Peter Thiel in Berlin: Europa liegt bei der künstlichen Intelligenz weiter zurück als Frankreich einst mit seinem eigenen Internet, und eine Pause in der Entwicklung hält er für gefährlicher als die Technik selbst
Peter Thiel gehört zu den einflussreichsten Geldgebern im Silicon Valley, der amerikanischen Technikregion südlich von San Francisco. Er hat den Bezahldienst PayPal mitgegründet und später die Datenfirma Palantir, deren Software heute Polizeibehörden, Geheimdienste und Armeen nutzen. Am 24. September 2026 hat ihn der Berliner Medienkonzern Axel Springer mit dem Axel Springer Award ausgezeichnet, den das Haus an Unternehmer und Denker vergibt, die nach seiner Ansicht die Welt verändern. Am selben Tag sprach Konzernchef Mathias Döpfner in Berlin gut eine Stunde lang mit ihm für seine Gesprächsreihe MD Meets. Rund ein Fünftel des Gesprächs dreht sich um künstliche Intelligenz (KI), ein weiteres großes Stück um die Frage, warum Europa und Deutschland dabei so weit hinten liegen.
Thiel über Europa und die künstliche Intelligenz: „Nach meiner Einschätzung liegt Europa extrem weit zurück.“ (In my telling it’s extremely far behind.)MD Meets, 24. September 2026, bei Minute 11
Veröffentlicht am 24. September 2026, 65 Minuten, gesprochen auf Englisch. YouTube bietet eine automatisch erzeugte deutsche Tonspur an. Das Video wird erst nach Ihrem Klick von YouTube geladen, vorher geht keine Verbindung dorthin.
Vom Stillstand zur Beschleunigung
Thiel vertritt seit rund zwanzig Jahren die These, dass der technische Fortschritt seit den 1970er Jahren langsamer geworden ist. Computer, Internet und Software hätten sich rasant entwickelt, die Welt der Dinge dagegen kaum. Maschinenbau, Chemie, Luftfahrt und Kernkraft seien schon in den 1980er Jahren keine Fächer mehr gewesen, mit denen man Erfolg haben konnte. Diese Flaute macht er für vieles verantwortlich, was in westlichen Ländern schiefläuft: Wenn jeder Gewinner einen Verlierer braucht, wird Politik zu einem Spiel, bei dem man nur noch verteilen kann, und die Gesellschaft wird härter.
Seine Meinung habe er inzwischen „bis zu einem gewissen Grad“ geändert, sagt er. Künstliche Intelligenz sei „vielleicht größer als das Internet“ und habe zumindest das Zeug, das Wachstum wieder anzuschieben, „mit allem Guten und Schlechten, was dazugehört“ (perhaps AI is bigger than the internet and at least has the potential to reaccelerate growth).
0:00:54 · Die These vom Stillstand0:02:46 · Größer als das Internet
Wie gefährlich ist die Technik?
Döpfner spricht ihn auf die Warnungen an, über die in den Wochen davor viel diskutiert wurde: Sam Altman, der Chef von OpenAI, Dario Amodei, der Chef von Anthropic, und der Unternehmer Elon Musk hatten gesagt, künstliche Intelligenz könne außer Kontrolle geraten. Szenarien wie in den Kinofilmen „Matrix“ oder „Terminator“ hält er für unwahrscheinlich. Er fügt aber hinzu: „Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit nur 5 oder 10 Prozent beträgt, ist das ziemlich schlimm“ (if the probability is even 5 or 10%, that seems pretty bad).
Daraus folge trotzdem nicht, dass man immer langsamer und vorsichtiger werden müsse. Sein Argument: Die Mittelschicht in Amerika und Europa lebt von dem Versprechen, dass es den Kindern einmal besser geht als den Eltern. Bricht dieses Versprechen, gerate die ganze Gesellschaft „auf sehr, sehr seltsame Weise“ aus den Fugen. Wer glaube, eine Welt ohne Wachstum werde eine friedliche, sozialdemokratische Gesellschaft, irre sich.
0:04:46 · Fünf oder zehn Prozent0:06:29 · Wenn das Versprechen bricht
Warum Thiel eine Pause für falsch hält
Bremsen ließe sich die Entwicklung nur, wenn die ganze Welt mitmacht. Dafür bräuchte es nach Thiels Worten eine Weltregierung „mit echten Zähnen“, also mit echter Macht, und das wäre ein Heilmittel, „das schlimmer ist als die Krankheit“ (a cure that’s worse than the disease). Die realistische Gefahr sieht er woanders: Der Westen bremst, und China bremst nicht.
