Leben wie ein Millionär ab 2031? Die deutsche Rechnung
Ludwig XIV. starb am 1. September 1715 an einer schweren Erkrankung des Beins, die seine Ärzte als Gangrän diagnostizierten. Wer heute in Deutschland ein Antibiotikum, warmes Wasser und ein Mobiltelefon hat, ist in dieser Hinsicht besser versorgt als der mächtigste Mann seiner Zeit. Der amerikanische Zukunftsforscher Peter Diamandis zieht daraus zwei Schlüsse: Bis 2031 habe die Mehrheit der Menschheit Zugang zu dem, was heute ein Millionärshaushalt hat, und danach beginne eine zweite Renaissance. Für den ersten Schluss nennt er acht Posten, für den zweiten eine Reihe von Tätigkeiten. KIPODE hat beides gegen deutsche Zahlen gehalten.
Die Lage in vier Sätzen
Worauf die Rechnung hinausläuft, bevor die Zahlen kommen.
Rechenleistung, Speicher, Bildschirme, Musik und Übersetzung kosten heute einen Bruchteil von früher, weil man sie vervielfältigen kann statt sie zu bauen.
Was an Boden, Netze und Menschenhände gebunden ist, wird nicht billiger. Genau dort liegt mit 36,3 Prozent der größte Block der deutschen Konsumausgaben.
Schule, Hochschulzugang, Kranken- und Pflegeversicherung sind in Deutschland gemeinsam finanziert. Der Engpass heißt dort nicht Preis, sondern Verfügbarkeit.
Sechs Stunden am Tag, gemessen und nicht geschätzt. Ein Drittel davon fließt in den Bildschirm.
Der Sonnenkönig und die Einkaufsliste
Ludwig XIV. starb am 1. September 1715 an einer schweren Erkrankung des Beins, die seine Ärzte als Gangrän diagnostizierten. Die beste Medizin seiner Zeit konnte ihm nicht helfen. Die schlechteste unserer Zeit könnte es. Wer heute in Deutschland ein Antibiotikum, warmes Wasser und ein Mobiltelefon hat, ist in dieser einen Hinsicht besser gestellt als der mächtigste Mann Europas.
Auf diesen Vergleich baut Peter Diamandis seine These. In einem Rundbrief vom 16. August 2026 zählt er auf, was ein Millionärshaushalt heute kauft und was davon in fünf Jahren für die Mehrheit erreichbar sein soll. Acht Posten stehen auf seiner Liste.
Vorsorge, Bildgebung und Auswertung durch Maschinen, jederzeit verfügbar statt einmal im Jahr in einer Privatklinik.
Ein persönlicher Lehrer für jedes Kind, der nicht bezahlt werden muss, weil er ein Programm ist.
Kurzstreckenflüge auf Abruf, ohne eigenes Flugzeug und ohne Besatzung.
Ein Fahrdienst, der jederzeit vorfährt, statt Fahrzeug, Fahrer und Stellplatz zu besitzen.
Größerer Wohnraum, weil das Bauen durch Maschinen billiger werde.
Kochen, Putzen, Gartenarbeit und Betreuung, übernommen von Robotern.
Musik, Film und Spiele in beliebiger Menge, auf Wunsch selbst erzeugt.
Eine Beratung, die früher ab einer bestimmten Vermögensgrenze begann und nun für alle zu haben sei.
Wer das sagt, gehört zur Sorte Zukunftsforscher, die selbst baut. Diamandis hat die XPRIZE Foundation gegründet, die Wettbewerbe mit hohen Preisgeldern ausschreibt, darunter den mit zehn Millionen Dollar dotierten Ansari-Preis für private Raumfahrt, der 2004 gewonnen wurde. Er ist Mitgründer der 2008 gegründeten Singularity University und der Diagnostikfirma Fountain Life, die er in seinem Rundbrief selbst als Beispiel nennt.
