Eine Fabrik, die sich ihr eigenes Kraftwerk baut: Terafab in Texas und der Vergleich mit Magdeburg und Dresden
Am 6. August 2026 haben Tesla, SpaceX und der texanische Gouverneur den Standort einer Chipfabrik bekannt gegeben, die nach eigenen Angaben das größte Gebäude der Erde werden soll. Wenige Tage später wurde ein Steuerantrag für eine zweite Fabrik öffentlich, diesmal für Solarzellen. Die aufschlussreichste Einzelheit steht aber nicht bei den Milliardenbeträgen: Das Chipwerk soll seinen Strom selbst erzeugen und ausdrücklich keinen aus dem öffentlichen Netz beziehen. Dieser Beitrag übersetzt die Größenordnungen in Maße, die sich von Deutschland aus einordnen lassen, und benennt, was daraus folgt und was nicht.
Was KIPODE dazu bereits berichtet hat: Warum der Stromverbrauch von KI‑Rechenzentren die Netzbetreiber beschäftigt, steht in Beitrag 54 vom 8. August. Dieser Beitrag setzt an derselben Stelle an, aber von der anderen Seite: Was passiert, wenn ein Betreiber die Frage nach dem Netzanschluss dadurch löst, dass er gar keinen mehr braucht.
Was in Texas gebaut werden soll
Das Vorhaben heißt Terafab und wurde am 21. März 2026 von Tesla und SpaceX angekündigt. Am 6. August 2026 bestätigten beide Unternehmen zusammen mit Gouverneur Greg Abbott den Standort: Grimes County in Texas, rund eine Stunde nordwestlich von Houston, auf dem Gelände eines stillgelegten Kohlekraftwerks. Die erste Bauphase umfasst nach Angaben der texanischen Staatskanzlei über 16,8 Milliarden US‑Dollar und mindestens 3.000 Arbeitsplätze.
Geplant ist eine Fabrik, in der alle Fertigungsschritte an einem Ort zusammenkommen: Logikchips, Speicher, das Verpacken der Chips und die Prüfung. Normalerweise ist diese Kette über mehrere Unternehmen und Kontinente verteilt, und ein Chip reist zwischen den Schritten mehrfach um die Welt. Der erhoffte Vorteil liegt in der Geschwindigkeit.
Die Flächenangabe lautet mehr als 100 Millionen Quadratfuß, also rund 9,3 Millionen Quadratmeter. Das sind etwa 1.300 Fußballfelder. Zum Vergleich: Teslas bestehendes Werk bei Austin kommt auf etwa 930.000 Quadratmeter, das Pentagon auf rund 610.000. Elon Musk selbst spricht vom Fünfzigfachen des Pentagons.
Wofür die Chips gedacht sind, hat Musk am 6. August auf X beziffert. Nach seiner, wie er ausdrücklich schreibt, sehr groben Schätzung sollen rund 25 Prozent der Rechenleistung in Teslas Optimus‑Roboter gehen und rund 75 Prozent in KI‑Raumfahrzeuge von SpaceX. Der Schwerpunkt liegt damit im Orbit, nicht auf der Straße.
Der Punkt, der in der Berichterstattung untergeht: eigener Strom
In der Vereinbarung mit dem Landkreis heißt es, die Anlagen sollen von Kraftwerken auf dem Gelände versorgt werden und voraussichtlich keinen Strom aus dem Netz beziehen. Ein SpaceX‑Vertreter erklärte in einer öffentlichen Sitzung, man bringe den eigenen Strom mit: Erdgas und großflächige Batteriespeicher. Die Begründung lautet, so treibe der Bedarf des Werks nicht die Preise für andere texanische Stromkunden.
Zwei Dinge daran sind bemerkenswert. Erstens spielt Solarstrom von Tesla in diesen Plänen keine Rolle, obwohl dieselbe Unternehmensgruppe wenige Tage später eine Solarzellenfabrik beantragt hat. Das ist kein Widerspruch in der Technik, sondern eine Aussage über Verlässlichkeit: Eine Halbleiterfertigung verträgt keine Schwankungen, ein einziger Spannungseinbruch verdirbt eine ganze Charge.
Zweitens ist die Formulierung vorsichtig gewählt. Dort steht „voraussichtlich kein Netzstrom“, nicht „kein Netzanschluss“. Ein Anschluss für Störfälle bleibt damit offen.
Was der Standort kostet und wer ihn bezahlt
Am 4. Juni 2026 beschloss der Kreistag von Grimes County mit vier gegen eine Stimme eine hundertprozentige Befreiung von der Grundsteuer. Statt Grundsteuer zahlt SpaceX eine Einmalsumme von 20 Millionen Dollar und danach 20 Millionen Dollar jährlich über 35 Jahre, zusammen also rund 720 Millionen Dollar. Der Bundesstaat Texas steuert einen leistungsgebundenen Zuschuss von 30 Millionen Dollar bei.
