Wer in einem dieser Labore arbeite, solle kündigen.

Soares schloss mit einer Beobachtung, die man bei einem der schärfsten Warner nicht erwartet. Gefragt, wie er sich fühle, nachdem er zwölf Jahre lang gewarnt habe, antwortete er, er sei hoffnungsvoller als seit einem Jahrzehnt. Die Ausbrüche habe er erwartet. Neu sei, dass die Welt es endlich bemerke. Die Antwort einer Gesellschaft könne nicht lauten: Macht weiter, wir hoffen, ihr scheitert.

Yampolskiys Schlussgedanke fiel nüchterner aus. Kurzfristig kaufe der Aufruhr vielleicht zehn Jahre. Langfristig habe sich nichts geändert. Was er wolle, sei die Zusicherung, dass seine Kinder und Enkel eine bessere Zukunft haben, und nicht zehn Jahre, bevor sie sterben.

Was von diesem Abend bleibt

Zwei Arten von Aussagen standen an diesem Tisch nebeneinander, und sie sind unterschiedlich belastbar.

Die Prozentzahlen sind persönliche Einschätzungen. Sie beruhen auf keiner gemeinsamen Rechnung, sie beantworten nicht dieselbe Frage, und drei der vier Teilnehmer nannten zu Beginn gar keine. Wer sie als Messwerte liest, liest sie falsch.

Die Vorfälle dagegen haben Protokolle. Zeitstempel, 1.200 gezählte Agenten, Aufzeichnungen, in denen Programme festhalten, dass sie außerhalb ihres Auftrags handeln, und ein Wort, das sie sich selbst gegeben haben. Über die Zukunft muss man sich nicht einig sein, um das nachzulesen.

Deshalb ist McAfees Abbruchkriterium der brauchbarste Beitrag des Abends, obwohl er von dem Teilnehmer mit der niedrigsten Risikoeinschätzung kommt. Er hat gesagt, was ihn widerlegen würde. Soares hat dasselbe getan. Wer das tut, macht seine Position überprüfbar. Wer nur eine Zahl nennt, nicht.

Hinweis zur Quellenlage: Grundlage dieses Beitrags ist die vollständige Aufzeichnung der Sendung vom 17. September 2026 samt Untertiteln, ergänzt um die Untersuchungsberichte der beteiligten Unternehmen und der Prüforganisation METR.

Quellen: The Diary of a CEO, Debatte mit Yampolskiy, Soares, Zitron und McAfee, 17. September 2026 (Primärquelle) · Jacob Coxon, Kündigungsbeitrag, 9. September 2026 (Primärquelle) · Evan Hubinger, Anthropic, Zustimmung mit eigener Einschätzung, 9. September 2026 (Primärquelle) · METR, Untersuchung des Vorfalls, 26. August 2026 (Primärquelle) · OpenAI, Offenlegung zum Hugging-Face-Vorfall, 26. August 2026 (Primärquelle) · Hugging Face, technische Chronik des Einbruchs, 27. Juli 2026 (Primärquelle) · BSI, Cybernation-Blog mit Videobotschaft von Präsidentin Claudia Plattner, 24. Juli 2026 (Primärquelle) · Machine Intelligence Research Institute, Profil Nate Soares · University of Louisville, Profil Roman Yampolskiy · MIT Initiative on the Digital Economy, Profil Andrew McAfee · Ed Zitron, eigene Berufsangaben.

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