Wie treffsicher seine früheren Vorhersagen waren, lässt sich nicht belastbar sagen: Eine systematische, überprüfbare Bilanz seiner Prognosen gibt es nicht. Einzelne Treffer und einzelne Fehlgriffe ergeben zusammen noch keine Quote.
Die Hälfte, die stimmt
Für einen Teil seiner Liste hat Diamandis recht, und das gehört an den Anfang, nicht ans Ende. Bei digitalen und hochautomatisierbaren Gütern sinken die Kosten tatsächlich sehr schnell: Rechenleistung, Speicher, Bildschirme, Musik, Nachschlagewerke, Übersetzung. Was sich kopieren lässt, wird billig. Was gebaut, transportiert und gewartet werden muss, folgt dieser Kurve nicht. Bei Baustoffen, Maschinen und Energie schwanken die Preise oder sie steigen.
Solarstrom. Die Stromgestehungskosten, also die reinen Erzeugungskosten je erzeugter Kilowattstunde, liegen für große Freiflächenanlagen in Deutschland je nach Standort zwischen 4,1 und 6,9 Cent, in Süddeutschland am unteren, in Norddeutschland am oberen Ende. Kommt ein Batteriespeicher hinzu, reicht die Spanne von 6,0 bis 22,5 Cent (Fraunhofer ISE, Studie Stromgestehungskosten, Stand Juli 2024). Der Begriff steht hier bewusst gleich im ersten Satz, damit ihn niemand mit dem Preis an der Steckdose verwechselt. Der liegt beim Sechsfachen.
Roboter. Unitree, ein chinesischer Hersteller humanoider Roboter, gehört zu den wenigen Anbietern mit öffentlich einsehbarem Verkaufspreis: 13.500 Dollar für das Modell G1, ab 4.900 Dollar für das kleinere R1 (abgerufen am 19. August 2026). Das ist eine reale Zahl, und sie war vor drei Jahren undenkbar.
Der saubere Schluss aus diesem Abschnitt lautet nicht, dass sich all das beliebig vervielfältigen lässt. Er lautet: Diese Güter lassen sich sehr viel leichter vermehren als Wohnraum oder menschliche Arbeitszeit. Auch sie brauchen Chips, Strom, Netze und Wartung.
Was sich nicht vervielfältigen lässt
Im Durchschnitt entfielen 2024 rund 36,3 Prozent der Konsumausgaben deutscher Haushalte auf Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung, bei durchschnittlich 3.257 Euro Konsumausgaben im Monat (Statistisches Bundesamt, Laufende Wirtschaftsrechnungen 2024, veröffentlicht am 17. August 2026). Zwei Einschränkungen gehören dazu: Es sind Konsumausgaben, nicht das gesamte Haushaltsbudget, und es ist ein Durchschnitt. Haushaltsgröße, Einkommen, Eigentum und Wohnort verschieben den Wert erheblich, und die Behörde weist selbst aus, dass Haushalte mit weniger als 1.300 Euro Einkommen eine völlig andere Ausgabenstruktur haben.
Dieser größte Posten wird nicht billiger.
Bauen. Der Neubau von Wohngebäuden verteuerte sich binnen eines Jahres um 5,0 Prozent. Im Februar 2026 waren es noch 3,3 Prozent gewesen, die Verteuerung hat sich also beschleunigt (Statistisches Bundesamt, Baupreisindex Mai 2026, Korrekturfassung vom 10. Juli 2026).
Wohnkosten. 11,2 Prozent der Menschen in Deutschland lebten 2025 in Haushalten, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens fürs Wohnen aufwenden mussten. Im EU-Schnitt sind es 7,7 Prozent (Statistisches Bundesamt und Eurostat, veröffentlicht am 15. Mai 2026).
