Kunde oder Hersteller: Deutschland sucht seinen Platz zwischen Amerika und China
An einem einzigen Montag im September kamen zwei Nachrichten zusammen, die Europas Lage bei der Künstlichen Intelligenz besser beschreiben als jedes Strategiepapier. Der niederländische Konzern ASML, der die Maschinen baut, ohne die weltweit kein moderner Computerchip entsteht, verkaufte in Europa im vergangenen Quartal keine einzige davon. Vier Tage zuvor hatte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger bei der Halbjahresbilanz der deutschen Rechenzentrumsstrategie gesagt: „Deutschland braucht mehr Rechenpower.“ Dieser Beitrag ordnet ein, wie abhängig Deutschland heute ist, von wem, und was die Summen bedeuten, die derzeit im Gespräch sind.
Europas wertvollstes Technikunternehmen verkauft zu Hause nichts
ASML aus dem niederländischen Veldhoven ist das wertvollste Technologieunternehmen Europas. Die Firma baut die Belichtungsmaschinen, mit denen die fortschrittlichsten Chips der Welt hergestellt werden, auch die Rechenchips, auf denen jede große KI läuft. Am 22. September 2026 sagte Frank Heemskerk, bei ASML für die Beziehungen zur Politik zuständig, in Amsterdam: „Wir verkaufen in Europa überhaupt nichts. Das liegt daran, dass Europa nicht investiert und dass dort keine Chipfabriken gebaut werden.“ Nach Angaben der französischen Wirtschaftszeitung Les Echos entfielen im zweiten Quartal 2026 null Prozent der ASML-Maschinenverkäufe auf Europa. Im Jahr davor war es rund ein Prozent.
Der Satz betrifft den Verkauf neuer Maschinen in einem Quartal, nicht das Wartungsgeschäft und nicht die ganze Firmengeschichte. Er zeigt trotzdem, wo die Chips entstehen, die Europas KI braucht: in Taiwan, Südkorea, den USA und China.
Wer bei KI souverän sein will, landet heute in China
Am 21. September 2026 hat der chinesische Handy- und Autohersteller Xiaomi ein KI-Sprachmodell namens MiMo veröffentlicht. Es ist nach einer unabhängigen Rangliste, dem Artificial Analysis Intelligence Index, das leistungsfähigste Modell, das man frei herunterladen und auf eigenen Rechnern betreiben darf, kostenlos und auch für kommerzielle Zwecke. Die Gewichte liegen unter einer sehr freizügigen Lizenz (MIT) auf der Plattform Hugging Face. Die leistungsfähigsten Modelle aus den USA, etwa von OpenAI oder Google, liegen zwar weiterhin vorn. Sie laufen aber nur auf den Servern ihrer Hersteller.
Für eine deutsche Behörde oder eine Klinik, die Patientendaten aus Datenschutzgründen nicht in eine amerikanische Cloud geben darf, ist das ein echtes Dilemma. Für einen Mittelständler mit schützenswerten Betriebsgeheimnissen gilt dasselbe. Die einzige Möglichkeit, eine KI dieser Leistungsklasse im eigenen Haus zu betreiben, führt derzeit zu einem Modell aus China.
Der Datenschutz spricht dabei auch gegen China. Die Berliner Datenschutzbeauftragte Meike Kamp erklärte bereits im Juni 2025, die Übermittlung von Nutzerdaten durch die chinesische KI-App DeepSeek nach China sei rechtswidrig, und forderte Apple und Google auf, die App aus ihren Stores zu nehmen. Das betrifft allerdings die App, die laufend Daten nach China schickt. Ein Modell, das man herunterlädt und ohne Internetverbindung im eigenen Rechenzentrum betreibt, schickt keine Daten ab. Ein Verbot solcher Modelle für Behörden hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bisher nicht ausgesprochen. Tschechien hat DeepSeek in allen staatlichen Stellen untersagt, Deutschland nicht.
Die amerikanische Abhängigkeit steht im Gesetz
Rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes entfallen nach Angaben der EU-Kommission auf US-Anbieter. Ein amerikanisches Gesetz von 2018, der CLOUD Act, verpflichtet diese Anbieter, Daten auf Anordnung an US-Behörden herauszugeben, und zwar ausdrücklich unabhängig davon, ob die Daten in den USA oder anderswo gespeichert sind. Ein Rechenzentrum in Frankfurt ändert daran nichts, solange die Muttergesellschaft in Seattle oder Redmond sitzt. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Rechtsgutachten der Universität Köln im Auftrag des Bundesinnenministeriums, das im Dezember 2025 öffentlich wurde.
