Beitrag 71 · Nr. 12 im September · 25. September 2026
Warum zahlt der Mensch mehr Steuern als die Maschine?
Im ersten Teil ging es um die Hand, das letzte Stück, das der Mensch noch besser kann als jede Maschine. Beim Denken holt die KI uns gerade ein, sie schreibt, rechnet und plant. Wenn Roboter eines Tages auch greifen können wie wir, übernehmen sie die Arbeit der Kassiererin, des Lageristen und irgendwann vielleicht der Friseurin. Dann stellt sich eine Frage, die heute kaum jemand laut stellt: Wer bezahlt das Leben der Menschen, deren Arbeit die Maschine macht?
Die Frage dieses Beitrags
Wir zahlen Steuern auf alles, was unser Körper leistet, auf Kopf, Hände und Füße. Ein Roboter, der dieselbe Arbeit macht, zahlt nichts. Es darf nicht sein, dass die Maschine bevorzugt wird und der Mensch immer zur Kasse gebeten wird.
Der Mensch zahlt, die Maschine wird gefördert
Wer in Deutschland arbeitet, zahlt Lohnsteuer und Beiträge in die Sozialkassen. Kauft eine Firma stattdessen eine Maschine, sieht die Rechnung ganz anders aus. Maschinen, die sie zwischen Juli 2025 und Ende 2027 anschafft, darf sie mit bis zu 30 Prozent pro Jahr von der Steuer absetzen. Die Bundesregierung nennt das „Wachstumsbooster“. Ab 2028 sinkt außerdem die Steuer auf Firmengewinne Schritt für Schritt. Das soll der Wirtschaft helfen, und es hilft ihr auch. Es bedeutet aber: Der Staat fördert die Maschine, während er die menschliche Arbeit hoch belastet.
Der Mensch zahlt
Lohnsteuer auf jeden Euro. Dazu Beiträge für Rente, Krankenkasse, Pflege und Arbeitslosenversicherung, zusammen gut 40 Prozent des Bruttolohns, geteilt zwischen Beschäftigten und Firma.
Die Maschine bringt Steuervorteile
Keine Lohnsteuer, keine Sozialbeiträge. Die Firma darf eine neue Maschine sogar mit bis zu 30 Prozent pro Jahr von der Steuer absetzen.
„Wer heute einen Menschen einstellt, zahlt Abgaben auf seinen Lohn. Wer einen Roboter kauft, kann ihn meist sofort als Betriebsausgabe absetzen.“Bill Gates, Gründer von Microsoft, in seinem Blog am 26.08.2026 (sinngemäß übersetzt). Das Steuersystem schiebe Firmen dazu, Menschen durch Maschinen zu ersetzen.
Die Rente hängt am Lohn
Unsere Rente funktioniert so: Wer heute arbeitet, bezahlt die Renten von heute. Etwa drei Viertel aller Einnahmen der Rentenversicherung stammen aus diesen Beiträgen auf Löhne. Der Rest kommt vor allem als Zuschuss aus dem Bundeshaushalt.
1962 (Westdeutschland)
Sechs Beitragszahler tragen einen Altersrentner.
Heute
Rund zwei Beitragszahler tragen einen Altersrentner.
Blau: Menschen, die in die Rentenkasse einzahlen. Rot: ein Altersrentner. Quelle: Demografieportal des Bundes.
Wenn jetzt auch noch Roboter und KI Arbeit übernehmen, fehlen der Rentenkasse Beiträge, obwohl die Wirtschaft vielleicht sogar mehr herstellt als vorher. Das Geld ist dann da. Es landet aber bei den Besitzern der Maschinen und nicht mehr in der Kasse, aus der die Renten bezahlt werden.
Was Roboter bisher bewirkt haben
Ganz neu ist die Frage nicht. Die Wirtschaftsforscher Wolfgang Dauth, Sebastian Findeisen, Jens Südekum und Nicole Wößner haben untersucht, was Industrieroboter zwischen 1994 und 2014 in Deutschland bewirkt haben.