Strom. Der BDEW, der Verband der Energiewirtschaft, weist für 2026 einen durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von 37,0 Cent je Kilowattstunde aus, davon 15,2 Cent für Beschaffung und Vertrieb, 9,3 Cent Netzentgelte und 12,6 Cent Steuern, Abgaben und Umlagen (Verbandsangabe vom 15. April 2026, kein amtlicher Wert). Nach der EU-weit harmonisierten Erhebung lag Deutschland im zweiten Halbjahr 2025 mit 38,69 Euro je 100 Kilowattstunden hinter Irland auf dem zweiten Platz, bei einem EU-Schnitt von 28,96 Euro (Eurostat, 5. Mai 2026). Beide Werte stehen hier getrennt, weil sie methodisch nicht vergleichbar sind.
Baukosten sind nicht Wohnkosten
Wohnkosten setzen sich aus sechs Teilen zusammen: Grundstück, Bau, Finanzierung, Energie, Instandhaltung und Abgaben. Automatisierung greift an genau einem dieser sechs an. Ein Roboter kann die Arbeitsleistung beim Bauen übernehmen. Er kann die verfügbare Fläche an einem begehrten Standort nicht vermehren.
Dass eine bloße Verbilligung der Technik den Wohlstand nicht automatisch verteilt, hat dieser Radar bereits an einer anderen Prognose durchgerechnet: Kokotajlos Bild des Jahres 2040.
Produktionskosten sind nicht Endpreise
Es gibt eine dritte Ebene, die in solchen Rechnungen meistens fehlt. Selbst dort, wo die Herstellung dramatisch billiger wird, muss der Preis für den Haushalt nicht im gleichen Verhältnis fallen. Dazwischen liegen Löhne, Steuern, Sozialabgaben, Netzentgelte, Gewerbemieten, Finanzierung, Vertrieb, Marge, Zulassung, Versicherung und Infrastruktur.
Das anschaulichste Beispiel steht weiter oben in diesem Beitrag: Erzeugung ab 4,1 Cent, Abgabe an den Haushalt bei 37,0 Cent. Zwischen beiden Zahlen liegt kein technisches Problem, sondern ein Aufbau aus Netzen, Abgaben und Verträgen.
Daraus folgt der Satz, der die ganze These trägt oder eben nicht trägt: Ob technischer Überfluss beim Haushalt ankommt, hängt nicht allein von der Technik ab, sondern von Knappheit, Eigentum, Verteilung und Regulierung. Dieselbe Frage stellte sich bei Elon Musks Ankündigung, Arbeit werde optional: nachgerechnet im August.
Vier Posten, die in Deutschland längst gemeinsam bezahlt werden
Diamandis' Liste ist eine amerikanische Liste, und das ändert für deutsche Leser die Frage. Vier ihrer acht Posten sind hier kein Millionärsprivileg, sondern seit Jahrzehnten ganz oder überwiegend öffentlich organisiert: Schule, Hochschulzugang, Krankenversicherung, Pflegeversicherung. Was er für 2031 als technische Errungenschaft ankündigt, ist in Deutschland in Teilen eine politische Entscheidung des 20. Jahrhunderts.
Die Frage lautet hier also nicht, was billiger wird, sondern: Was wird für den Einzelnen billiger, und was ist bereits gemeinsam bezahlt?
Daran hängt ein zweiter Befund, der die These schärfer trifft als jeder Preis. Das deutsche Problem bei diesen Leistungen ist nicht allein der Preis, sondern die Verfügbarkeit. Wer zahlen kann, bekommt trotzdem nicht automatisch eine Pflegekraft, einen Kitaplatz oder zeitnah einen Facharzttermin.
Pflege. Bei examinierten Pflegefachkräften kamen 2025 im Jahresdurchschnitt rechnerisch 57 Arbeitslose auf 100 gemeldete Arbeitsstellen. In absoluten Zahlen stehen 20.000 gemeldeten Stellen nur 7.000 Arbeitslose gegenüber (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Bericht zur Arbeitsmarktsituation in Pflegeberufen, Mai 2026).
Kinderbetreuung. Bei Erzieherinnen und Erziehern waren 10.100 Stellen gemeldet, hier kamen 226 Arbeitsuchende auf 100 Stellen (Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Bericht zu Kinderbetreuung und Erziehung, März 2026). Die Behörde weist selbst darauf hin, dass ihr nur etwa jede zweite offene Stelle gemeldet wird.
