KI Radar · Beitrag 70 ← Zurück zur Übersicht September 2026

Warum die Hand das schwerste Stück am Roboter ist

Roboter können heute rennen, tanzen und Saltos springen. Ein Glas Wasser sicher halten, während jemand einschenkt, fällt ihnen dagegen schwer. David Reger, Gründer und Chef der Robotikfirma NEURA Robotics aus Metzingen bei Reutlingen, hat in der Sendung „Founder Mode“ erklärt, woran das liegt. Seine Firma hat im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt und gilt als Deutschlands größte Hoffnung beim Bau humanoider Roboter, also Maschinen in Menschengestalt. An der Hand, sagt Reger, „hapert gerade die ganze Welt“.

Das Problem in einem Satz
Eine Roboterhand muss gleichzeitig zart, stark, klein, haltbar, billig und klug sein. Das schafft heute niemand.
zart
ein rohes Ei halten, ohne es zu zerdrücken
stark
eine volle Kiste oder eine Motorschraube packen
klein
nicht größer als eine Menschenhand, sonst passt sie nirgends hin
haltbar
hunderttausende Griffe überstehen, ohne zu reißen
billig
bezahlbar sein, damit sich ein Roboter überhaupt lohnt
klug
spüren, was sie greift, und sofort nachfassen

Laufen ist leichter als Greifen

Laufen
Weitgehend gelöst
Der Roboter fällt um oder nicht, man sieht es sofort. Beine dürfen groß, schwer und kräftig sein.
Greifen
Das große offene Problem
Die Hand sitzt am Ende eines langen Arms und darf kaum etwas wiegen. Trotzdem soll sie fühlen, zupacken und ewig halten.

Reißt nach einigen tausend Griffen ein Seil oder gibt ein Sensor auf, steht der teure Roboter still. Tesla-Chef Elon Musk hat es so gesagt: Eine geschickte Roboterhand zu entwerfen sei sehr schwer, sie in großen Stückzahlen zu bauen „hundertmal schwerer“. Wie recht er hat, zeigt seine eigene Fabrik. Hand und Unterarm des Tesla-Roboters Optimus bestehen aus über 100 Schrauben und Kleinteilen, die Arbeiter noch von Hand zusammensetzen.

Was unsere Hand nebenbei leistet

Wenn jemand Ihnen einschenkt, wird das Glas schwerer, und Ihre Finger drücken von selbst fester zu. Rutscht etwas, fasst die Hand nach etwa einer Zehntelsekunde nach, schneller als jede bewusste Reaktion. Möglich macht das die Haut: In Handfläche und Fingern sitzen rund 17.000 winzige Tastfühler. Sie melden Druck, Vibration und ob sich die Haut dehnt, weil etwas zu rutschen beginnt.

17.000
Tastfühler hat die Haut einer menschlichen Hand
eine Zehntelsekunde
so schnell fasst die Hand nach, wenn etwas rutscht
Tastfühler im Vergleich
Menschliche Hand: rund 17.000
Hand eines chinesischen Serienroboters (Unitree): 94
Der rote Strich ist maßstabsgerecht. Selbst eine gut ausgestattete Roboterhand fühlt nur einen winzigen Bruchteil dessen, was unsere Haut meldet.
Nehmen Sie mit dicken Skihandschuhen ein rohes Ei aus einer Schüssel, schauen Sie dabei nur auf einen Bildschirm, und jemand stößt gegen den Tisch. So ungefähr greift ein Roboter ohne Tastsinn.KIPODE-Vergleich

Die fünf eigentlichen Schwierigkeiten

1Gelenke
Viele Gelenke sind teuer, wenige sind ungeschickt
Jede Bewegung, die ein Finger zusätzlich kann, braucht einen eigenen Motor, einen Sensor, Kabel und Software. Fünf Finger wirken im Video verblüffend, brechen im Alltag aber leichter.
2Muskeln
Wohin mit den Motoren?
Beim Menschen sitzen die kräftigen Muskeln im Unterarm und ziehen die Finger über Sehnen. Roboter mit Seilzügen sind leicht, die Seile dehnen sich aber. Motoren direkt in den Fingern machen die Hand schwer und heiß.
3Fühlen
Sehen reicht nicht, Fühlen ist noch unreif
Ohne Tastsinn greift ein Roboter zu locker oder zu fest. Sensoren in den Fingerkuppen müssen aber Öl, Stöße und hunderttausende Griffe aushalten. Heute sind sie noch Verschleißteile.
4Kopf
Der Kopf ist zu langsam
Die großen KI-Programme sehen ein Bild, verstehen die Aufgabe und schicken Befehle. Für eine rutschende Tasse ist das zu langsam. Dafür braucht es einen schnellen Reflex, wie bei uns.
5Alltag
Ein Video ist keine Arbeitsschicht
Im Werbefilm darf die Hand fünfmal ansetzen, nach zwanzig Sekunden ist Schnitt. Im Lager muss sie acht Stunden durchhalten, mit schiefen Kartons, fettigen Schrauben und Menschen im Weg.