Wie schnell aus dieser Abhängigkeit eine Grenze werden kann, zeigte sich im Juni 2026. Nachdem das stärkste Modell eines US-Anbieters auf Weisung der US-Regierung für Nutzer außerhalb der USA gesperrt worden war, äußerte sich der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Ralf Wintergerst, öffentlich.
„Deutschland und Europa sind beim Zugang zu den stärksten KI-Modellen vom Wohlwollen der US-Regierung abhängig.“
Ralf Wintergerst, Präsident des Bitkom, 15. Juni 2026, zur Sperre des stärksten Anthropic-Modells für Nutzer außerhalb der USA
Deutschland steht damit zwischen zwei Abhängigkeiten. Die amerikanische ist bequem, weil die Produkte besser sind, aber sie hängt an der Politik in Washington. Die chinesische ist technisch möglich, weil die Modelle offen sind, aber politisch heikel.
Die Summe, von der alle reden
Jakob Uszkoreit gehört zu den acht Google-Forschern, die 2017 die Grundlage der heutigen KI-Sprachmodelle beschrieben haben. Heute leitet er das Biotech-Unternehmen Inceptive in Kalifornien. Im Juni 2026 sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, er wolle mit einem Team eine europäische KI bauen und brauche dafür 50 Milliarden Euro. Das Team könne er zusammentrommeln.
„Aber nicht das Geld.“
Jakob Uszkoreit, KI-Pionier und Mitautor des Transformer-Grundlagenpapiers, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20. Juni 2026
Zum Vergleich die Summen, die derzeit auf dem Tisch liegen: Die EU hat am 30. Juli 2026 die Ausschreibung für bis zu sieben sogenannte KI-Gigafabriken gestartet, also sehr große Rechenzentren für das Training von KI, mit öffentlichem und privatem Geld zusammen. Deutschland zog am 18. September eine Halbjahresbilanz seiner Rechenzentrumsstrategie: 25 von 28 Maßnahmen laufen. Das größte deutsche Einzelprojekt ist privat, die Schwarz-Gruppe baut im brandenburgischen Lübbenau ein KI-Rechenzentrum. In den USA haben OpenAI und seine Partner für das Projekt Stargate bis 2029 Investitionen angekündigt, China plant bis 2030 den eigenen Ausbau seiner digitalen Infrastruktur.
Balkenlängen sind maßstabsgerecht zur größten Zahl, den rund 530 Milliarden Dollar, die China bis 2030 in seine digitale Infrastruktur stecken will. Euro- und Dollar-Beträge stehen in der Währung, in der sie genannt wurden, und sind nicht ineinander umgerechnet oder addierbar. Uszkoreits gewünschte 50 Milliarden Euro entsprechen ungefähr dem, was allein OpenAI im Jahr für Rechenleistung ausgibt. Der Bund-Balken für nationale KI-Rechenkapazität ist bei diesem Maßstab absichtlich kaum sichtbar, das zeigt den Größenunterschied, nicht einen Fehler in der Zahl.
Was Europa selbst hat
Trotz der Abhängigkeiten gibt es einige europäische Bausteine, auf denen sich aufbauen lässt.
Europa kann die Rechenzentren also selbst betreiben und die Daten unter eigenem Recht halten. Die Chips darin kommen überwiegend aus Amerika, und die besten frei verfügbaren Modelle kommen aus China.
Aleph Alpha: was von der deutschen Hoffnung übrig bleibt
Ergänzt am 25. September 2026
Aleph Alpha wurde 2019 in Heidelberg von Jonas Andrulis und Samuel Weinbach gegründet und galt lange als die deutsche Antwort auf OpenAI, den Hersteller von ChatGPT. Ein Chatprogramm für jedermann hat die Firma allerdings nie angeboten. Wer als Privatperson Texte schreiben oder Fragen stellen will, findet dort bis heute nichts Vergleichbares. Die Kunden waren von Anfang an Behörden und große Unternehmen, die ihre Daten nicht in eine amerikanische Cloud geben wollen oder dürfen.
Ab 2024 stieg Aleph Alpha aus dem Wettlauf um das beste Sprachmodell aus. Seitdem verkauft die Firma vor allem eine Plattform namens PhariaAI, mit der Behörden und Unternehmen KI-Modelle im eigenen Rechenzentrum oder in der deutschen Cloud STACKIT betreiben können. Das Versprechen lautete nie, besser als ChatGPT zu sein. Es lautete, dass man die KI selbst in der Hand behält. Zu den bekannten Kunden gehört die Bundesagentur für Arbeit mit einem Rahmenvertrag über bis zu 19 Millionen Euro. Auch die Landesverwaltung in Baden-Württemberg nutzt mit ihrem KI-Assistenten F13 die Technik aus Heidelberg.
