UN‑Wissenschaftspanel: 90 Prozent der KI‑Rechenleistung liegen in zwei Ländern
Die Vereinten Nationen haben 2025 ein unabhängiges Wissenschaftspanel für Künstliche Intelligenz eingesetzt, 40 Fachleute aus allen Weltregionen, die in persönlicher Verantwortung arbeiten und ausdrücklich nicht regulieren, sondern die Beweislage sichten sollen. Am 1. Juli 2026 hat dieses Panel seinen ersten Bericht vorgelegt. Eine Zahl daraus sollte man sich merken, weil sie die gesamte Debatte über digitale Souveränität in einem Satz zusammenfasst.
Der zentrale Befund
Die USA verfügen über rund drei Viertel der Rechenleistung der weltweit führenden KI‑Supercomputer, China über etwa 15 Prozent. Zusammen sind das rund 90 Prozent. Fast alle führenden Allzweckmodelle stammen aus Firmen dieser beiden Länder. Alle übrigen Staaten teilen sich den Rest und sind, so der Bericht, auf eine Technik angewiesen, die sie weder bauen noch prüfen noch an die eigene Gesellschaft anpassen können. Das Panel warnt, KI könne bestehende Ungleichheiten verstärken statt verringern, wenn diese Lücke nicht geschlossen wird. Daneben beschreibt der Bericht ein Dilemma, das jede Regierung kennt: Politik braucht belastbare Belege, bevor sie reguliert, doch bis genügend Belege vorliegen, hat sich die Technik weiterbewegt. Über 40 KI‑Regelwerke und Ethik‑Leitlinien existieren weltweit, sie sind laut Panel aber zersplittert, uneinheitlich und werden selten daraufhin geprüft, ob sie überhaupt wirken.
Chancen und Risiken, beide belegt
Der Bericht ist kein Warnpapier. Auf der Habenseite stehen konkrete Erfolge: KI hat die Struktur von über 200 Millionen Proteinen vorhergesagt und damit die Wirkstoff‑ und Impfstoffforschung beschleunigt, sie hilft bei der früheren Erkennung von Krebs, und Frühwarnsysteme erkennen Ernährungskrisen, bevor sie eintreten. Auf der Sollseite nennt das Panel die Verbreitung von Missbrauchsmaterial und Deepfakes, Desinformation, KI‑gestützte Kriminalität, psychische Schäden durch Systeme, die schädliche Überzeugungen bestärken, den wachsenden Energiehunger der Rechenzentren und die Frage der Kontrolle, wenn KI zunehmend eigenständig handelt. Die Komplexität der Aufgaben, die solche Systeme selbstständig erledigen können, verdoppelt sich laut den zitierten Untersuchungen alle paar Monate. Der Bericht speist in den Globalen Dialog zur KI‑Steuerung ein, der am 6. Juli 2026 in Genf begonnen hat.
Was das für Deutschland heißt (KIPODE‑Einordnung)
In der Rechenleistungs‑Bilanz des Panels taucht Europa nicht als eigene Größe auf. Es ist Teil des Rests. Das ist der nüchterne Stand, und er deckt sich mit dem, was diese Seite seit Monaten dokumentiert: Als die US‑Regierung im Juni die Ausfuhr der stärksten Modelle von Anthropic stoppte, war Deutschland betroffen und konnte nichts tun. Als Washington die Freigabe von GPT‑5.6 verzögerte, ebenso. Und wenn Peking den Zugang zu seinen offenen Modellen beschränkt, trifft das den deutschen Mittelstand direkt. Die Antwort darauf ist kein Appell, sondern Infrastruktur. Die im März 2026 beschlossene nationale Rechenzentrumsstrategie sieht vor, die Rechenzentrumskapazität bis 2030 mindestens zu verdoppeln und die Kapazität für Höchstleistungsrechnen und KI mindestens zu vervierfachen. Ob das gelingt, entscheidet sich nicht an der Absichtserklärung, sondern am Netzanschluss und am Strompreis. Genau dort liegt derzeit der Engpass, wie unsere Themenseite Energie zeigt.