Wie groß der Abstand zwischen Vorführung und Alltag ist, hat Figure diesen Monat selbst gezeigt. Der Roboter der Firma hat in 30 fremden Wohnungen Betten gemacht, Handtücher gefaltet und Spielzeug aufgeräumt. Gut die Hälfte der Versuche gelang, der Rest ging schief. Das ist ein Fortschritt, aber noch kein Haushaltshelfer.

Sehen reicht nicht

Die meisten Roboter lernen heute mit einer KI, die ähnlich funktioniert wie ChatGPT. Sie bekommt zusätzlich Kamerabilder und gibt am Ende keine Sätze aus, sondern Bewegungsbefehle für Arm und Finger. Reger hält das für unvollständig. Ein Modell, das nur sieht, werde „niemals die Lösung“ für Roboter in der echten Welt sein. Beim Autofahren reiche Sehen, beim Greifen nicht.

STUFE 1
Verstehen
Die KI versteht Sprache, wie ChatGPT.
STUFE 2
Sehen
Sie erkennt auf Bildern: Da steht ein Glas.
STUFE 3
Handeln
Sie sagt dem Arm, wohin er greifen soll.
STUFE 4
Fühlen
Die Stufe, die laut Reger noch fehlt.
„Wenn man schwimmen lernen will, kann man nicht einfach ein Jahr lang Videos anschauen. Egal wie oft ich das Video anschaue, ich werde kein Schwimmer. Ich muss es selber machen.“David Reger, NEURA Robotics, in der Sendung Founder Mode, 25.09.2026 (gekürzt und sprachlich geglättet)

NEURA baut deshalb zwei Ebenen, so wie unser Körper. Ein „Gehirn“ versteht und plant. Ein „Nervensystem“ sitzt als eigener Chip in jedem Arm, entwickelt mit dem amerikanischen Chiphersteller Qualcomm, und reagiert in Tausendstelsekunden auf Druck. Es hält das Glas fest, bevor das Gehirn überhaupt merkt, dass es rutscht.

Dazu kommt der Datenmangel. Sprach-KIs lernen aus Milliarden Texten im Internet. Wie sich ein Griff anfühlt, steht nirgends. NEURA sammelt diese Daten deshalb in eigenen Trainingshallen. Dort steuern Menschen in Anzügen mit Messpunkten einen Roboter fern und machen ihm Aufgaben vor, bis hin zum Melken einer Kuh. Nach Angaben der Firma braucht ein Roboter für eine einfache neue Aufgabe inzwischen 14 Stunden Training, vor wenigen Monaten waren es noch 60 bis 70. Das sind Firmenangaben, unabhängig gemessen ist das nicht.

Einordnung: Reger sagt, die Konkurrenz arbeite nur mit einem „Gehirn“. Figure hat aber schon seit Februar 2025 ebenfalls eine schnelle und eine langsame Ebene. Der Unterschied liegt darin, womit die schnelle Ebene arbeitet.

Die ganze Folge dauert knapp zwei Stunden. Die Hand ist gleich am Anfang Thema. Das Video wird erst nach Ihrem Klick von YouTube geladen, vorher geht keine Verbindung dorthin.

0:01:25 · Die Frage nach der Hand0:02:23 · Kraft und Wärme0:04:14 · Das Nervensystem im Arm0:05:05 · Sehen reicht nie0:06:38 · Das Schwimmen0:10:38 · Es fehlen die Tastdaten0:10:54 · Die Trainingshallen0:17:15 · Die Kuh1:25:48 · Die Abgabe auf Roboter

Wie andere Hersteller das Problem angehen

NEURA ist nicht allein mit dieser Sicht. Die Hersteller gehen sehr unterschiedliche Wege, und keiner ist schon am Ziel.

