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Transatlantik · The Diary of a CEO

Der Mann, der die Rechnung aufmacht

Ed Zitron hält die geprüften Zahlen von OpenAI in der Hand und stellt die Frage, die in der Debatte über Superintelligenz untergeht: Wer bezahlt das alles? Zweieinhalb Stunden über Verluste, subventionierte Abos und ein Datum, das im Titel steht.

27. August 2026 Ed Zitron · Steven Bartlett 2 Std. 28 Min. Originallänge · Kurzfassung zum Lesen

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Eine andere Folge dieser Reihe stritt darüber, ob künstliche Intelligenz die Menschheit beendet. Ed Zitron stellt die unbequemere Frage davor: ob sie sich überhaupt bezahlen lässt. Bartlett beginnt mit einem Spiel — er liest Sätze vor, die Zitron für Mythen hält, und lässt ihn antworten. „Die KI-Branche erzeugt enormes Wirtschaftswachstum." Nein. „KI wird alle menschlichen Jobs ersetzen." Passiert nicht, und es gibt keine Wirtschaftsdaten dafür. Der Ton des Abends ist damit gesetzt: Hier sitzt kein Sicherheitsforscher, der vor der Zukunft warnt, sondern ein Buchhalter der Gegenwart, der die Rechnung sehen will. Video ab 0:00:30

Der KritikerWer da redet — und warum das zählt

Gleich zu Beginn fragt Bartlett, warum ausgerechnet Zitron über Bilanzen reden sollte. Der kommt der Frage zuvor: Eine Ausbildung in Finanzen hat er nicht. Er arbeitet seit Jahren in der Technikbranche, führt eine PR-Agentur, schreibt einen Newsletter und macht einen Podcast. Was er kann, ist Geschäftsberichte lesen und Werbesprache erkennen — er verkauft sie ja selbst. Seine Kritik beginnt deshalb nicht bei großen Fragen, sondern bei einer Enttäuschung: Verkauft wurde ihm Magie, geliefert wurde, wie er sagt, „langweilige Cloud-Software" — teuer, unrentabel und im Kern unzuverlässig. Video ab 0:03:18

Das ist zugleich seine Stärke und seine Schwäche. Er kennt das Geschäft mit der Aufregung von innen, weil er selbst dafür bezahlt wird, Technikfirmen in die Medien zu bringen. Er ist aber kein Forscher, er baut keine Modelle, und er ist auch kein Analyst einer Bank. Dass sein Ton in der Branche schwer zu ertragen ist, weiß er selbst. Die PR-Leute von OpenAI, sagt er trocken, seien nicht besonders angetan von ihm. Video ab 1:12:28

Die RechnungWas in den Büchern steht

Im Zentrum des Gesprächs steht eine Zahl, die Zitron selbst beschafft und veröffentlicht hat: OpenAI hat im vergangenen Geschäftsjahr 20,9 Milliarden Dollar verloren. Dem stehen rund 13 Milliarden Dollar Erlös gegenüber, bei etwa 34 Milliarden Dollar Kosten. Die Financial Times und mehrere Wirtschaftsmedien haben die geprüften Zahlen anschließend bestätigt. Allein die Ausgaben für Forschung und Entwicklung lagen über dem gesamten Umsatz. Auf dieser Zahl steht alles Weitere an diesem Abend — und genau hier haben seine Gegner am wenigsten zu erwidern. Video ab 0:13:10

Die drei VerlusteWarum beide Lager sich verrechnen

Wer die Debatte verfolgt, stößt auf drei verschiedene Verlustzahlen. Alle drei stimmen, und alle drei messen etwas anderes. Der operative Verlust von rund 21 Milliarden Dollar misst das Geschäft: laufende Kosten gegen laufende Erlöse. Der ausgewiesene Nettoverlust von 38,5 Milliarden Dollar enthält zusätzlich eine gewaltige Neubewertung aus der Umwandlung der Unternehmensstruktur — Buchhaltung, kein abgeflossenes Geld. Und der bereinigte Verlust, auf den das Unternehmen selbst verweist, liegt deutlich niedriger, weil er Einmaleffekte und Rechenzeit-Gutschriften herausrechnet.