Der Beschluss fiel gegen Widerstand aus der Bevölkerung. Eine Bürgerinitiative hatte Bedenken zu Wasserbedarf, Abwasser, Gefahrstoffen, Luftemissionen, Rettungsdiensten, Straßen und Umweltfolgen vorgetragen. Am 16. Juli vertagte der Kreistag eine Resolution zur Rechenschaftspflicht. Am 5. August übergaben rund 900 Anwohnerinnen und Anwohner eine Unterschriftenliste mit zwölf Forderungen, darunter unabhängige juristische Beratung auf Kosten des Kreises, Auflagen zu Wasser und Umwelt, Pflichten zur Straßeninstandsetzung und Rückforderungsklauseln, falls Zusagen nicht eingehalten werden.
Das Bild vom Land, in dem so etwas ohne Widerspruch durchgeht, hält der Nachprüfung also nicht stand. Die Fragen ähneln denen bei deutschen Großvorhaben. Der Unterschied liegt darin, wann sie greifen.
Das Wasser soll aus dem Gibbons Creek Reservoir kommen, dem früheren Kühlwasserspeicher des Kohlekraftwerks, nicht aus dem Grundwasser.
Die zweite Fabrik: Project Crystal Sun
Ein Antrag bei der texanischen Finanzverwaltung, eingereicht am 22. Juli 2026 und Anfang August öffentlich geworden, beschreibt unter dem Decknamen „Project Crystal Sun“ eine Solarzellenfabrik in Fort Bend County. Volumen: 10,116 Milliarden Dollar, davon rund 1,5 Milliarden für Grundstück und Gebäude und rund 8,6 Milliarden für Ausrüstung. Genannt sind 9.712 dauerhafte Arbeitsplätze und ein Produktionsstart im ersten Quartal 2029.
Auch hier soll die gesamte Kette an einem Ort liegen, von der Siliziumstange über den Wafer bis zur fertigen Zelle. Das unterscheidet das Vorhaben von der üblichen amerikanischen Solarfertigung, die fertige Zellen zukauft und nur noch Module zusammensetzt. Die Wertschöpfung sitzt in der Zelle.
Entscheidend für die Einordnung ist der Charakter des Papiers. Es ist ein Antrag auf eine zehnjährige Begrenzung der Grundsteuer, kein Beschluss. Tesla schreibt selbst hinein, der Standort sei ohne diese Vergünstigung gegenüber einer geprüften Alternative in einem anderen Bundesstaat wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig. Der Antrag ist damit zugleich ein Druckmittel.
Das ist ein Befund, der einem verbreiteten Bild widerspricht. Texas gewinnt solche Vorhaben nicht dadurch, dass dort alles von allein billiger wäre. Auch dort wird Industriepolitik betrieben, nur mit anderen Werkzeugen.
Was Fachleute bezweifeln
Der Zweifel richtet sich nicht auf die Absicht, sondern auf die Machbarkeit.
Erfahrung. Weder Tesla noch SpaceX haben je eine Halbleiterfertigung an der vordersten Technikkante betrieben. In der Größenklasse, um die es geht, ist ein Transistor wenige Dutzend Atome breit; ein einzelnes Staubkorn verdirbt den Chip. TSMC hat Jahrzehnte gebraucht, um das in den Griff zu bekommen. Nvidia‑Chef Jensen Huang sagte bereits im November 2025, fortgeschrittene Chipfertigung sei außerordentlich schwierig.
Geld und Zeit. Die Bank of America rechnet mit drei bis fünf Jahren bis zur Betriebsbereitschaft und mit Massenfertigung frühestens gegen Ende des Jahrzehnts. Allein für eine Anfangskapazität von 100.000 Wafern im Monat veranschlagt die Bank mehr als 60 Milliarden Dollar. Gemessen daran sind 16,8 Milliarden für die erste Phase kein großer, sondern ein kleiner Betrag.
Die Zahlen schwanken. Bei der Ankündigung im März war von rund 20 Milliarden Dollar die Rede, kurz darauf von 25. Beim Kreistagsbeschluss im Juni wurde das Vorhaben mit 55 Milliarden geführt, ein Wertpapierprospekt von SpaceX nannte im Mai eine Obergrenze von bis zu 119 Milliarden für alle Ausbaustufen. Seit dem 6. August lautet die Zahl 16,8 Milliarden für die erste Phase. Die Angaben meinen unterschiedliche Stufen und widersprechen sich nicht zwingend. Eine belastbare Gesamtsumme gibt es aber nicht.
Der Partner liefert die Technik. Gefertigt werden soll im Verfahren 14A von Intel. Intel‑Chef Lip‑Bu Tan bestätigte die Zusammenarbeit am 23. April 2026 in der Telefonkonferenz zum ersten Quartal; er sprach dort von einer Partnerschaft mit SpaceX, xAI und Tesla zur Unterstützung von Terafab. Der ursprüngliche Anspruch, alles selbst zu machen, ist damit bereits eingeschränkt.
Der Vergleich mit Deutschland
Der Vergleich, der weiterhilft, ist nicht Texas gegen Magdeburg, sondern Ankündigung gegen Baustelle.