Wirtschaftlich blieb die Firma klein. Laut Jahresabschluss für 2023 lag der Umsatz bei rund 945.000 Euro, der Verlust bei 18,8 Millionen Euro. Im Oktober 2025 musste Gründer Andrulis den Chefposten abgeben, Anfang 2026 verließ er die Firma ganz. Im selben Zeitraum strich Aleph Alpha rund 50 Stellen. Zum Vergleich: Cohere aus Toronto, ebenfalls ein KI-Anbieter für Unternehmen und Behörden, setzte im vergangenen Jahr rund 240 Millionen Dollar um, also etwa das Zweihundertfache.
24. April 2026: Cohere kündigt an, Aleph Alpha zu übernehmen. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger spricht von einem „globalen KI-Champion“.
16. September 2026: Beide Seiten unterzeichnen die verbindliche Vereinbarung.
Noch 2026: Der Abschluss soll folgen, sobald die Behörden zugestimmt haben.
Nach dem Abschluss heißt die gemeinsame Firma Cohere. Sie wird auf rund 20 Milliarden Dollar bewertet. Für je neun Aleph-Alpha-Anteile gibt es eine Cohere-Aktie. Den bisherigen Eignern von Aleph Alpha gehören damit rund zehn Prozent, der kanadischen Seite rund 90 Prozent. Chef bleibt Aidan Gomez, Mitgründer von Cohere und wie Jakob Uszkoreit einer der Google-Forscher, die 2017 die Grundlage der heutigen Sprachmodelle beschrieben haben. Ilhan Scheer, bisher einer der beiden Chefs von Aleph Alpha, leitet künftig das operative Geschäft. Mitgründer Weinbach wird Forschungschef. Berlin wird neben Toronto einer von zwei Hauptsitzen, Heidelberg bleibt Forschungsstandort. Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören und die schon an Aleph Alpha beteiligt war, steckt zusätzlich 500 Millionen Euro in Cohere.
Ist das noch eine deutsche Hoffnung? Eine deutsche GmbH mit Büros in Heidelberg und Berlin bleibt bestehen. Die Geschichte vom deutschen OpenAI ist dagegen vorbei. Übrig ist ein Standort in einem kanadisch geführten Unternehmen, dazu das Versprechen, dass die Daten europäischer Kunden in Europa bleiben können. Für eine Behörde, die ihre Daten nicht in die USA geben darf, ist das ein brauchbares Angebot. Für die Frage dieses Beitrags heißt es: Auch bei Aleph Alpha ist Deutschland am Ende eher Standort und Kunde als Hersteller.
Die Frage, die bleibt
Die frühere EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager hat eine Woche zuvor mit anderen Fachleuten einen Bericht vorgelegt, der 100 Milliarden Euro für europäische Rechenzentren empfiehlt.
Für Deutschland stellt sich damit keine Frage zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit, denn völlig unabhängig wird bei Chips auf absehbare Zeit niemand in Europa. Die Frage ist, von wem man abhängig sein will und an welcher Stelle man selbst etwas in der Hand behält. Bei den Rechenzentren und den Daten ist Europa auf dem Weg, bei den Modellen noch nicht. Solange eine Klinik in Brandenburg die Wahl hat zwischen einem Modell, dessen Hersteller auf Weisung aus Washington den Zugang sperren kann, und einem Modell aus China, ist diese Frage nicht beantwortet.
Hinweis zur Quellenlage: Grundlage dieses Beitrags sind Berichte von Les Echos, NL Times, Bloomberg, Reuters, dem t-online-Bericht zum EU-Cloud-Paket, Angaben von EU-Kommission und Bundesregierung, der F.A.Z., der SCMP, der New York Times, zu Aleph Alpha von Handelsblatt, heise, Tagesspiegel, The Decoder, SiliconANGLE und Unite.AI sowie Presseinformationen von Bitkom, Schwarz Digits und der Deutschen Telekom.
Mehr dazu: Wie unmittelbar die amerikanische Abhängigkeit werden kann, hat KIPODE bereits im Juni 2026 aufgeschrieben, als die USA Anthropics stärkste Modelle für Nutzer außerhalb der USA sperrten. Im Juli ging es um die Rückkehr von Anthropics Modell Fable 5, allerdings zum doppelten Preis, im August folgte die Einordnung, was der Fall für deutsche Nutzer bedeutet. Der vorausgehende Beitrag im KI-Radar beschrieb, wie unterschiedlich vier Fachleute die Gefahren der Technik einschätzen.