USA · Lager
Agility Robotics verzichtet auf Finger
Der Roboter Digit von Agility Robotics trägt Kisten mit einer Art Zange. Mitgründer Jonathan Hurst: „Allzweckhände gibt es nicht. Es gibt keine auf dem Markt.“
USA · drei Finger
Boston Dynamics spart sich zwei Finger
Der Roboter Atlas von Boston Dynamics, einer Firma, die mehrheitlich zum Autokonzern Hyundai gehört, greift mit drei Fingern und einem drehbaren Daumen. Das reiche, um fast alles zu packen.
USA · Serienbau
Tesla kämpft mit der Fertigung
Bei Tesla besteht die Hand des Roboters Optimus samt Unterarm aus über 100 Schrauben und Kleinteilen, die noch von Hand montiert werden. Für die Tastsensoren kommt nächstes Jahr ein austauschbarer Handschuh.
USA · Fingerspitzen
Figure lässt die KI mitfühlen
Bei Figure AI, einer jungen Firma aus Kalifornien, bekommt die Steuerung des Roboters nicht nur Kamerabilder, sondern auch die Signale aus den Fingerkuppen.
Norwegen und USA · Haushalt
1X baut Sehnen wie beim Menschen
Die Firma 1X bewegt die Finger ihres Haushaltsroboters NEO über Seilzüge aus dem Unterarm. Ihre Begründung klingt wie Reger: Sehen allein reiche bei vielen Aufgaben nicht.
China · Kühlung
Xiaomi lässt die Hand schwitzen
Der Handy- und Autohersteller Xiaomi kühlt die Motoren in der Roboterhand mit einer Flüssigkeit, die verdunstet und dabei die Wärme mitnimmt, ähnlich wie Schweiß.
Schweiz · nur die Hand
mimic setzt Hände auf alte Roboterarme
Die Zürcher Firma mimic robotics, 2024 aus der ETH Zürich hervorgegangen, baut keinen ganzen Roboter. Sie setzt eine lernfähige Hand auf bewährte Industriearme, das sei einfacher, zuverlässiger und schneller einsetzbar. Erste Tests laufen bei Audi.
Deutschland · Reflexe
NEURA setzt auf das Nervensystem
Die Hand des NEURA-Roboters 4NE1 ist einfacher gebaut als die von Tesla oder 1X. Reger setzt auf die Steuerung: Der Roboter soll fühlen und reflexartig nachfassen.
Faustregel
Sieht eine Roboterhand aus wie eine Menschenhand, ist sie heute meist noch eine Vorführung. Sieht sie aus wie ein Werkzeug, arbeitet sie eher schon.

EinordnungWas das für Europa und Deutschland heißt

Bei der Roboterhand ist das Rennen noch offen. Weder Amerika noch China hat eine Hand, die zart, stark, haltbar und bezahlbar zugleich ist. Gebraucht wird genau das, worin Deutschland seit Jahrzehnten stark ist: Feinmechanik, Sensoren, kleine Getriebe und Motoren, die unter Last nicht aufgeben. Nicht zufällig stecken Bosch und Schaeffler Geld in NEURA. Wer die Hand löst, die jeden Tag tausende Griffe übersteht, liefert sie an alle Roboterhersteller der Welt.

Allerdings wandern Europas Roboterfirmen gerade ab. Der Schweizer Konzern ABB verkauft seine Robotersparte, einen der größten Industrieroboter-Hersteller der Welt, für 5,4 Milliarden Dollar an die japanische SoftBank. Die Zürcher Firma RIVR, die Lieferroboter auf Beinen baut, gehört seit März zu Amazon. Umso wichtiger sind Firmen wie NEURA in Deutschland und mimic in der Schweiz, die noch eigenständig sind.

Bisher haben Menschen im Kern zwei Dinge verkauft: ihren Kopf und ihre Hände. Beim Kopf müssen wir inzwischen einsehen, dass die KI gut ist. Was bleibt, ist die Hand: die Friseurin, der Handwerker, die Pflegekraft. Wenn Roboter eines Tages auch das übernehmen, dürfen wir uns diese letzte Fähigkeit nicht kampflos nehmen lassen. Wenn eine Maschine meinen Arbeitsplatz übernimmt, muss die Maschine auch für mein Leben mitbezahlen. Sonst haben wir am Ende nichts gewonnen außer Arbeitslosigkeit.

Wie das gehen könnte, was andere Länder dazu sagen und warum der Mensch heute mehr Steuern zahlt als die Maschine, steht im zweiten Teil: Warum zahlt der Mensch mehr Steuern als die Maschine?

Quellen: Founder Mode, 25.09.2026, David Reger (NEURA Robotics) · NEURA Robotics, Finanzierungsrunde über bis zu 1,4 Mrd. Dollar, 10.06.2026 · NEURA Robotics, Datenblatt 4NE1 · Johansson und Westling, Tastfühler beim Präzisionsgriff · Johansson und Vallbo, Tastsinn der Hand · De Gregorio und Santos, Reaktionszeiten beim Greifen, 2013 · Construction Physics, Robot Dexterity Still Seems Hard · Elon Musk auf X zur Fertigung der Hand, 10.09.2025 · Electrek, 25.09.2026, Tesla Optimus · The Robot Report, 15.09.2026, Agility Digit 5 · Interesting Engineering, 09.10.2025, Atlas-Hand · Figure AI, Helix, 20.02.2025 · Figure AI, Helix 02, 27.01.2026 · TechRepublic, 21.09.2026, Figure in 30 Wohnungen · 1X, Hände für NEO, 09.07.2026 · eWeek, 01.04.2026, Xiaomis schwitzende Hand · Deep Tech Nation Switzerland, mimic robotics · swissinfo, 11.09.2026, Schweizer Robotik · ABB, Verkauf der Robotersparte an SoftBank · startupticker, 20.03.2026, Amazon übernimmt RIVR.

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