Scharf kritisiert er Papst Leo XIV. Der Papst hat im Mai 2026 mit „Magnifica humanitas“ ein Lehrschreiben zum Schutz des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz veröffentlicht. Die Kommunistische Partei Chinas werde nicht auf den Papst hören, die Menschen in Amerika vielleicht schon, sagt Thiel. Damit habe der Papst im Ergebnis für die Kommunistische Partei gearbeitet. Er sei kein Agent, aber „zumindest ein nützlicher Idiot“ (a useful idiot).
Döpfner berichtet, zwei Gründer großer KI-Firmen hätten ihm von Belegen erzählt, dass China gezielt KI-feindliche Stimmung über amerikanische Plattformen verbreite. Thiel hält das für glaubhaft, aber nicht für den Hauptgrund. Die Skepsis gegenüber KI im Westen sei vor allem hausgemacht.
0:07:33 · Eine Weltregierung0:08:36 · Der Papst0:09:18 · Stimmungsmache aus China
Europa spürt den Druck noch nicht
Warum sind die Amerikaner gegenüber künstlicher Intelligenz so viel skeptischer als die Europäer? Thiels Antwort: weil die Entwicklung in den USA stattfindet. China folge schnell, Europa liege „extrem weit zurück“ und spüre den Wandel deshalb noch gar nicht, nicht einmal in den Unternehmen.
Als Beleg nennt er seine eigene Firma. Die Verkäufe von Palantir an amerikanische Unternehmen hätten in den letzten Jahren „enorm angezogen“, weil dort jeder verstehe, dass sich Firmen jetzt für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz umbauen müssen. In Europa herrsche dagegen die Haltung, man könne abwarten. Thiel fasst sie in ein verdrehtes Sprichwort: Verschiebe nicht auf morgen, was du auch übermorgen erledigen kannst (don’t do tomorrow what you can save for the day after).
Concorde oder Minitel: zwei Wege, die Europa kennt
Später im Gespräch wird Thiel noch deutlicher. Er vergleicht zwei europäische Großprojekte, eines gelungen und eines gescheitert.
Als gelungenes Beispiel nennt er die Concorde. Den ersten Flug schneller als der Schall hatte 1947 der amerikanische Testpilot Chuck Yeager geschafft. Briten und Franzosen bauten danach gemeinsam ein Passagierflugzeug, das schneller als der Schall flog, 1969 erstmals abhob und von 1976 bis 2003 im Liniendienst war. Für Thiel zeigt das: Europa kann einen amerikanischen Vorsprung aufholen und sogar überholen, wenn es sich gemeinsam anstrengt.
Als gescheitertes Beispiel nennt er das Minitel, das heute in Deutschland kaum noch jemand kennt. Ab 1982 verteilte die staatliche französische Post- und Telefongesellschaft kleine Bildschirmgeräte mit Tastatur kostenlos an die Haushalte. Darüber ließen sich über die Telefonleitung das Telefonbuch und Zugfahrpläne abrufen, Bankgeschäfte erledigen und Nachrichten schreiben. Auf dem Höhepunkt um das Jahr 2000 nutzten es rund 25 Millionen Menschen, als in Frankreich erst wenige einen Internetanschluss hatten. Deutschland hatte mit dem Bildschirmtext der Bundespost ab 1983 etwas Ähnliches. Weil die Geräte hier Geld kosteten, kamen 1986 statt der erhofften Million aber nur rund 60.000 Nutzer zusammen.
Frankreich war mit dem Minitel seiner Zeit voraus und wollte das Netz der Zukunft auf eigene, französische Art. Als das weltweite Internet aus Amerika kam, hielt das Land zu lange an seinem eigenen System fest und lag am Ende zurück. Abgeschaltet wurde das Minitel erst am 30. Juni 2012.
Für die künstliche Intelligenz im Jahr 2026 fällt Thiels Urteil eindeutig aus: Europa liege „noch weiter zurück, als es das Minitel war“ (Europe’s further behind than Minitel was). Döpfner stimmt ihm ausdrücklich zu.
0:42:10 · Die Concorde0:43:16 · Weiter zurück als das Minitel
Die Angst vor dem Erfolg
Über Deutschland heißt es oft, die Gründer hätten Angst vor dem Scheitern. Thiel hält etwas anderes für wichtiger, eine „Angst vor dem Erfolg“. Wer hierzulande eine Firma aufgebaut hat, die funktioniert, verkaufe sie irgendwann, statt sie so groß zu machen, wie es Elon Musk mit Tesla oder Mark Zuckerberg mit seiner Firma Facebook getan haben.