Drei Versprechen im Einzeltest
Drei Posten der Liste lassen sich heute schon nachprüfen, weil es sie in irgendeiner Form bereits gibt.
Für Tesla Optimus und Figure existiert kein Verkaufspreis, keine Bestellseite und kein öffentlicher Vertrieb, sondern nur Zielkorridore aus Interviews.
Und der Listenpreis von Unitree ist nicht der deutsche Endpreis. Einfuhr, Mehrwertsteuer, Versand, Gewährleistung, Konformitätsnachweis und Einsatzfähigkeit kommen hinzu. Zwischen Herstellerpreis, Importpreis und einem einsatzfähigen Gesamtsystem liegen drei verschiedene Zahlen. Der eigentliche Punkt ist aber ein anderer: Der Abstand zwischen einem Roboter, der laufen kann, und einem, der eine fremde Wohnung aufräumt, ist größer als der Abstand im Preis. Wie weit die Serienfertigung wirklich ist, führt unsere Seite zu humanoiden Robotern Hersteller für Hersteller auf.
Das Bildungsversprechen stützt sich auf einen Aufsatz des amerikanischen Pädagogen Benjamin Bloom von 1984: Ein einzeln unterrichteter Schüler lag im Schnitt über 98 Prozent einer Vergleichsklasse. Zwei Einschränkungen stehen in derselben Quelle. Erstens beschreibt Bloom Einzelunterricht in Verbindung mit wiederholten Zwischentests und Korrekturschleifen, nicht Einzelunterricht allein; das Verfahren für sich genommen bringt bei ihm nur die Hälfte des Effekts. Zweitens nannte Bloom diese Betreuung ausdrücklich für die meisten Gesellschaften zu teuer, weshalb er überhaupt nach Gruppenverfahren suchte.
Was heutige Studien messen, liegt weit darunter, und sie messen etwas anderes: verschiedene Systeme, teilweise mit menschlicher Aufsicht. Ein KI-Lehrer ist kein Bloom-Tutor.
In einem kontrollierten Versuch mit 194 Studierenden an der Harvard University erzielten die Teilnehmer nach der Sitzung mit dem KI-Lehrer höhere Testwerte als nach der Sitzung im Kurs (Scientific Reports 2025). In einer Untersuchung mit 900 Tutoren und 1.800 Schülern, bei der die KI nicht selbst unterrichtete, sondern menschlichen Tutoren zuarbeitete, lag der Zuwachs bei 4 Prozentpunkten, bei Schülern schwächer bewerteter Tutoren bei 9. Und in einem Versuch mit 165 Jugendlichen an fünf britischen Schulen lösten die Teilnehmer 66,2 statt 60,7 Prozent der Aufgaben, allerdings in einem Vorabdruck ohne Begutachtung.
In den Vereinigten Staaten ist der Fortschritt echt. Waymo, die Fahrdiensttochter des Google-Mutterkonzerns Alphabet, betreibt einen für alle offenen Fahrdienst in elf Metropolregionen; in Dallas ist die Warteliste seit dem 4. August 2026 aufgehoben. Nach eigenen Angaben legte das Unternehmen bis Ende März 2026 rund 220,6 Millionen Meilen ohne Mensch am Steuer zurück.
In Deutschland gibt es im August 2026 keinen fahrerlosen Regelbetrieb für die Allgemeinheit. MOIA, der Fahrdienst des Volkswagen-Konzerns, fährt seit dem 15. Juli 2026 in Hamburg mit Fahrgästen, kostenlos, nur für vorab angemeldete Testerinnen und Tester und ausdrücklich mit Sicherheitspersonal an Bord. Der Kleinbus von HOLON hat gemeinsam mit der Hamburger Hochbahn eine bundesweite Erprobungsgenehmigung, ebenfalls unter Aufsicht. An Regeln liegt der Rückstand nicht: Deutschland hat seit 2021 einen gesetzlichen Rahmen für fahrerlose Fahrzeuge im Regelbetrieb. Ein gesetzlicher Rahmen und ein genehmigter Regelbetrieb sind aber zwei verschiedene Dinge. In den Vereinigten Staaten bescheinigen sich Hersteller in mehreren Bundesstaaten die Sicherheit weitgehend selbst, in Deutschland prüft eine Behörde jeden Einzelfall.