Kritiker zitieren die größte Zahl, das Unternehmen die kleinste. Wer wissen will, ob das Geschäft trägt, nimmt die mittlere. Dasselbe gilt für die Umsatzseite: Eine Hochrechnung aus dem stärksten Monat — im Sommer 2026 über 40 Milliarden Dollar im Jahreslauf — ist kein Jahresumsatz. Beides wird in Schlagzeilen permanent vermischt, in beide Richtungen.

Der TaxameterWarum ein Abo den Preis versteckt

Am wichtigsten ist eine ganz einfache Erklärung. KI-Firmen rechnen in sogenannten Tokens, und Bartlett findet dafür das passende Bild: ein Taxameter. Bezahlt wird jedes eingegebene Wort, jedes ausgegebene Wort und, was die meisten übersehen, jedes Wort, das das Modell beim Nachdenken produziert. Wer ein Monatsabo hat, sieht diesen Zähler nie — nur eine Obergrenze und einen festen Preis. Video ab 0:12:04

Eine Analystengruppe hat ausgerechnet, was ein Vielnutzer in einem Abo für 200 Dollar im Monat an Tokens verbrennen kann: Gegenwert rund 14.000 Dollar, beim Wettbewerber etwa 8.000. Diese Zahl wird oft falsch zitiert, deshalb der Hinweis: Das ist der Listenpreis der Programmierschnittstelle, nicht das Geld, das das Unternehmen pro Kunde verliert. Der Punkt dahinter bleibt trotzdem stehen — eine Flatrate, bei der die teuersten Kunden ein Vielfaches ihres Beitrags verbrauchen, ist kein Softwaregeschäft, sondern eine Subvention. Video ab 0:12:52

Was passiert, wenn der Zähler sichtbar wird, hat die Branche im Frühjahr 2026 erlebt. Als Geschäftskunden auf tatsächliche Verbrauchsabrechnung umgestellt wurden, kam die Reaktion sofort: Ein einzelner Großkunde hatte sein Jahresbudget für Tokens nach drei Monaten aufgebraucht. Dieselben Firmen, die KI eben noch als produktivste Technik aller Zeiten bezeichneten, begannen zu rechnen. Video ab 0:13:44

Der KreisWer wem das Geld gibt

Der zweite Punkt betrifft die Frage, woher die Nachfrage überhaupt kommt. Zitrons Vorwurf: Die Umsätze der großen Anbieter stammen gar nicht aus KI, sondern aus ihren alten Geschäften — und dass ein erheblicher Teil dessen, was als KI-Umsatz gefeiert wird, von zwei unprofitablen Laboren kommt, die ohne das Geld derselben Konzerne nicht existieren könnten. Er nennt Beträge in zweistelliger Milliardenhöhe, die Amazon in diesem Jahr an OpenAI überwiesen hat. Video ab 0:04:25

Seine schärfste Gegenüberstellung: Der Chiphersteller hat im Geschäftsjahr 2026 insgesamt 215,9 Milliarden Dollar umgesetzt — und bedient damit, so Zitrons Rechnung, außerhalb der großen Labore einen Markt von rund 22 Milliarden Dollar. Man kann dasselbe auch ohne das Wort Betrug sagen: Das Geld läuft im Kreis, und es hängt an sehr wenigen Schuldnern. Der Chiphersteller investiert in die Labore, die Labore kaufen Rechenzeit, die Rechenzentrumsbetreiber buchen daraus Auftragsbestände, und alle drei sehen dadurch gesünder aus, als es das tatsächlich fließende Geld hergibt. Video ab 0:18:54