1 Roboter
zusätzlich in einer deutschen Fabrik, 1994 bis 2014
2 Stellen
in der Industrie fielen dafür im Schnitt weg
275.000
Industriestellen insgesamt, vor allem, weil weniger junge Leute eingestellt wurden
ausgeglichen
durch neue Stellen bei Dienstleistern, aber mit Lohnverlusten für viele Facharbeiter
Damals konnten die Menschen ausweichen, aus der Fabrikhalle ins Büro, von der Hand in den Kopf. Diesmal kommen KI und Roboter gleichzeitig. Wohin man ausweicht, wenn Kopf und Hand ersetzt werden können, weiß heute niemand.
Eine historische Chance
Man kann die Sache auch von der anderen Seite sehen, und das ist die schönere. Zum ersten Mal in der Geschichte können Maschinen die Arbeit übernehmen, die kaum jemand gern macht. Acht Stunden an der Supermarktkasse, Kisten schleppen im Lager, Nachtschicht am Band. Wer hat sich eigentlich ausgedacht, dass Menschen ihr Leben damit verbringen müssen?
Wenn Roboter diese Arbeit übernehmen, könnten Menschen frei werden für das, was sie wirklich können und wollen. Aber nur, wenn sie davon leben können. Die Abgabe auf Roboter ist deshalb keine Strafe für den Fortschritt. Sie ist der Preis dafür, dass diese Freiheit bei allen ankommt und nicht nur bei den Besitzern der Maschinen.
Wer in Deutschland was sagt
SPD
Eine „KI-Dividende“ ins Spiel gebracht
Die SPD-Bundestagsfraktion hat Anfang September ein Papier beschlossen. Weil Lohnsteuer ausbleiben könne, sollen künftig auch „Gewinne aus Produktivitätssteigerungen durch KI, eine mögliche KI-Dividende oder die stärkere Einbeziehung von Kapitaleinkünften“ den Sozialstaat mitfinanzieren.
Die Linke
Wertschöpfungsabgabe statt Lohnbeiträgen
Gregor Gysi, Bundestagsabgeordneter der Linken, hält es durch KI für neu dringlich, die Sozialkassen über eine Abgabe auf die Wertschöpfung zu finanzieren statt nur über Löhne.
BSW
Als Ergänzung denkbar
Fabio De Masi, Europaabgeordneter des BSW, hält eine Maschinensteuer als ergänzendes Mittel für möglich, aber nicht für ein Wundermittel.
Regierung und Industrie
Förderung statt Abgabe
Die Bundesregierung setzt bisher auf Förderung, siehe die schnellere Abschreibung für Maschinen. Von Union, Arbeitgebern und dem Maschinenbauverband ist keine Unterstützung für eine Robotersteuer bekannt.
Was andere Länder machen
Eine echte Robotersteuer, bei der die Maschine für die ersetzte Arbeit zahlt, gibt es bisher nirgends. Diskutiert wird sie aber an vielen Stellen, und manche Länder gehen bewusst den umgekehrten Weg.
Frankreich
Senat lehnt 1 Prozent ab
Sozialistische Senatoren wollten 1 Prozent der Wertschöpfung jedes Roboters abschöpfen, höchstens so viel wie ein Mindestlohn. Die Regierung war dagegen.
abgelehnt, Nov. 2025
Schweiz
Nationalrat will Klarheit
Gegen den Willen der Regierung soll untersucht werden, ob KI die Steuereinnahmen gefährdet, weil sie die Löhne drückt. In Basel fordert die SP eine KI-Steuer.
wird geprüft, März 2026
Österreich
Seit 1983 in der Diskussion
Eine „Maschinensteuer“ unter dem Namen Wertschöpfungsabgabe wird seit über 40 Jahren diskutiert. In einer Umfrage der Arbeiterkammer Niederösterreich waren 63 Prozent dafür.
kein Gesetz
Spanien
Fonds für Beschäftigte
Arbeitsministerin Yolanda Díaz will, dass KI-Firmen eine eigene Abgabe zahlen. Das Geld soll Beschäftigten beim Umstieg helfen.
Vorschlag in Brüssel, März 2026
Polen
Der umgekehrte Weg
Firmen bekommen einen Steuervorteil, wenn sie Roboter anschaffen. Die Regierung will ihn bis 2036 verlängern.
