Diamandis und Ismail erklären die klassische Firma für tot, was an der 75-Prozent-Rechnung trägt
In der Sendung Moonshots vom 23. Mai 2026 stellt Salim Ismail mit Peter Diamandis seine neue These vor. Ronald Coases Theorie der Firma von 1937 sei tot, weil Künstliche Intelligenz die Transaktionskosten erstmals gegen null treibe. Sein neues Buch Exponentielle Organisationen, Auflage 3 erscheint nicht gedruckt, sondern als programmierbares Anweisungs-Paket für die KI Claude. Ismail kalkuliert, dass Firmen mit 10 bis 25 Prozent der heutigen Belegschaft laufen werden, davon 60 Prozent Abbau in der mittleren Führungsebene. KIPODE hat die Folge vollständig durchgehört und ordnet ein, welche Zahlen tragen, welche unbelegt bleiben, und welche drei deutschen Realitäten der Technik-Optimismus übergeht.
Was Ismail im Kern behauptet
Coase hat 1937 in seinem Aufsatz Die Natur des Unternehmens erklärt, warum Firmen überhaupt existieren: weil reale Transaktionen Kosten verursachen (Verhandlungen, Verträge, Informationssuche) und es deshalb oft günstiger ist, Tätigkeiten innerhalb einer Firma zu organisieren statt am Markt zu verhandeln. Der Wirtschafts-Nobelpreis 1991 ehrte ihn genau dafür. Ismail argumentiert: KI erfüllt erstmals praktisch Coases theoretische Grenzbedingung, weil sie die Koordinations- und Ausführungskosten gegen null treibt. Wer fünf Minuten mit einem KI-Werkzeug arbeitet, braucht keine drei Wochen Abstimmung mit IT-Abteilung, Marketing und Datenschutz.
Ismails Architektur nennt er Exponentielle Organisation 3.0 und ersetzt die heutige Hierarchie durch sechs Intelligenz-Schichten (Zweck, Wahrnehmung, Auslegung, Entscheidung, Steuerung, Lernen) sowie eine Aufsichts- und Sicherungshülle aus Prüfprotokollen, Rücksetz-Pfaden und einer Warteschlange für menschliche Nachprüfung. Der Mensch verschwindet in dem Modell nicht, er rückt eine Etage höher und behandelt Ausnahmen, statt Aufgaben auszuführen.
Die zentrale Provokations-Frage „zwei Personen, 60 bis 90 Tage". Ismail bietet in der Sendung einen Stresstest für jeden Geschäfts-Inhaber an. Die Frage lautet wörtlich: Welchen Teil meines heutigen Geschäfts könnten zwei Personen mit einem KI‑Werkzeug in 60 bis 90 Tagen vollständig nachbauen? Wo die Antwort „machbar" ist, gilt das alte Modell aus Ismails Sicht als angreifbar, weil die Markteintritts-Hürde gerade einbricht. Diese Formel zieht sich als roter Faden durch die Sendung und kehrt in den weiteren Abschnitten wieder. Ismails eigenes Beispiel dafür ist sein neues Buch: kein zwölf- bis achtzehn-Monate-Verlags-Zyklus mehr, sondern ein KI‑Anweisungs-Paket, gebaut von einem kleinen Team innerhalb genau dieser Zeitspanne (Details weiter unten).
Welche Zahlen tragen, welche nicht
Drei Punkte sind in der Sendung unbelegt. Erstens die Aussage, die US-Softwarefirma Cognition Labs habe ihre jährlich wiederkehrenden Umsätze auf das 73-fache gesteigert. Dazu gibt es keine Primärquelle. Zweitens die 80 Prozent gescheiterte KI-Projekte. Ältere Studien der Beratungshäuser Gartner und IBM aus 2023 und 2024 nennen Werte zwischen 70 und 87 Prozent. „80" ist also ein Korridor-Wert, kein Fixum. Drittens die 75-Prozent-Abbau-Rechnung selbst, die eine Hypothese der Beratungsseite ist, keine empirische Studienlage. Daron Acemoglu (Wirtschafts-Nobelpreis 2024) schätzt den Effekt von KI auf das Bruttoinlandsprodukt in zehn Jahren auf 1,1 bis 1,6 Prozent, deutlich nüchterner.