In Dresden entsteht mit der European Semiconductor Manufacturing Company ein Werk von TSMC gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP. Rund 10 Milliarden Euro Investition, etwa 2.000 direkte Arbeitsplätze, geplant sind 40.000 Wafer im Monat in Strukturbreiten von 12 bis 28 Nanometern, bei voller Auslastung rund 500.000 Wafer im Jahr. Produktionsstart: Ende 2027. Es ist die größte Einzelinvestition eines Unternehmens in Sachsen seit 1990.
Damit ist auch klar, dass die beiden Werke nicht dasselbe tun. Dresden fertigt Chips für Autos und Industrie, Terafab zielt auf Rechenchips an der vordersten Kante. Der Abstand bei den modernsten Verfahren bleibt bestehen. Was sich vergleichen lässt, ist der Stand: In Sachsen steht ein Gebäude, in dem ab 2027 produziert werden soll. In Texas wird Gelände planiert, und das zweite Vorhaben ist ein Antrag.
Bleibt Magdeburg. Intel hatte dort zwei Werke angekündigt, rund 30 Milliarden Euro Investition, dazu eine Zusage des Bundes über 9,9 Milliarden Euro Förderung. Im Sommer 2025 wurde das Vorhaben endgültig aufgegeben. In der Regierungspressekonferenz vom 28. Juli 2025 stellte das Bundeswirtschaftsministerium auf Nachfrage klar, es seien „bisher keine Fördermittel dafür ausgezahlt“ worden.
Das ist wichtig, weil die Sache oft falsch erzählt wird. Es sind keine zehn Milliarden Euro verloren gegangen. Verloren gegangen sind Jahre, in denen politische, planerische und finanzielle Kapazität an ein Vorhaben gebunden war, das nicht zustande kam. Und derselbe Konzern liefert nun Prozesstechnik nach Texas, ohne dort eigenes Kapital zu binden.
Was das für Deutschland bedeutet
Vier Punkte lassen sich aus dem Vorgang ableiten.
Der auffälligste Unterschied ist nicht die Summe, sondern der Netzanschluss. In Deutschland dreht sich die Debatte über Rechenzentren um Anschlusspunkte, Netzentgelte und die Frage, wer den Ausbau bezahlt. Ein Betreiber, der sein Kraftwerk selbst hinstellt, entzieht sich dieser Debatte. Derselbe Weg wäre hier nicht ohne Weiteres gangbar: Genehmigungsrecht, Emissionshandel und Immissionsschutz binden ein Gaskraftwerk in Verfahren ein, die Jahre dauern. Wer über Standortwettbewerb spricht, sollte diesen Punkt nennen und nicht die Hallengröße.
Die Abnehmer bauen sich ihre Lieferkette selbst. Tesla und SpaceX begründen das Werk damit, dass die weltweite Produktion ihren eigenen Bedarf nicht decken könne. Wenn große Abnehmer eigene Fabriken bauen, verändert das die Verfügbarkeit für alle, die zukaufen müssen. Dazu gehört die deutsche Industrie, die bei KI‑Chips durchgehend Käuferin ist. Das ist die konkrete Folge: kein verlorener Wettlauf um die größte Halle, sondern ein enger werdender Markt für Bauteile, die man selbst nicht herstellt.
Größe ist keine Unabhängigkeit. Beide Vorhaben treten mit dem Anspruch an, sich aus asiatischen Lieferketten zu lösen. Die Chiptechnik kommt von Intel, nicht aus eigener Entwicklung. Und für den Solarplan verhandelte Tesla im März 2026 nach einem Bericht von CNBC mit chinesischen Zulieferern über Fertigungsausrüstung im Wert von 2,9 Milliarden Dollar. Auch der größte Bauherr verlässt die Arbeitsteilung nicht, er verschiebt sie.
Deutschland steckt in diesen Fabriken, unabhängig davon, wo sie stehen. Kein Werk dieser Technikklasse läuft ohne Belichtungsanlagen, und in diesen Anlagen steckt Optik von Carl Zeiss aus Oberkochen und Lasertechnik von Trumpf aus Ditzingen. Diese Wertschöpfung fällt in Baden‑Württemberg an, ob die Fabrik in Texas, Dresden oder Taiwan steht. Das ändert nichts an der Abhängigkeit bei den fertigen Chips. Es zeigt aber, wo die deutsche Position stark ist, und diese Stelle wird in der Debatte über Chipfabriken am häufigsten übersehen.
Was daraus nicht folgt. Eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse lässt sich aus Ankündigungen nicht ableiten. Terafab ist ein Gelände, Crystal Sun ein Antrag, und Fachleute halten den Zeitplan für knapp und die erste Phase für zu klein gerechnet. Die Magdeburger Absage ist das jüngste Beispiel dafür, dass angekündigte Milliardenwerke nicht zwangsläufig entstehen. Bewerten lässt sich das an vier Terminen: dem Anlauf des Vorläuferwerks bei Austin ab 2027, dem Beginn des Hochbaus in Grimes County, der Entscheidung über den Steuernachlass in Fort Bend County und dem Baubeginn der Gaskraftwerke.
Mehr zur deutschen Halbleiterlage steht auf der Themenseite Computerchips, mehr zum Netzausbau auf der Themenseite Energie.