Warum die Hand das schwerste Stück am Roboter ist
Roboter können heute rennen, tanzen und Saltos springen. Ein Glas Wasser sicher halten, während jemand einschenkt, fällt ihnen dagegen schwer. David Reger, Gründer und Chef der Robotikfirma NEURA Robotics aus Metzingen bei Reutlingen, hat in der Sendung „Founder Mode“ erklärt, woran das liegt. Seine Firma hat im Juni bis zu 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt und gilt als Deutschlands größte Hoffnung beim Bau humanoider Roboter, also Maschinen in Menschengestalt. An der Hand, sagt Reger, „hapert gerade die ganze Welt“.
Laufen ist leichter als Greifen
Reißt nach einigen tausend Griffen ein Seil oder gibt ein Sensor auf, steht der teure Roboter still. Tesla-Chef Elon Musk hat es so gesagt: Eine geschickte Roboterhand zu entwerfen sei sehr schwer, sie in großen Stückzahlen zu bauen „hundertmal schwerer“. Wie recht er hat, zeigt seine eigene Fabrik. Hand und Unterarm des Tesla-Roboters Optimus bestehen aus über 100 Schrauben und Kleinteilen, die Arbeiter noch von Hand zusammensetzen.
Was unsere Hand nebenbei leistet
Wenn jemand Ihnen einschenkt, wird das Glas schwerer, und Ihre Finger drücken von selbst fester zu. Rutscht etwas, fasst die Hand nach etwa einer Zehntelsekunde nach, schneller als jede bewusste Reaktion. Möglich macht das die Haut: In Handfläche und Fingern sitzen rund 17.000 winzige Tastfühler. Sie melden Druck, Vibration und ob sich die Haut dehnt, weil etwas zu rutschen beginnt.
Nehmen Sie mit dicken Skihandschuhen ein rohes Ei aus einer Schüssel, schauen Sie dabei nur auf einen Bildschirm, und jemand stößt gegen den Tisch. So ungefähr greift ein Roboter ohne Tastsinn.KIPODE-Vergleich
Die fünf eigentlichen Schwierigkeiten
Wie groß der Abstand zwischen Vorführung und Alltag ist, hat Figure diesen Monat selbst gezeigt. Der Roboter der Firma hat in 30 fremden Wohnungen Betten gemacht, Handtücher gefaltet und Spielzeug aufgeräumt. Gut die Hälfte der Versuche gelang, der Rest ging schief. Das ist ein Fortschritt, aber noch kein Haushaltshelfer.
Sehen reicht nicht
Die meisten Roboter lernen heute mit einer KI, die ähnlich funktioniert wie ChatGPT. Sie bekommt zusätzlich Kamerabilder und gibt am Ende keine Sätze aus, sondern Bewegungsbefehle für Arm und Finger. Reger hält das für unvollständig. Ein Modell, das nur sieht, werde „niemals die Lösung“ für Roboter in der echten Welt sein. Beim Autofahren reiche Sehen, beim Greifen nicht.
„Wenn man schwimmen lernen will, kann man nicht einfach ein Jahr lang Videos anschauen. Egal wie oft ich das Video anschaue, ich werde kein Schwimmer. Ich muss es selber machen.“David Reger, NEURA Robotics, in der Sendung Founder Mode, 25.09.2026 (gekürzt und sprachlich geglättet)
NEURA baut deshalb zwei Ebenen, so wie unser Körper. Ein „Gehirn“ versteht und plant. Ein „Nervensystem“ sitzt als eigener Chip in jedem Arm, entwickelt mit dem amerikanischen Chiphersteller Qualcomm, und reagiert in Tausendstelsekunden auf Druck. Es hält das Glas fest, bevor das Gehirn überhaupt merkt, dass es rutscht.
Dazu kommt der Datenmangel. Sprach-KIs lernen aus Milliarden Texten im Internet. Wie sich ein Griff anfühlt, steht nirgends. NEURA sammelt diese Daten deshalb in eigenen Trainingshallen. Dort steuern Menschen in Anzügen mit Messpunkten einen Roboter fern und machen ihm Aufgaben vor, bis hin zum Melken einer Kuh. Nach Angaben der Firma braucht ein Roboter für eine einfache neue Aufgabe inzwischen 14 Stunden Training, vor wenigen Monaten waren es noch 60 bis 70. Das sind Firmenangaben, unabhängig gemessen ist das nicht.
Einordnung: Reger sagt, die Konkurrenz arbeite nur mit einem „Gehirn“. Figure hat aber schon seit Februar 2025 ebenfalls eine schnelle und eine langsame Ebene. Der Unterschied liegt darin, womit die schnelle Ebene arbeitet.
Die ganze Folge dauert knapp zwei Stunden. Die Hand ist gleich am Anfang Thema. Das Video wird erst nach Ihrem Klick von YouTube geladen, vorher geht keine Verbindung dorthin.
Wie andere Hersteller das Problem angehen
NEURA ist nicht allein mit dieser Sicht. Die Hersteller gehen sehr unterschiedliche Wege, und keiner ist schon am Ziel.
EinordnungWas das für Europa und Deutschland heißt
Bei der Roboterhand ist das Rennen noch offen. Weder Amerika noch China hat eine Hand, die zart, stark, haltbar und bezahlbar zugleich ist. Gebraucht wird genau das, worin Deutschland seit Jahrzehnten stark ist: Feinmechanik, Sensoren, kleine Getriebe und Motoren, die unter Last nicht aufgeben. Nicht zufällig stecken Bosch und Schaeffler Geld in NEURA. Wer die Hand löst, die jeden Tag tausende Griffe übersteht, liefert sie an alle Roboterhersteller der Welt.
Allerdings wandern Europas Roboterfirmen gerade ab. Der Schweizer Konzern ABB verkauft seine Robotersparte, einen der größten Industrieroboter-Hersteller der Welt, für 5,4 Milliarden Dollar an die japanische SoftBank. Die Zürcher Firma RIVR, die Lieferroboter auf Beinen baut, gehört seit März zu Amazon. Umso wichtiger sind Firmen wie NEURA in Deutschland und mimic in der Schweiz, die noch eigenständig sind.
Bisher haben Menschen im Kern zwei Dinge verkauft: ihren Kopf und ihre Hände. Beim Kopf müssen wir inzwischen einsehen, dass die KI gut ist. Was bleibt, ist die Hand: die Friseurin, der Handwerker, die Pflegekraft. Wenn Roboter eines Tages auch das übernehmen, dürfen wir uns diese letzte Fähigkeit nicht kampflos nehmen lassen. Wenn eine Maschine meinen Arbeitsplatz übernimmt, muss die Maschine auch für mein Leben mitbezahlen. Sonst haben wir am Ende nichts gewonnen außer Arbeitslosigkeit.
Wie das gehen könnte, was andere Länder dazu sagen und warum der Mensch heute mehr Steuern zahlt als die Maschine, steht im zweiten Teil: Warum zahlt der Mensch mehr Steuern als die Maschine?