Und was tun die Menschen dann? Die deutsche Antwort steht in den Akten
Zwei Tage nach der Einkaufsliste, am 18. August 2026, schob Diamandis die zweite These nach: Wenn Maschinen das Überleben erledigen, wird aus der gewonnenen Zeit eine zweite Renaissance. Er beruft sich auf die griechische Muße, auf die Medici als Förderer der Künste und darauf, wie heutige Ultrareiche ihre Zeit verbringen. Die Gefahr sei, dass daraus stattdessen Brot und Spiele werden.
Das Bemerkenswerte an dieser Frage ist, dass man sie für Deutschland nicht schätzen muss. Sie ist gemessen.
Nach der Zeitverwendungserhebung 2022 verbringen Personen ab zehn Jahren im Schnitt 6 Stunden und 9 Minuten am Tag mit Freizeitaktivitäten (Statistisches Bundesamt, revidierte Ergebnisse vom 6. Juni 2025). So verteilt sich diese Zeit:
Rund ein Drittel der gesamten freien Zeit. Der größte Einzelposten mit deutlichem Abstand.
Gespräche, Telefonate, Treffen und soziale Medien zusammengenommen.
Alles, was Diamandis als Kultur und Muße beschreibt, in einer einzigen Kategorie.
Zwei getrennt erhobene Posten, die jeweils bei gut einer halben Stunde am Tag liegen.
Ein methodischer Hinweis gehört zwingend dazu: Ehrenamt, Gartenarbeit und Handwerk zählen in dieser Statistik nicht als Freizeit, sondern als unbezahlte Arbeit. Es sind genau die Tätigkeiten, die Diamandis als Sinnstifter aufzählt. Für das Ehrenamt gibt es eine eigene Erhebung, und ihre Richtung ist die entgegengesetzte zu seiner Erwartung: Die Engagementquote lag 2024 bei 36,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren, nach 39,7 Prozent im Jahr 2019 (Sechster Deutscher Freiwilligensurvey, Bericht im Auftrag der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Stand 1. November 2025).
Der Befund, nüchtern formuliert: Die freie Zeit ist da, sechs Stunden am Tag. Die Gabelung zwischen Muße und Zerstreuung, die Diamandis für die Zukunft beschreibt, liegt nicht vor uns. Sie ist längst beschritten, und ein Drittel der Zeit fließt in den Bildschirm.
Seine historischen Beispiele halten der Prüfung im Kern stand, seine Belege verschieben sich an drei Stellen. Die Medici-Summe beziffert Lorenzo de' Medici in seinen Aufzeichnungen von 1471 auf 663.755 Florin seit 1434, nicht auf 633.000. Die von ihm als Harvard-Forschung zu Millionären bezeichnete Untersuchung zur Zeitverwendung stammt von Smeets und Kollegen und beruht auf niederländischen Vermögenden; die bekannte Harvard-Studie zu Millionären ist eine andere und untersucht Zufriedenheit, nicht Zeitverwendung. Und die Behauptung, nach der Niederlage Garri Kasparows gegen Deep Blue im Jahr 1997 hätten mehr Menschen Schach gespielt als je zuvor, lässt sich nicht belegen: Die Mitgliederzahlen des Deutschen Schachbunds sanken von 95.854 im Jahr 1997 auf 93.047 im Jahr 2000, die des amerikanischen Verbands ebenso. Der belegte Schach-Boom liegt im Jahr 2020.