Roboter werden gefördert
Südkorea
Am nächsten dran
Das Land mit den meisten Robotern pro Kopf hat 2017 die Steuervorteile für Automatisierung gekürzt. 2026 sagte Präsident Lee Jae-myung, man könne eine echte Robotersteuer erwägen.
wird erwogen
USA, New York
Die ersetzte Stelle zahlt weiter
Ein Gesetzentwurf will, dass eine Firma für jeden Beschäftigten, den sie durch Technik ersetzt, die Steuern weiterzahlt, die auf seinen Lohn angefallen wären.
hängt im Ausschuss
Europäische Union
Parlament sagte 2017 Nein
Das Europäische Parlament hat eine Robotersteuer 2017 abgelehnt, aus Sorge um Innovation und Arbeitsplätze. Seitdem gab es keinen neuen Anlauf.
abgelehnt, 2017
Wie eine Lösung aussehen könnte
1Ersetzte Stelle
Die ersetzte Stelle zahlt weiter
Wie im New Yorker Entwurf: Wer einen Menschen durch eine Maschine ersetzt, führt die Abgaben weiter ab. Der Genfer Steuerrechtler Xavier Oberson schlägt Ähnliches vor: Besteuert wird der eingesparte Lohn.
2Tausch
Heute fördern, später kassieren
NEURA-Chef David Reger will, dass der Staat die Automatisierung heute unterstützt und die Firmen dafür später Sozialabgaben auf ihre Roboter zahlen, sobald diese Menschen ersetzen.
3Wertschöpfung
Die Leistung zahlt, nicht der Lohn
Die Sozialkassen werden nicht mehr nur aus Löhnen gefüllt, sondern aus allem, was eine Firma erwirtschaftet, ob mit Menschen oder mit Maschinen.
4Bürgerfonds
Alle werden beteiligt
Norwegen legt sein Öl-Geld in einen Staatsfonds, aus dessen Erträgen der Staatshaushalt jedes Jahr einen Teil nutzt. In Alaska bekommt jeder Einwohner jedes Jahr einen Anteil, 2026 sind es 1.200 Dollar. Dasselbe ginge mit Robotern.
5Anteil am Können
Wer den Roboter anlernt, verdient mit
Die Friseurin, die einem Roboter das Schneiden beibringt, bekommt für jeden Haarschnitt einen Anteil, den er mit ihrem Können macht.
6Menschensache
Manche Arbeit bleibt menschlich
Bill Gates schlägt vor, einige Tätigkeiten ausdrücklich Menschen vorzubehalten, etwa die Überbringung einer schweren Diagnose.
7Europa
Die Abgabe gilt an der Grenze
Damit Fabriken nicht abwandern, könnte die Abgabe wie beim CO2-Grenzausgleich der EU auf alles erhoben werden, was in Europa verkauft wird, egal wo der Roboter steht.
Die Gegenargumente
Die Gegner sagen: Wer Roboter besteuert, bremst den Fortschritt, und die Fabriken ziehen dorthin, wo Maschinen gefördert werden. Außerdem sei kaum zu sagen, was überhaupt ein Roboter ist, die Spülmaschine, die Fräse oder ein KI-Programm ohne Hand. Und bisher hat jede neue Technik am Ende mehr Arbeit geschaffen, als sie vernichtet hat. Diese Einwände muss jede Lösung beantworten. Ein Grund, die Frage liegen zu lassen, sind sie nicht.
EinordnungWas das für Europa und Deutschland heißt
Europa hat das stärkste Sozialsystem der Welt, und es ist weitgehend auf Löhne gebaut. Wenn Maschinen die Arbeit übernehmen, trifft das Europa deshalb härter als Amerika oder China. Zugleich ist Europa der Ort, an dem eine gerechte Lösung am ehesten entstehen kann.
Die Logik ist einfach: Wenn eine Maschine meinen Arbeitsplatz übernimmt, muss die Maschine auch für mein Leben mitbezahlen. Sonst haben wir am Ende nichts gewonnen außer Arbeitslosigkeit. Richtig gemacht, wird aus dem Fortschritt dagegen eine Befreiung von Arbeit, die niemand gern macht.
Noch lernen die Roboter. Noch füllen sie Lücken, weil mehr Menschen in Rente gehen, als nachkommen. Das ist genau die Zeit, in der Europa die Regeln festlegen muss, bevor die Maschinen die Arbeit übernommen haben.
Wer soll zahlen, wie viel und ab wann?
Diese Diskussion muss jetzt beginnen. Reden Sie darüber, mit Kollegen, in der Familie, mit Ihren Abgeordneten, und teilen Sie diesen Beitrag.