VAE als Vorbild, was die Technik-Optimisten ausblenden
Diamandis und Ismail loben die Vereinigten Arabischen Emirate: 50 Prozent der Verwaltung KI-gestützt, Bearbeitung des goldenen Visums in fünf Stunden. Drei Sachen blenden sie aus.
Erstens, Geopolitik. Abu‑Dhabi wurde im Januar 2022 von Drohnen der Huthi-Miliz aus dem Jemen getroffen. Iran liegt jenseits der Straße von Hormus in Sichtweite. Genau die durchdigitalisierte Verwaltung würde im Konfliktfall zum primären Angriffsziel, militärisch wie auch über das Netz.
Zweitens, Verfasstheit. Die VAE sind ein autoritäres System ohne unabhängige Justiz, ohne Pressefreiheit, ohne Gewerkschaften und ohne Datenschutzklagen. Verwaltung lässt sich dort viel leichter automatisieren, weil niemand juristisch dagegenhalten kann.
Drittens, Bevölkerung. 11 Millionen Einwohner, davon rund 90 Prozent Ausländer ohne Staatsbürgerschaft. Das ist nicht 1:1 auf Deutschland mit 84 Millionen, Föderalismus, Sozialgerichten, Betriebsräten und Mitbestimmungsgesetz übertragbar.
Was in Deutschland zusätzlich bremst
Zwei weitere Punkte, die in der Sendung fehlen. Mitbestimmung und Betriebsräte binden Stellenstreichung an Sozialpläne und Interessenausgleich. Wer 60 Prozent mittlere Führungsebene abbauen will, verhandelt zwei Jahre, nicht 90 Tage. Und die KI-Verordnung der EU reguliert Hochrisiko-Anwendungen in Personalauswahl, Verwaltung und kritischer Infrastruktur. Der Vollzug ist nach der EU-Vereinfachungs-Einigung vom 7. Mai schrittweise auf 2027 und 2028 verschoben (siehe Eintrag vom 13. Mai), nicht abgeschafft.
Sein Buch erscheint als KI-Anweisungs-Paket, ein Detail mit Tragweite
Eine Nebenbemerkung verdient Aufmerksamkeit. Ismail kündigt in der Sendung an, sein Buch Exponentielle Organisationen, Auflage 3 nicht zu drucken, sondern als Anweisungs-Paket für die KI Claude zu veröffentlichen. Das Format wurde 2025 von Anthropic eingeführt. Solche Pakete sind Anweisungen, die Claude bei passenden Stichwörtern automatisch nachlädt. Vorteil: Aktualisierungen jederzeit, kein Verlags-Zyklus, keine veralteten Auflagen. Auch das Buchgeschäft fällt damit unter Ismails Frage „zwei Personen, 60 bis 90 Tage".
Was deutsche Unternehmen jetzt nüchtern prüfen können
Fünf Fragen, mit denen sich Mittelständler heute selbst durchchecken können, ohne Beratungsmandat. Welcher Arbeitsablauf lässt sich mit drei Personen und einem KI-Werkzeug in 90 Tagen nachbauen? Welche Aufgaben in der mittleren Führungsebene bestehen rein aus Koordination, also aus Berichten zusammenführen, Termine moderieren und Daten zwischen Systemen verschieben? Ist die eigene Datenlage agentenfähig (Rechenzentrum plus Daten-See plus Anwendungs-Schicht plus Agenten oben drauf), oder stecken die Daten verteilt in den Modulen der Warenwirtschaft, in Tabellen-Dateien und E-Mail-Anhängen? Wer hält die Aufsichts- und Sicherungshülle (Prüfprotokolle, Rücksetz-Pfade, Nachprüfung durch Menschen)? Welcher Sozialpartner muss früh dabei sein, damit Personalplanung nicht erst beim Sozialplan beginnt?