Der Kern seines Arguments bleibt davon unberührt, und das sei hier ausdrücklich gesagt: Ein Läufer hört nicht auf zu laufen, weil ein Auto schneller ist. Das ist richtig und braucht keine Zahl.
Was bis 2028 sichtbar sein müsste
Eine Prognose für 2031 lässt sich heute weder beweisen noch widerlegen. Man kann aber festlegen, woran man auf halbem Weg erkennt, ob sie trägt. Zwei Kriterien sind bewusst streng formuliert: Ein sinkender Prozentanteil kann auch von steigenden Einkommen kommen, und ein langsamer steigender Baupreisindex macht Wohnen noch nicht bezahlbar.
| Wenn 2031 stimmen soll, müsste bis 2028 gelten | Nachprüfbar bei |
|---|---|
| Wohnkosten wachsen langsamer als das verfügbare Haushaltseinkommen, nicht nur langsamer als die Teuerung | Statistisches Bundesamt, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und Laufende Wirtschaftsrechnungen |
| Die Wohnkostenüberbelastung sinkt in Richtung EU-Durchschnitt, trotz weiter steigender Nachfrage | Eurostat, Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen |
| Baulandpreise in Ballungsräumen steigen nicht schneller als die Einkommen | Statistisches Bundesamt, Kaufwerte für Bauland |
| Ein fahrerloser Dienst ohne Sicherheitspersonal nimmt in einer deutschen Stadt den Regelbetrieb auf | Kraftfahrt-Bundesamt, Betreiber |
| Auf 100 offene Pflegestellen kommen wieder mehr als 100 Bewerber | Statistik der Bundesagentur für Arbeit |
| Ein Haushaltsroboter ist in Deutschland mit Preis, Lieferzeit und Gewährleistung bestellbar | Herstellerseiten, Handel |
| Eine begutachtete Studie zeigt für KI-Unterricht einen Effekt nahe Blooms Größenordnung | Fachzeitschriften |
| Der Anteil der Bildschirmzeit an der Freizeit sinkt, die Engagementquote steigt wieder | Zeitverwendungserhebung, Freiwilligensurvey |
Kein einziger dieser Punkte ist am 19. August 2026 erfüllt. Das widerlegt 2031 nicht. Es sagt, woran man es erkennen wird, ohne einer Prognose vertrauen zu müssen.
Die KIPODE-Einordnung
Technik kann die Kosten bestimmter Güter dramatisch senken, und sie tut es. Daraus folgt nicht, dass die größten Ausgabenblöcke eines deutschen Haushalts mitsinken. Entscheidend sind Knappheit, Produktivität, Verteilung, Eigentum und Regulierung. Der Vergleich mit dem Sonnenkönig stimmt, weil der Wohlstandssprung seit 1715 aus Dingen kam, die sich vervielfältigen ließen. Was heute den größten Teil des Budgets bindet, gehört nicht dazu.
Zweitens: Bei den Posten, die tatsächlich billiger werden, ist Deutschland nicht der Ort, an dem es zuerst ankommt. Das ist keine Frage der Technik, sondern der Zulassung, und damit eine, die entschieden werden kann.
Drittens, und das ist die deutsche Umkehrung seiner Frage: Vier seiner acht Posten sind hier längst gemeinsam bezahlt. Der Engpass heißt nicht Preis, sondern Verfügbarkeit. Falls die Rechnung aufgeht, wäre der Gewinn nicht der Privatflug, sondern der Facharzttermin, der Kitaplatz und die Pflegekraft.
Und viertens, zu seiner zweiten These: Die freie Zeit, aus der die zweite Renaissance entstehen soll, existiert in Deutschland bereits, sechs Stunden am Tag. Was daraus wird, ist keine Vorhersage, sondern eine Messung.
Anschluss-Lektüre auf KIPODE: Beitrag 46 zu Kokotajlos Bild des Jahres 2040, Beitrag 52 zu Musks These von der optionalen Arbeit, Beitrag 45 zu Mo Gawdats 16 Prozent, dazu die Themenseiten Arbeitsmarkt und Energie.