Sind Sprachmodelle eine Sackgasse? Yann LeCun setzt auf „Weltmodelle"
Während die halbe Branche auf immer größere Sprachmodelle wie ChatGPT setzt, sagt einer der angesehensten KI‑Forscher der Welt das Gegenteil: Yann LeCun, Turing‑Preisträger und bis Ende 2025 Chef‑Wissenschaftler des Facebook‑Konzerns Meta, hält diesen Weg für eine Sackgasse. Gegenüber dem Finanzdienst Bloomberg gab er den heutigen Sprachmodellen noch etwa fünf Jahre. Anfang 2026 gründete er in Paris das Startup AMI Labs und sammelte dafür rund 890 Millionen Euro ein, um etwas anderes zu bauen: sogenannte Weltmodelle. KIPODE erklärt, was dahintersteckt, und ordnet ein, warum das gerade für Deutschland interessant ist.
Warum LeCun die heutige KI für eine Sackgasse hält
Sprachmodelle wie ChatGPT sagen im Kern immer das nächste Wort voraus. Sie klingen dadurch klug, aber sie verstehen die Welt nicht wirklich. LeCuns liebstes Beispiel: „Ein Sprachmodell begreift nicht, dass ein Glas zerbricht, wenn man es vom Tisch schiebt." Wir fielen auf einen alten Trick herein, so sein Argument: Weil die Maschinen geschickt mit Worten jonglieren, halten wir sie für superschlau, genau wie bei Menschen, die charmant reden. Echte Intelligenz aber heiße, die Welt zu begreifen, nicht nur Sätze zu bilden. Ein vierjähriges Kind sauge über seine Augen mehr über die Wirklichkeit auf als das größte Sprachmodell aus allen Texten der Menschheit.
Die Alternative: Weltmodelle und JEPA
Ein „Weltmodell" ist eine KI, die lernt, wie sich die physische Welt verhält, aus Videos und Sinnesdaten statt aus Text. Sie sagt nicht das nächste Wort voraus, sondern was als Nächstes in einer Szene passiert: dass die Hand die Flasche greift, dass der Ball rollt, dass das Glas fällt. LeCuns Ansatz dafür heißt JEPA (englische Abkürzung für „Architektur, die Vorhersagen im Bedeutungsraum trifft"). Das bei Meta entwickelte Modell V‑JEPA 2 zeigt, wie weit das schon ist: Es wurde mit über einer Million Stunden Video trainiert, ist frei verfügbar (offenes Modell) und steuert Roboter, die unbekannte Gegenstände in fremder Umgebung greifen, mit einer Trefferquote von 65 bis 80 Prozent. Bemerkenswert ist die Größe: Mit rund 1,2 Milliarden Parametern ist es ein Zwerg neben den Sprachmodellen mit Hunderten Milliarden, es arbeitet also sparsamer, nicht größer, sondern cleverer.
Was dagegen spricht
LeCun ist eine prominente, aber nicht die einzige Stimme. Das andere Lager hält dagegen, dass Sprachmodelle längst mehr können als plaudern: Sie planen, lösen Rätsel und schreiben Programme, einfach indem sie das nächste Wort vorhersagen. Vielleicht, so die Gegenthese, reicht es, sie immer größer zu machen. In dieselbe optimistische Richtung zielt der US‑Unternehmer Peter Diamandis, dessen These „klügere KI wird sicherer" im Beitrag darunter steht. Wer recht behält, ist offen. Gut möglich ist auch die Mischung: Sprache für Büro und Kreatives, Weltmodelle für Roboter und die reale Welt.
Was das für Deutschland heißt (KIPODE‑Einordnung)
Sollte LeCun recht behalten, wäre das eine gute Nachricht für Deutschland. Denn beim Rennen um reine Sprachmodelle ist das Land abgehängt, beim Rennen um physische KI und Roboter aber gehört es zur Spitzengruppe. Genau dort setzen Weltmodelle an: bei Maschinen, die in echten Fabriken und Werkstätten arbeiten. Dazu kommt der Energiepunkt, der für den teuren Standort Deutschland zählt: Ein sparsames, offenes Modell wie V‑JEPA 2 braucht weit weniger Strom als die Sprach‑Giganten. KIPODE‑Gründer Michael Bertelsen hat diese Wette schon vor einem halben Jahr in seinem Buch „KI? Nein danke! Oder doch?" beschrieben, mit demselben LeCun‑Satz „Sprache ist keine Intelligenz" und dem Fazit, dass wir am Ende wohl beides brauchen. Neu ist seither vor allem, wie viel Geld nun in diese Gegenwette fließt. Für den deutschen Mittelstand heißt das: die Entwicklung der Weltmodelle im Auge behalten, denn sie entscheidet mit, ob die nächste KI‑Welle in der Fabrikhalle ankommt, nicht nur am Schreibtisch.
Mehr dazu im Buch „KI? Nein danke! Oder doch?" von Michael Bertelsen (Kapitel „Die verborgene Revolution in der KI"): bei Amazon ansehen · Inhaltsverzeichnis (PDF).