Dazu bringt er eine eigene Zählung mit. Unter den 50 reichsten Menschen der USA sind zwölf im Jahr 1965 oder später geboren, und neun von ihnen haben ihr Vermögen selbst aufgebaut. Unter den 50 reichsten Deutschen sind sogar zwanzig so jung, aber alle zwanzig haben ihr Vermögen geerbt. Keiner von ihnen hat ein großes neues Unternehmen gegründet. Irgendetwas sei in Deutschland seit etwa 1995 zerbrochen, sagt Thiel. Eine Antwort darauf habe er nicht.
0:44:16 · Angst vor dem Erfolg0:45:05 · Die Zählung der Reichsten
Nicht böse, sondern unfähig
Der Satz aus dem Gespräch, der danach am häufigsten geteilt wurde, fällt bei der Frage, ob Technik gut oder böse sei. Thiel unterscheidet zwei Gegenteile von „gut“: das moralische, „böse“, und das praktische, „schlecht“. Ein Ferrari sei in diesem Sinn ein „böses“ Auto, weil er viel Benzin verbraucht, aber er funktioniert. Ein Trabant aus der DDR sei ein „schlechtes“ Auto. Das eigentliche Problem unserer Gesellschaften seien nicht die Bösen, sondern die vielen in Politik und Wirtschaft, die schlicht nichts zustande bringen. Er stellt ausdrücklich klar, dass es besser sei, gut zu sein als böse.
Thiel über Demokratie und Trump
Döpfner spricht ihn auf einen Satz aus einem Aufsatz von 2009 an, der ihm bis heute vorgehalten wird: Er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Thiel sagt dazu, er habe den Text an einem Abend geschrieben und die Formulierung zwei Wochen später korrigiert. Er habe nie gemeint, dass jemandem das Wahlrecht genommen werden solle, sondern dass Politik weniger aufgeladen sein sollte.
Thiel hatte den heutigen US-Präsidenten Donald Trump 2016 im Wahlkampf unterstützt. Über dessen zweite Regierung urteilt er nun kritisch: Sie bestehe aus Leuten, die „nicht sehr klug, aber sehr loyal“ seien. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2028 ein Kandidat vom linken Flügel der Demokraten, ein sogenannter demokratischer Sozialist, Präsident der USA wird, schätzt er auf etwa die Hälfte.
0:16:12 · Der Satz von 20090:26:45 · Nicht sehr klug, aber loyal0:33:49 · Die Wahl 2028
EinordnungWas das für Europa und Deutschland heißt
Thiels Beobachtung deckt sich mit dem, was viele europäische Fachleute sagen, er formuliert sie nur ohne diplomatische Rücksicht: Bei der künstlichen Intelligenz entscheidet sich gerade, welche Unternehmen und welche Länder in zehn Jahren vorne liegen, und in Europa haben das viele Firmen noch nicht gespürt.
Seine eigene Frage ist die spannendere: Wird die künstliche Intelligenz für Europa eine Concorde, bei der man aufholt, oder ein Minitel, bei dem man auf dem eigenen Weg stehen bleibt? Die Concorde zeigt, dass ein Rückstand aufzuholen ist, wenn Länder ihre Kräfte bündeln und ein klares Ziel haben. Bausteine dafür liegen bereit. Die EU hat bereits 19 KI-Fabriken ausgewählt, also Rechenzentren, in denen Firmen und Forscher ihre KI-Programme entwickeln und anlernen können. Für bis zu sieben deutlich größere KI-Gigafabriken läuft die Ausschreibung noch bis zum 12. November 2026. In Deutschland hat die Expertenkommission „Wettbewerb und Künstliche Intelligenz“ des Wirtschaftsministeriums im April einen Staatsfonds „Deutsches Zukunftskapital“ mit rund 300 Milliarden Euro bis 2035 vorgeschlagen, beschlossen ist er noch nicht.
Auch an Firmen fehlt es nicht. Fünf Beispiele zeigen, dass in Europa Unternehmen mit künstlicher Intelligenz wachsen:
Was fehlt, ist das, was Thiel die Angst vor dem Erfolg nennt: Gründer und Geldgeber, die nicht beim ersten guten Kaufangebot verkaufen, sondern weiterwachsen wollen, bis aus einer guten Firma ein Weltkonzern wird.
Ob man Thiels Politik teilt oder nicht, seine Frage verdient eine Debatte in Deutschland. Was müsste sich ändern, damit die nächste große Firma aus Deutschland nicht verkauft wird, sondern hier groß wird? Diese Diskussion sollte jetzt geführt werden und nicht erst, wenn der Rückstand noch größer ist.
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