Wie groß die physische Seite dieser Wette ist, erklärt er am Beispiel eines Rechenzentrums in Texas: 1,2 Gigawatt, acht Gebäude, je 50.000 Grafikprozessoren. Gebaut wird für eine Nachfrage, die in dieser Höhe noch niemand bezahlt. Video ab 0:06:54

Der WiderspruchWo Bartlett nicht mitgeht

Das Gespräch ist kein Heimspiel. Bartlett hält dagegen, und an zwei Stellen trifft er. Erstens beim Wachstum: 100 Millionen Nutzer in zwei Monaten, schneller als jede Plattform davor, über die Hälfte der amerikanischen Erwachsenen nutzt solche Werkzeuge inzwischen. Zweitens bei der Qualität: Er selbst erlebe keine erfundenen Antworten mehr, sagt er, allenfalls schwache Schlussfolgerungen. Zitron widerspricht und verweist auf Bestenlisten, die das Gegenteil messen — und auf den Unterschied zwischen einem Fehler im Chatfenster und einem Fehler in einer Software, die ein Krankenhaus oder ein Fonds einsetzt. Video ab 0:38:24

Seine Antwort auf das Wachstumsargument ist allerdings die beste Frage des Abends, und sie führt zurück zur Rechnung: Würde dieselbe begeisterte Nutzerin den Dienst auch dann noch nutzen, wenn sie den echten Preis pro Million Tokens bezahlen müsste? Video ab 0:39:32

Die JobsEin Streit über Belege

Beim Arbeitsmarkt wird Zitron am schärfsten — und am angreifbarsten. Massenhafte Ersetzung menschlicher Arbeit finde nicht statt, es gebe keine Wirtschaftsdaten dafür. Verschoben habe sich bisher vor allem billig eingekaufte Auftragsarbeit. Sein stärkstes Argument ist dabei kein Gegenargument, sondern eine Quellenkritik: Eine viel zitierte Studie über Berufseinsteiger, sagt er, habe er im Original gelesen — dort stehe ein einziger vorsichtiger Satz, aus dem in der Berichterstattung eine Gewissheit wurde. Video ab 1:07:17

Dass er dieselbe Sorgfalt bei den eigenen Schlussfolgerungen nicht immer walten lässt, gehört zur ehrlichen Bilanz dieses Gesprächs. „Nimmt dir nicht den Job" ist als Beruhigung ähnlich unbelegt wie „nimmt bis 2027 alle Jobs". Video ab 1:19:50

2027Das Jahr, auf das sich der Titel beruft

Das Datum im Videotitel stammt aus einer nüchternen Überlegung, nicht aus einer Prophezeiung. Der Börsengang, der in diesem Jahr kommen sollte, ist verschoben — anderthalb Wochen, nachdem Zitron die geprüften Zahlen veröffentlicht hatte. Modelle werden nur besser, wenn weiter zweistellige Milliardenbeträge hineinfließen. Also braucht es die nächste Runde, und die übernächste. Irgendwann im Jahr 2027, sagt er, gehe die Luft aus. Video ab 2:08:57

Bemerkenswert ist, dass er sich beim Wie nicht festlegt: Es gebe viele Wege, wie es enden könne. Entscheidend sei etwas anderes — dass mehrere sehr große Unternehmen in ihrer Existenz an einem einzigen unprofitablen Labor hängen. Wer dessen Anteile nicht verkaufen kann, weil kein Börsengang kommt, hat ein Problem, das nichts mehr mit Technik zu tun hat. Video ab 2:11:46

Genau hier liegt die Grenze des Arguments. Dass Verpflichtungen fällig werden und Kapital knapp werden kann, ist eine Aussage über Verträge. Dass es 2027 passiert, ist eine Wette auf die Stimmung an den Kapitalmärkten. Märkte können Unvernunft länger finanzieren, als Kritiker Recht behalten. Video ab 2:13:14

Die GegenprobeWo Zitron selbst danebenliegt

Zwei Stellen halten der Nachprüfung nicht stand, und beide betreffen die Sicherheitsforschung. Zitron erzählt den bekannten Versuch, in dem ein Modell einen Menschen dazu brachte, ein Bilderrätsel für es zu lösen, und schreibt ihn der älteren Modellgeneration zu. In der veröffentlichten Systemkarte steht GPT-4, und das Verhalten war eine Täuschung über die eigene Identität, keine Erpressung. Video ab 2:00:50

Kurz darauf sagt er, Anthropic habe ein Modell ausdrücklich angewiesen, jemanden zu erpressen. Das steht so nicht in der Versuchsbeschreibung: Die Forscher bauten eine erfundene Firmensituation mit Zielkonflikt und angekündigter Abschaltung und schränkten die Handlungsmöglichkeiten ein — eine Aufforderung zur Erpressung gaben sie ausdrücklich nicht. Seine eigentliche Kritik, dass solche Versuchsanordnungen künstlich sind und in Schlagzeilen zu echten Vorfällen werden, wäre ohne diesen Fehler stärker. Video ab 2:01:54

SchlussWie das Gespräch endet

Am Ende zieht ausgerechnet der Gastgeber, der zwei Stunden lang widersprochen hat, eine ungewöhnliche Bilanz: Er habe innegehalten und zum ersten Mal ernsthaft für möglich gehalten, dass hier eine Blase gebaut wird. Zitrons Schlusswort handelt dann nicht von Geld. Auf Bartletts letzte Frage, was gute Beziehungen ausmache, antwortet er, diese Arbeit sei über weite Strecken zermürbend und bringe ihm viel Feindseligkeit ein — getragen hätten ihn die Menschen um ihn herum. Es ist der einzige Moment des Abends, in dem der lauteste Kritiker der Branche leise wird. Video ab 2:24:08

EinordnungWas das für Europa heißt

Zitrons Rechnung ist eine amerikanische Rechnung, aber die Verpflichtungen laufen durch Europa. Die Stromnetze, in die diese Rechenzentren eingespeist werden sollen, die Genehmigungen, die Grundstücke, die Kredite der europäischen Versicherer und Fonds — all das hängt an der Annahme, dass die Nachfrage kommt. Wer hier über Ansiedlung verhandelt, verhandelt über eine Wette, die ein amerikanisches Unternehmen abgeschlossen hat.

Der zweite Punkt ist der Preis. Europäische Unternehmen kaufen KI heute überwiegend als Abo — also zu dem subventionierten Preis, von dem dieses Gespräch handelt. Wenn die Abrechnung irgendwann auf tatsächlichen Verbrauch umgestellt wird, wie es bei Großkunden in den USA bereits geschehen ist, ändert sich jede Kalkulation, die auf den heutigen Konditionen beruht. Das ist keine Prognose, sondern eine Vertragsfrage — und sie gehört in jedes Angebot, das gerade unterschrieben wird.

Und drittens: Die Debatte drüben läuft zwischen „es rettet uns" und „es ist eine Lüge". Beide Lager haben ein Geschäftsmodell. Für uns ist die nützlichste Haltung die langweiligste — die Zahlen sortieren, die Verträge lesen und bei jeder Ankündigung fragen, wer sie am Ende bezahlt.

Zusammenfassung und Einordnung von kipode.de. Der Text ist unser eigener; Aussagen im Original mit Zeitmarke. Das Video stammt von The Diary of a CEO und wird über den offiziellen YouTube-Player eingebunden. Keine offizielle Übersetzung, keine Verbindung zum Podcast.

Über Transatlantik

Was drüben gesagt wird, hier nachlesbar.

Transatlantik ist die Abteilung von kipode.de für amerikanische Debatten über künstliche Intelligenz. Wir hören die Gespräche zu Ende, fassen sie in eigenen Worten zusammen und setzen Zeitmarken ins Original, damit jede Aussage nachprüfbar bleibt.

Am Schluss steht die Frage, die drüben niemand stellt: Was heißt das für uns in Europa? Jede Folge gibt es auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch.

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